Im Kino: Was will ich mehr Vom Abtauchen

Eigentlich könnte Anna zufrieden sein. Doch dann trifft sie Domenico - und schlagartig wird alles anders. Leidenschaft und utopische Kraft: Silvio Soldini zeigt in seinem Film "Was will ich mehr" eine Amour fou, die nicht zerredet wird.

Von Martina Knoben

Die Möglichkeit eines parallelen Lebens hat Silvio Soldini in seinen Filmen mehrfach durchgespielt: einmal als märchenhafte Liebesphantasie in seinem Erfolgsstück "Brot und Tulpen" (2000); oder als sozialen Albtraum in "Tage und Wolken", (2007), in dem ein gutsituiertes Ehepaar mit einem Schlag Wohnung, Freunde, fast sogar einander verliert, nachdem der Mann arbeitslos wird.

Nun ist es die wilde, anarchische Kraft der Amour fou, die der Buchhalterin Anna (Alba Rohrwacher) und dem Kellner Domenico (Pierfrancesco Favino) in Leib und Seele fährt und sie ihr bisheriges Leben aufs Spiel setzen lässt. Dabei könnte vor allem Anna zufrieden sein mit ihrem Job, ihren Freunden und ihrem Freund Alessio (Giuseppe Battiston), einem gutmütigen, behäbigen Dicken, mit dem sie eine Wohnung am Stadtrand gekauft hat, ein Nest, an dem er ständig herumwerkelt, in dem, ginge es nach Alessio, bald auch ein Baby liegen soll.

Annas Leben wird als Aneinanderreihung nicht sonderlich aufregender Eindrücke präsentiert, aufgenommen mit einer beweglichen Kamera, die nah bei den Figuren bleibt. Dicht gepackt, kochen diese Eindrücke in einer etwas unübersichtlichen Schnittfolge allerdings zusammen zu einem Alltagsbrei, der etwas fad anmutet, ohne dass der Zuschauer sagen könnte, was fehlt. Das ändert sich schlagartig, als Domenico in Annas Leben tritt. Er ist so dunkel, wie Anna blass und rothaarig ist, viril und gut gebaut und damit das genaue Gegenteil der zart und zerbrechlich wirkenden Anna.

Sollte einer der beiden Skrupel gehabt haben am Anfang - so geht es einen Wimpernschlag später nun nur noch um logistische Probleme, die Organisation des Ehe- und Vertrauensbruchs. Der Sog, der die beiden zueinander zieht, überträgt sich gleich auf den Film.

Ein märchenhafter Ort

Es steckt ein starkes spielerisches Element darin, auszuprobieren - wie es Soldini immer wieder tut -, was das Leben den Figuren antragen könnte, als Zumutung oder Glücksgeschenk. Weil Domenico verheiratet und auch Anna liiert ist, treffen sich die beiden in einem Stundenhotel, das mit seiner Rotlicht-Atmosphäre, Plüschbett, Whirlpool und vielen Spiegeln einen märchenhaften Ort darstellt, fern jeder Alltagsrealität, ein Spielzimmer der Liebe und wahres Spiegelkabinett an Möglichkeiten.

Wenn die beiden dort Sex miteinander haben, ist das so gefilmt, dass sich alle Erklärungen, warum sie dafür ihr soziales Leben riskieren, erübrigen. Viele Amour-fou-Geschichten werden zerredet - diese nicht. Und dass Soldini einen Blick für Details hat, er Domenico beispielsweise zu einem Kondom greifen lässt vor ihrem ersten Geschlechtsverkehr, macht die folgende Szene nur umso realer und intensiver. Da ist nichts kitschig, glamourös oder vage. Dabei ist jede Sexszene unbedingt auch eine Liebesszene, das unterschiedet "Was will ich mehr" etwa von Patrice Chéreaus "Intimacy", mit dem er verglichen wurde.

Eine große utopische Kraft steckt in jeder Amour fou - diese aber muss sich in die dichtgepackten Tagesabläufe der Liebenden fügen, nur mittwochs, wenn Domenico üblicherweise tauchen geht, haben sie füreinander Zeit. Von der Bedingtheit von Gefühlen hatte schon "Tage und Wolken" erzählt, davon, wie zwingend das Sein das Bewusstsein formt, bis ins Intimste hinein. Der Realismus dieser Filme verdankt sich - auch hier wieder - erstens der genauen Beobachtung des Sozialen, zweitens exzellenten Schauspielern. Vor allem Alba Rohrwacher (die Tochter aus "Tage und Wolken") ist beeindruckend. Da ist nichts Larmoyantes, wenn sie sich in der Leidenschaft verliert.

Nachdem "Brot und Tulpen" in einem märchenhaften Venedig spielte, "Tage und Wolken" in einem kapitalistisch kühlen Genua, ist "Was will ich mehr" in Mailand angesiedelt - das allerdings als Ansammlung von Privaträumen und öffentlichen Nicht-Orten erscheint. Einen realen Ort für Anna und Domenicos Liebe gibt es ja tatsächlich nicht. Und nicht nur deshalb ist diese Liebesgeschichte so unübersichtlich, wirkt ihr Rhythmus so stolpernd. Die Liebe sei wie ein Tausendfüßler, hat Alexander Kluge einmal als Definition vorgeschlagen: Wenn man von ihr erzähle, seien Übersicht, Einteilung und Thesen die schwächste Tugend.

COSA VOGLIO DI PIÚ, Italien/Schweiz 2010 - Regie: Silvio Soldini. Buch: Doriana Leondeff, Angelo Carbone, S. Soldini. Kamera: Ramiro Civita. Schnitt: Carlotta Cristiani. Mit: Alba Rohrwacher, Pierfrancesco Favino, Giuseppe Battiston, Teresa Saponangelo. Alamode, 121Min.

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