Unfall oder Verbrechen eines gemeingefährlichen Triebtäters? Thomas hat den Tod eines vierjährigen Jungen verschuldet, es bleibt die Frage, ob wir diesem Mann vergeben können.
Wie besessen ist das skandinavische Kino von der Wahrheitssuche. Ein Kino der Inquisitoren und Ermittler, der Enthüllungen, Beichten und intimsten Geständnisse. Schon Dreyer und Bergman stehen dafür, und das Dogma-Kino hat es exemplarisch am Fest vorgeführt: Wie das Verdrängte enthüllt wird, sich explosiv offenbart. Die Traumatisierten können endlich von ihren Wunden berichten, sich aus den Verschlingungen der Vergangenheit befreien. Die Wahrheitsfindung wird zur kathartischen Reinigung, Erlösung scheint in Sicht. Eine solche Geschichte erzählt auch der Norweger Erik Poppe in seinem packenden Seelendrama Troubled Water.
Bild vergrößern
Thomas (Pål Sverre Valheim Hagen) will ein neues Leben beginnen. Er wird Aushilfs-Organist in einer Kirche - und verliebt sich in die hübsche Pastorin Anna (Ellen Dorrit Petersen). (© Foto: Verleih)
Anzeige
Die Wahrheit ist nicht theologisch, sondern existentiell
"Wenn Gott in allem einen Sinn sieht, was ist dann mit dem Bösen? Ist das Böse auch ein Akt Gottes?" Theologisch nennt man dies das Theodizee-Problem, aber Thomas (Pål Sverre Valheim Hagen) will mit der Frage vor allem bei der hübschen Pastorin Anna (Ellen Dorrit Petersen) Verständnis wecken. Er ist dabei, sich in sie zu verlieben. Die Sehnsucht nach Schuld und Vergebung zerreißt ihn innerlich. Er will wissen, ob Anna nur beim Predigen von Güte und Vergebung spricht, oder ob sie es ernst meint: "Passiert es, dass du Menschen in Gottes Namen vergibst, aber sie selbst verurteilst?" Die Wahrheit ist nicht theologisch, sondern existentiell.
In der ersten Stunde wird die Geschichte aus der Perspektive von Thomas erzählt. Acht Jahre saß er im Gefängnis, weil er den Tod eines vierjährigen Jungen verschuldet hat. Nach seiner Haftentlassung findet er in Oslo eine Anstellung als Aushilfs-Organist bei der kleinen Pfarrgemeinde, der Anna vorsteht. In der Liebe zu Anna versucht er, ein neues Leben zu beginnen. Anna hat einen Sohn, der sogleich mit Thomas Freundschaft schließt. Raffiniert verwebt Erik Poppe die Momente ausgelassenen Spiels zwischen Thomas und dem Jungen mit alptraumartigen Erinnerungsbildern an den Tod des Vierjähren, der in einem reißenden Fluss ertrank. Thomas sagt, es sei ein Unfall gewesen. Aber das scheint nicht die ganze Wahrheit zu sein. Wenn er mächtig in die Orgeltasten greift, klingt das immer wie das Aufbrausen einer gemarterten Seele, ob er nun das Kirchenlied "O Haupt voll Blut und Wunden" spielt oder über den Simon & Garfunkels "Bridge Over Troubled Water" improvisiert.
Das vulkanische Gelände ihrer inneren Wüsteneien
Da tritt eine weitere Frau auf den Plan: Agnes (Trine Dyrholm), die Mutter des getöteten Jungen. In der zweiten Stunde des Films werden die Geschehnisse noch einmal aus ihrer Perspektive aufgerollt. Agnes ist Lehrerin und hat bei einem Besuch der Kirche den Mann entdeckt, den sie für den vorsätzlichen Mörder ihres Sohnes hält. Sie spioniert Thomas nach, sieht ihn als gemeingefährlichen Triebtäter, der sich nun an den Sohn der Pastorin heranmacht. Anfänglich erscheint diese Agnes als hysterische, wahnhafte, beinahe irre Frau. Aber der brillanten Darstellungskunst Trine Dyrholms gelingt es, ihrer Perspektive Überzeugungskraft zu verleihen. Agnes will Thomas zu einem Geständnis zwingen, das die wahren Umstände seiner Tat enthüllt.
Erik Poppe zieht dramaturgisch und erzählstrategisch alle Register. Er jagt seine Figuren über das vulkanisches Gelände ihrer inneren Wüsteneien. Jeden Moment kann die Lava hervorgeschleudert werden: als Gewaltausbruch oder als stürmisches Zärtlichkeitsverlangen. "Troubled Water" ist Melodram und Meditation, multiperspektivische Seelenerforschung und kriminalistische Ermittlung. Den schroff kontrastierenden Seelenlagen gemäß wird das Wasser-Motiv dekliniert: vom "Leben spendenden" Taufwasser über die tödlichen Wasserwirbel des Flusses bis zum Glaubens-Diskurs: "Kennst du die Geschichte von Jesus, der übers Wasser ging?" "Ja", antwortet Thomas, "ich mag sie nicht. Wer glaubt, schwimmt oben. Wer zweifelt, sinkt". Thomas, der Zweifler.
Die Wahrheit ist perspektivisch, aber nicht im Sinne der Beliebigkeit. Es ist nicht so, dass eben jeder seine eigene Wahrheit hat. Die Wahrheit ist ein Prozess, der die Ego-Perspektiven aufbricht. Nur dann kann sie erlösend sein und Vergebung ermöglichen. Es bleibt die lange nachschwingende, verstörende Frage, ob wir diesem Thomas vergeben könnten.
DE USYNLIGE, Norwegen 2008 - Regie: Erik Poppe. Buch: Harald Rosenlow Eeg. Kamera: John Christian Rosenlund. Mit: Pål Sverre Valheim Hagen, Ellen Dorrit Petersen. Kool Film, 121 Minuten.
- Im Kino: Everybody's fine Pappa ante portas 17.03.2010
- Im Kino: "Green Zone" Anarchie und Dekadenz 17.03.2010
- Im Kino: Ajami Stadt der Götter 11.03.2010
- Im Kino: Agora und Die Fremde Der Wunsch, sie zu knechten 11.03.2010
(SZ vom 18.3.2010/kar)
Umweltstiftung WWF in der Kritik