Im Kino: "W.E." Gehasst ist besser als vergessen

Sie waren das Skandalpaar der dreißiger Jahre: Madonna erzählt in ihrer zweiten Regiearbeit die Geschichte der mondänen Hassfigur Wallis Simpson und ihres Geliebten, König Edward VIII. Dabei begibt sie sich auf sehr persönliches Terrain - und inszeniert den Tabubruch als feministisches Instrument.

Von Susan Vahabzadeh

Wir, das ist das große Ziel dieser Liebenden. Dass das Wir an die Stelle treten möge von zwei schwächlichen, vereinzelten Ichs. Einmal lässt es Madonna ihre Wallis Simpson verstohlen mit Lippenstift auf den Spiegel schreiben, sie wischt es sofort wieder weg, weil sie sich da noch gar nicht zu denken traut, dass es dieses Wir einmal wirklich geben könnte - sie, die zweifach geschiedene Amerikanerin, und ihr Geliebter, König Edward VIII. von Großbritannien und Nordirland, der aus Liebe zu ihr auf den Thron verzichtet. Sie haben dieses "W.E." tatsächlich gern benutzt - die Initialen ihrer Namen und für die Ewigkeit geschmiedetes Wir gleichermaßen.

Madonna hat sich für ihre zweite Regiearbeit ("Filth and Wisdom" war vor vier Jahren die erste) einiges vorgenommen, was teils gewagt und teils nicht sehr naheliegend ist. "W. E." verwebt die entscheidenden Jahre der Anti-Königin Wallis (Andrea Riseborough) mit einer Rahmenhandlung, der Geschichte von Wally (Abbie Cornish) - nach Wallis benannt, einer New Yorkerin, die die Liebesgeschichte von Wallis und Edward nicht loswird.

Sie geistert durch ihre Träume und Sehnsüchte, und im Wachzustand macht sie diese Träume fest an den Gegenständen aus Wallis Simpsons Besitz, die um die Ecke bei Sotheby's gerade versteigert werden. Kein sehr aktueller Rahmen - das war 1998. "W. E." lebt von der Vorstellung, dass der Mythos dieser mondänen Hassfigur der dreißiger Jahre immer noch in allen Köpfen spukt.

So gesehen setzt "W. E." schon einmal einiges an Grundwissen voraus - die Eckdaten, wie es dazu kam, dass Edward VIII., König von England, 1936, weniger als ein Jahr nach Amtsantritt, das Exil in Frankreich an der Seite von Wallis Simpson dem Thron vorzog, muss man in Madonnas Film schon mitbringen - die Details, wie es dazu kam, dass Edward die zweifach geschiedene Wallis Simpson heiratete, dafür auf den Thron verzichtete, nach Frankreich ging als Duke of Windsor.

Madonnas Projekt in "W.E:" ist es nicht, eine Biografie nachzuerzählen - sie versucht eher, der Faszination Edwards für sie nachzuspüren, zu begreifen, was an Wallis Simpson so besonders war. Wie Madonna diese beiden Frauen physisch herausarbeitet, die herbe, staksige, weißhäutige Andrea Riseborough und die runde, weiche Abbie Cornish - das ist auf jeden Fall schon mal sehr schön anzusehen.

Romantik hat ihre Grenzen

Eine Rêverie, und so sind die Rahmenhandlung und Wallis' Leben auch ineinander verschachtelt. Wenn wir Wallis sehen, dann in den Tagträumen von Wally - sie hat bei Sotheby's gearbeitet, musste den Job für ihren Mann aufgeben, mit dem sie todunglücklich ist. Im Grunde erzählt diese Rahmenhandlung, wie eine Frau, in Ermangelung anderer Ziele im Leben, die Liebe zu einem Projekt erhebt, sie zum großen sinnstiftenden allumfassenden Supernirwana verklärt - als hätte sie die Grundzüge geradewegs aus Simone de Beauvoirs "Das andere Geschlecht" entnommen.

Das hat sie vielleicht auch, man sollte Madonna, die das Drehbuch zusammen mit jenem Alek Keshishian zusammen geschrieben hat, der seinerzeit den Dokumentarfilm "Truth or Dare" über sie machte, in solchen Dingen nicht unterschätzen. Für sie selbst, das lernt man in diesem Film, hat die Romantik klare Grenzen.

Madonna reizt an Wallis Simpson also, dass sie an den Konventionen Englands zwischen den Kriegen so rabiat gerüttelt hat - klar, dass Madonna, die auch eine Schwäche hat für Lola Montez (und vor allem für den Film, den Max Ophüls 1955 über sie drehte), dieses Leben interessiert, die Hassfigur und der Tabubruch. Madonna begreift den Tabubruch, mit dem sie selbst immer wieder experimentiert hat, erst letzte Woche mit einer entblößten Brust in der Türkei, als feministisches Instrument; als eine Geste, die sagt: Keiner wird mir vorschreiben, was ich tun soll.