Im Kino: Zeit des Zorns Bis zum letzten Schuss

Alis Präzisionsgewehr wirkt wie die angemessene Antwort auf das iranische Regime. Doch weil klare Frontlinien für das Geschichtenerzählen hinderlich sind, ist die Sache so einfach nicht.

Von T. Kniebe

Dieser Film ist in Iran entstanden, im Frühsommer letzten Jahres, unmittelbar vor der Präsidentschaftswahl. Das Drehbuch hatte die offizielle Genehmigung der Zensurbehörden. Es handelt von einem Mann, der in einer Zeit der Gewalt und der Unruhen seine Frau und sein Kind verliert und daraufhin zum Polizistenmörder wird - zum Amokläufer mit Präzisionsgewehr.

Förderungswürdig sei das nicht, befand die Zensurbehörde, vergab aber dennoch eine Genehmigung in der Kategorie C. Was so viel bedeutet wie: darf gedreht werden, aber ohne staatliche Hilfen. Dann kam der 12. Juni 2009, und die letzten Wahllokale hatten noch geöffnet, als die staatliche Nachrichtenagentur

Mit aller Gewalt

Irna den "erdrutschartigen" Sieg von Mahmud Ahmadinedschad verkündete. In Iran brach eine Zeit der Gewalt und der Unruhen aus. Dutzende Menschen starben, die dieses Wahlergebnis nicht glauben wollten oder konnten und in wochenlangen Massenprotesten auf die Straße gingen.

Zeit des Zorns klingt nun wie der passende Filmtitel dazu. Und ein durchgeladenes Präzisionsgewehr wirkt wie eine passende, vielleicht sogar wie die einzig angemessene Antwort auf ein korruptes, aggressives Regime, das Gegner töten lässt, Oppositionelle - auch unliebsame Filmemacher - reihenweise verhaftet, sich mit aller Gewalt an der Macht zu halten versucht. So einfach ist die Sache dann allerdings doch nicht.

Klare Frontlinien mögen für die politische Auseinandersetzung wichtig sein - für Geschichtenerzähler sind sie meist eher hinderlich. Was Rafi Pitts, dem Autor, Regisseur und Hauptdarsteller von Zeit des Zorns, bei der Fertigstellung seines Films offenbar sehr bewusst war. Er lebt in Paris, Schnitt und Postproduktion fanden in Europa statt - er hätte alle Freiheiten gehabt, stärker und eindeutiger auf die Ereignisse nach der Wahl zu reagieren.

Er blieb bei der Geschichte, die er davor schon erzählen wollte. Sie ist klar und aktuell genug.

Nieder mit dem Diktator

Der Protagonist, den Rafi Pitts selbst spielt, weil der dafür vorgesehene Darsteller sich am ersten Drehtag als untauglich erwies, heißt Ali. Niemand würde ihn als Hoffnungsträger eines neuen, weltoffenen Iran bezeichnen. Man erfährt, dass er im Gefängnis saß. Er könnte im Iran-Irak-Krieg, Mitte der achtziger Jahre, als junger Kämpfer traumatisiert worden sein - jedenfalls hat er irgendwo ziemlich gut schießen gelernt. Er verbringt Tage allein in der Wildnis mit seinem Jagdgewehr - in moosigen, nebligen, winterlichen Wäldern, die stark an ein deutsches Mittelgebirge erinnern und gar nichts von der mediterranen, ockerfarbenen Wärme haben, die man sonst mit dem iranischen Kino assoziiert.

Ali liebt seine Frau und seine Tochter, aber viel geredet wird in dieser Familie nicht. Auch seine Arbeit als Nachtwächter erledigt er weitgehend stumm. Einmal fragt er seinen Chef, ob er in die Tagschicht wechseln könnte, aber solche Vergünstigungen sind für einen Ex-Häftling wie ihn nicht drin. Falls er überhaupt Hoffnungen hat, sind diese nicht an die aktuellen Machthaber geknüpft, deren aggressive, meist antiamerikanische Tiraden man öfter im Radio hört; noch weniger glaubt er an die vage Möglichkeit, andere Machthaber zu wählen. Dabei steht auch im Film gerade eine Wahl an, und als sie stattgefunden hat, hupen nachts viele Autos auf den Straßen, und von Ferne wehen Sprechchöre herüber: "Nieder mit dem Diktator!"

Da sind Frau und Tochter bereits verschwunden, Ali sucht sie und fürchtet das Schlimmste. Nach Tagen voller Qual und Behördenschikanen wird er zur Identifizierung der Leichen geführt, erst zur Frau, dann zur Tochter.

Irgendwie sind sie zwischen die Fronten geraten, heißt es. "Nur eine Autopsie kann zeigen, ob die Kugeln von der Polizei oder von den Rebellen waren", sagt der Untersuchungsbeamte.

Hass und Paranoia

Ali steigt mit seinem Präzisionsgewehr auf einen Hügel an der Peripherie Teherans, wo sich vielspurige Highways ineinanderschrauben, als wär's in Los Angeles. Ein wirklicher Staatsfeind ist er auch in diesem Moment noch nicht, wahllos verfolgt er einzelne vorbeifahrende Autos im Zielfernrohr, den Finger am Abzug. Als dann zufällig eine Polizeistreife auftaucht, drückt er ab . . .

Wie er dann vom Jäger zum Gejagten wird, wie tödliche Aggressionen auch unter den Polizisten ausbrechen, die ihn schließlich stellen und gefangen nehmen - das erzählt die Parabel eines Landes, das seinen Weg endgültig verloren hat, das nicht mehr in eine Zivilisation zurückfindet, in der ein anderes Recht gelten würde als das Recht des Stärkeren, das sich in Hass und Paranoia gerade selbst zerfleischt.

Wenn die iranische Oppositionsbewegung eine Bewegung der Hoffnung ist, dann gehört dieser tief pessimistische Film sicher nicht dazu. Erst im Umkehrschluss enthüllt Zeit des Zorns seine Menschlichkeit - in seiner Distanz zur Gewalt, in der Fremdheit, mit der Rafi Pitts auch auf seinen Rächer-Protagonisten blickt. Seine ersten beiden Schüsse feuert Ali mitten im Wald ab. Sie haben keinen Sinn und kein erkennbares Ziel. Genau zu dieser Zeit aber - das erfahren wir hinterher - müssen Frau und Tochter von den tödlichen Polizeikugeln getroffen worden sein.

SHEKARCHI, Iran/D 2010 - Regie, Buch: Rafi Pitts. Kamera: Mohammad Davudi. Mit: Rafi Pitts, Mitra Hajjar, Ali Nicksaulat. Neue Visionen, 91 Minuten.