Von Fritz Göttler

Vielleicht ist es ja einfach die Stadt, die schuld ist an dem Quantum Trostlosigkeit, Berlin, das so viel Leben verspricht: "Unschuld" erzählt uns von der Liebe und der Leere.

Ja, das ist eine echte Herausforderung, heutzutage eine richtig originelle Liebeserklärung hinzulegen, an einer Bushaltestelle in Berlin, was keine besonders erotische location ist am frühen frösteligen Morgen.

unschuld kino

Nadeshda Brennicke und Jacob Matschenz, kurz vor der Erfüllung. (© Foto: Filmverleih)

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"Otto Katalog, 1999", sagt der Junge also, "Bikini und Dessous." Es ist Jacob Matschenz, der sich innerhalb weniger Monate - "Die Welle", "42plus" etc. - zum kreglen Teen des deutschen Kinos entwickelt hat. "Du sahst am besten aus . . . Du bist noch genauso schön wie damals." Es ist Nadeshda Brennicke, neben der er steht, die noch immer auf die richtig starke Rolle im Kino wartet und die hier eine wenig motivierte Polizistin spielt. "Und was ich alles mit dir gemacht habe", verrät ihr der Junge. Das ist natürlich nicht richtig Nouvelle Vague, aber es klingt Erinnerung daran mit: "Ich kenne jeden Leberfleck von dir. Zum Beispiel in der Kniekehle, der sieht aus wie eine Erdbeere . . ."

Ja, das ist pubertär, ist von einer enervierenden Naivität, aber in Momenten wie diesem lässt sich Unschuld halt immer noch beschwören im Kino. Und deshalb kommen die beiden auch am nächsten an eine Art Erfüllung heran. Es ist ein hoher Anspruch, den der Film mit seinem Titel aufzieht, und mit dem, auf Schnitzlers Reigen schielenden, Episoden-Karussell.

Ein Dutzend Menschen in diversen Midlife-und-davor-Krisen, Versagen - Brennicke und ihr Mann, ein trübseliger Photograph - und Besessenheit - ein Türkenmädel, das einem jungen Musikproduzenten hinterher ist. Gewalt ist präsent, eine Prostituierte muss sich ihres Zuhälters erwehren, der schon ihre Schwester auf dem Gewissen hat. Schlimmer aber ist jene Leere, die einen mit schlaflosen Nächten plagt, zum hässlich zuckenden Stummfilm-Quickie verleitet.

Vielleicht ist es ja einfach die Stadt, die schuld ist an dem Quantum Trostlosigkeit, Berlin, das so viel Leben verspricht . . . Als Märchenvehikel dient dann ein Linienbus, der sich durch die nächtlichen Straßen schiebt und, einem Zauberteppich gleich, plötzlich, beim Einbiegen, in eine andere Welt, einer anderen Zeit gelandet scheint.

UNSCHULD, D 2008 - Regie: Andreas Morell. Buch: Kai Hafemeister. Kamera: Felix Cramer. Mit: Nadeshda Brennicke, Kai Wiesinger, Leslie Malton, Tobias Oertel, Young Shin Kim, Jacob Matschenz, Aylin Tezel. Novapool, 94 Minuten.

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(SZ vom 22.9.2008)