Sie ist ein elfengleiches, fragiles, luxuriöses Wesen: ein Topmodel. Doch dann stürzt Valerie aus dem Glamourhimmel ins Kellergeschoss der Existenz.
Sie ist ein Model, und sie sieht gut aus. Valerie: ein elfengleiches, fragiles, luxuriöses Wesen, ein Topmodel, wie es im Kraftwerk-Song beschrieben ist: "Im Scheinwerferlicht ihr junges Lächeln strahlt / Sie sieht gut aus und Schönheit wird bezahlt." Aus der Lichterstadt Paris kommt sie her, die neunundzwanzigjährige Polin, in das weihnachtlich bestrahlte Berlin, dort steigt sie standesgemäß im Fünfsternehotel ab. Muss aber unvermutet feststellen, dass sie im Schattenbereich des Daseins gelandet ist.
Nicht nur zur Weihnachtszeit: Agata Buzek als Valerie in dem gleichnamigen Film von Birgit Möller. (© Foto: Zauberland/Neue Visionen)
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"Mit ihrer Kreditkarte ist etwas nicht in Ordnung", stellt der anfangs noch freundliche Mann an der Rezeption fest. Keine Aufträge mehr, kein Geld mehr. Schluss mit dem Luxus, dem Überfluss. In vier um ein ganz und gar nicht fröhliches Weihnachtsfest gruppierten Tagen vollzieht sich Valeries Absturz aus dem Glamourhimmel ins Kellergeschoss der Existenz rasant und unaufhaltsam. Sie muss ihre Nobelsuite verlassen, der Jaguar in der Tiefgarage wird zur Notbehausung, der Pelzmantel der Freundin zur Bettdecke, und die Hotelbar zur Wärmestube.
Die Story klingt nach einer sozialfürsorglichen Warnung an junge Mädchen, das glamourverheißende Model-Sein nicht zu idealisieren. Glücklicherweise täuscht der Eindruck. Regisseurin Birgit Möller - Jahrgang 1972, Absolventin der DFFB-Filmhochschule in Berlin - reiht in ihrem Spielfilmdebüt hübsche, kleine, anekdotische Vignetten, formt sie zu einer Komödie der Luxusobdachlosigkeit, und spielt mit dem Motiv der Herbergssuche zur Weihnachtszeit.
Kein tragisch existentielles Drama also - eine Versuchsanordnung. Valerie erscheint wie ein ätherischer Extraterrestrial, ein Engel, der von einem fernen Stern heruntergepurzelt ist. In einer schönen Mischung aus Naivität und großer Verwunderung hält sie an ihrer Diva-Grandezza fest. Stil ist ihr wichtiger als Selbstmitleid. Ungerührt registriert sie, wie ehemalige Freunde und Freundinnen sich von ihr abwenden. Auf Partys driftet sie schnell an den Rand des Geschehens und verschwindet wie ein Gespenst. Kokett nippt sie am Espresso, als der Geschäftsmann an der Hotelbar fragt: "Was macht eine so schöne Frau alleine hier?" Und antwortet wahrheitsgemäß: "Ich bin obdachlos und wärme mich ein wenig auf!"
Blinder Spiegel
Das Wunderbarste in diesem Film ist seine Hauptdarstellerin: Agata Buzek, die Model-Erfahrung mitbringt und der Valerie-Figur eine flackernde Aura aus püppchenhafter Kühle und kindlicher Zerbrechlichkeit schenkt. Wie selbstverständlich zeichnet sich auf ihrem Gesicht das Grundgefühl ab, um das es in "Valerie" geht: Befremden. Gänzlich fremd sind Valerie die Welten, in die sie plötzlich geworfen wird: die Proll-Kneipe an Heiligabend, die spießige Zweizimmerwohnung des Wachmanns André (Devid Striesow), der ihr Doppelleben durchschaut und ihr helfen will.
Befremdlich wird ihr aber auch das bislang vertraute Society-Ambiente. In dieser Welt ist nur Erfolg sexy, und der Misserfolg erscheint wie ein Virus, mit dessen Infizierten keiner mehr zu tun haben mag. Da erschrickt Valerie - wenn ihre Agentin ihr mit einem "Weil du weißt, dass ich dich sehr gern habe, bin ich ehrlich zu dir ..." mitteilt, dass sie keine Foto-Aufträge mehr für sie hat, nur mehr einen Hostessen-Job in Dubai.
Der Spiegel ist blind geworden. Keiner will ihre Schönheit mehr haben, keiner will für ihre Schönheit noch bezahlen. Also zelebriert Valerie ihre Schönheit für sich.
VALERIE, D 2006 - Regie: Birgit Möller. Buch: Ruth Remet, Ilja Haller, Milena Baisch, Elke Sudmann, Birgit Möller. Kamera: Kolja Raschke. Musik: Christian Conrad. Mit: Agata Buzek, Devid Striesow, Birol Ünel, Guntbert Warns, Anne Sarah Hartung, Sabine Vitua, Miriam Sachs, Jevgenij Sitochin. Zauberland, 84 Minuten.
(SZ v. 28./29.4.2007)
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