Ein Südfranzose, ein Nordländer und ein völlig unverständlicher Dialekt. Wie die Komödie "Willkommen bei den Ch'tis" in nur sechs Wochen zum erfolgreichsten französischen Film aller Zeiten wurde.
Der größte Erfolg, den das französische Kino seit vierzig Jahren hervorgebracht hat, beginnt mit einer Reise an den Nordpol. Der Postdirektor Philippe (Kad Merad) ist aus der Provence nach Nordfrankreich versetzt worden, was für ihn (und die große Mehrheit aller Franzosen) nichts anderes als eine Verbannung in die Arktis bedeutet, einer Strafversetzung ins Land der Barbaren.
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So schlecht ist der Ruf des Nordens im Rest der Republik - und als der Mann das Straßenschild "Willkommen im Nord-Pas-de-Calais" passiert, irgendwo vor Lille und Dünkirchen, fängt es auch prompt an, in Strömen zu regnen, die Gegend versinkt in schmutziger Tristesse. Dann läuft ihm auch noch ein lokaler Wilder vors Auto. Die Bremsen quietschen, der Angefahrene rappelt sich auf - doch die Laute, die er von sich gibt, sind nur gutturales Gebrabbel. "Mein Gott, was ist mit ihrem Kiefer passiert?", fragt Philippe entsetzt.
Über nichts können die Franzosen im Augenblick lauter lachen - denn das Unfallopfer ist tatsächlich unverletzt, es spricht nur den Dialekt der Ch'ti, die nordromanische Mundart Chtimi, die klingt, als ob jeder einzelne Zahn des Sprechers einen Liter Wasser aufgesogen hätte. "Bienvenue chez les ch'tis - Willkommen bei den Ch'tis" heißt denn auch die Komödie von Dany Boon, die seit ihrem Start am 27. Februar fast 18 Millionen Franzosen ins Kino gelockt hat.
Damit hat der Film den bisherigen Spitzenreiter "La Grande Vadrouille - Die große Sause" (1966) von Gérard Oury, mit Louis de Funès und Bourvil, den Rang abgelaufen. In nur sechs Wochen wurde er zum erfolgreichsten französischen Film aller Zeiten - und bald soll auch noch der 20,7-Millionen-Rekord von James Camerons "Titanic" fallen.
Arbeitslose ehemalige Minenarbeiter, die sich bei strömendem Regen und Minustemperaturen um ihren Verstand saufen - so sieht das Klischeebild des Nordens aus, das der Film genüsslich ausschlachtet. "Im Sommer geht's noch, da hast du's so um null bis ein Grad, aber im Winter sinkt die Temperatur tiefer und tiefer: 10 Grad minus, 20 Grad minus, 30 Grad minus. Du denkst, ich bleib im Bett liegen und dann hast du 40 Grad minus!", warnt der Onkel Philippe noch, der seine Frau im Süden zurücklassen muss - die denkt gar nicht daran, den Verurteilten zu begleiten.
Rückkehr des Dialekts
Doch kaum in seinem neuen Dienstort Bergues angekommen, einem verlorenen Nest südlich von Dünkirchen, trifft er trotz aller Vorurteile auf warmherzige und witzige Menschen und freundet sich mit dem unglücklich verliebten Postboten und Hobbyglöckner Antoine (Dany Boon) an - dem Mann, der ihm vors Auto gelaufen war. Seiner Frau, die nicht glauben kann, dass es ihm in der neuen Umgebung wirklich gefällt, erzählt er schließlich, was sie hören möchte: all die Horrorgeschichten, die den Franzosen seit Emile Zolas "Germinal" im Kopf herumspuken.
"Es ist das erste Mal im französischen Kino, dass einer der Dialekte auftaucht, der nach der Französischen Revolution zugunsten des literarischen und akademischen Französisch zerstört wurde", erklärt Olivier Mongin, Redaktionsdirektor der Revue "Esprit", Philosoph und Autor des Buches "De quoi rions-nous? Notre société et ses comiques" (Über was lachen wir? Unsere Gesellschaft und ihre Komiker). Das französische Kino war bisher ein Kino der gehobenen Konversation, in der Parigot, die Umgangssprache der Pariser Intellektuellen, und Provenzalisch als einzige "Fremdsprachen" geduldet wurden - und das nur die ausländischen Akzente einer Romy Schneider oder Jane Birkin liebte.
Deshalb ist "Bienvenue chez les ch'tis" auch alles andere als eine dümmliche Geschichte im Stil der Erfolgsfilme "Les bronzés" (Die Braungebrannten) oder "Les visiteurs" (Die Besucher), deren Witz allen Nicht-Franzosen traditionell verborgen bleibt. Das liegt nicht nur an der wunderbar bärbeißigen Line Renaud, die einen Part als Mutter Antoines hat, oder an den richtig guten Hauptdarstellern Dany Boon und Kad Merad. Es liegt vor allem am Sprachwitz in der Tradition der Commedia dell'arte, und an einer feinen Ironie, die mit Klischees und regionalen Identitäten spielt. Regisseur und Hauptdarsteller Dany Boon fordert seine Zuschauer - sie müssen sich auf eine vollkommen fremde, bisweilen unverständliche Sprache einlassen.
Kein Wunder: Er ist selbst ein gebürtiger Ch'ti, dessen Eltern, eine Nordfranzösin und ein Kabyle aus dem Norden Algeriens, einfache Arbeiter waren. Der Humorist hat seine Kindheit im Nord-Pas-de-Calais verbracht, der Region, die mehr als alle anderen nach der Stilllegung des Kohlebergbaus mit Arbeitslosigkeit und sozialem Verfall zu kämpfen hatte. Das hat er, wie er sagt, als eine persönliche Verletzung erfahren.
Nachhilfe für die Elite
Ganz ähnlich wie bei den anderen derzeit sehr erfolgreichen französischen Komikern Fellag und Jamel Debbouze, die beide aus Immigrantenfamilien stammen, liegt Dany Boons Witz in der Stärke, sich über die eigene Herkunft lustig zu machen.
Nun hat er es geschafft, die andere, positive Seite seiner Region zu zeigen, und zwar die eines dynamischen, postindustriellen Landstrichs, mit einer überaus gastfreundlichen Bevölkerung, die im Karneval von Dünkirchen sogar über sich selbst zu lachen versteht. Die Pariser Welt, in der Dany Boon zuletzt in "Mein bester Freund" (2006) mit Daniel Auteuil spielte, hat er nach seinem Riesenerfolg nicht mehr nötig.
Frankreich hatte bisher vor allem ein nostalgisches Bild von sich selbst - das war das Erfolgsgeheimnis hinter Filmen wie "Die fabelhafte Welt der Amélie" (2001) oder "Die Kinder des Monsieur Mathieu" (2004). "Bienvenue chez les ch'tis" aber ist alles andere als nostalgisch. Der Film suggeriert einem Land, das nervös auf den langversprochenen Wirtschaftsaufschwung wartet und sich vor der Globalisierung fürchtet, dass alles doch nur halb so schlimm sei. Das Bild des französischen Beamten, der angeblich faul auf seinem ranzigen Bürostuhl klebt, wird gleich mit aufgewertet.
"Dies ist ein Film, der Mut macht", sagt auch der Philosoph Mongin. "Ein komischer und vitaler Film, in dem die reale Welt nicht ausgeklammert wird, sondern in der sich gegensätzliche soziale Milieus aus unterschiedlichen Regionen treffen - in einer Gesellschaft, die sich immer weniger solidarisch verhält. Er schafft es, der französischen Elite eine volkstümliche Kultur zu zeigen, die nicht vom Fernsehen verdummt ist."
Tatsächlich beobachten Frankreichs Intellektuelle den Erfolg des Films als ein interessantes Phänomen, dessen Charme sie sich nicht ganz entziehen können. "Bienvenue chez les ch'tis" passt in ein von gesellschaftlichen Umbrüchen geprägtes Land und legt sich wie ein kulturoptimistisches Pflaster auf die wunde französische Seele.
Das einfache Volk, es existiert noch - auch nach dem Ende der Arbeiterkultur. Es ist weder vulgär noch gefährlich, und liegt dem Staat nicht einmal auf der Tasche. "Merchi bien" - so klänge die Dank der Ch'ti an den Rest der Franzosen, die aus ihrer kleinen Produktion einen so überwältigenden Erfolg gemacht haben.
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(SZ vom 11.4.2008/ehr)
Dany Boon? Und was ist mit den Drehbuchautoren Franck Magnier und Alexandre Charlot, die in dem Artikel ungenannt bleiben?
...den ich in Luxemburg bereits im Kino gesehen habe und trotz nicht ausreichender Französischkenntnisse zum Brüllen komisch und sehr gelungen fand. Die Darsteller sind grossartig.
Was mich nun interessieren würde:
- Wird der Film auch in die deutschen Kinos kommen, und falls ja, wie wird er synchronisiert?
- Wenn die DVD erscheint: welche Sprachversionen wird sie haben? Nur ranzösisch? Wobei schon normal-französische Untertitel helfen würden ;-)
bravo für diesen Artikel!
... und ein wirklich guter Beitrag