Da gibt es die offensichtlichen Allegorien. Die pure Lust des Joker an der Anarchie entspricht dem Nihilismus des modernen Terrors. Nolan zitiert auch ganz direkt aus den Bildschleifen der vergangenen Jahre, seien es die Terroranschläge in New York, Madrid und London oder das zerstörte Regierungsgebäude in Oklahoma City.
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Diese offensichtlichen Anspielungen werden nur dadurch abgefedert, dass Gotham wie schon in "Batman Begins" nicht mehr in New York, sondern in Chicago inszeniert wird.
Auch die genretypischen Apologien für autoritäre Staatsräson fehlen nicht. Verhörmethoden, wie sie in Abu Ghraib und Guantanamo praktiziert wurden, sind genauso nötige Mittel zum Zweck wie der allumfassende digitale Lauschangriff, wie ihn George W. Bushs Sicherheitsbehörden praktizieren.
Dieser Rechtsdrall ist aber längst Tradition des Actiongenres, in dem nicht nur John Wayne, Clint Eastwood und Bruce Willis Ikonen konservativer Weltsichten schufen.
Mörderische Abhängigkeit
Wenn sich die Kontrahenten schließlich Auge in Auge begegnen und der Joker Batman versichert, er würde ihn nie töten, der Kampf erhalte sie doch beide am Leben, dann manifestiert sich in dem kurzen Dialog die Hoffnungslosigkeit eines Krieges gegen den Terror, in dem sich die beiden Seiten in eine mörderische gegenseitige Abhängigkeit begeben haben, die einen Sieg unmöglich macht.
Nichts drückt die Ängste vor einer postideologischen Moderne allerdings so deutlich aus wie eine Charaktereigenschaft des Joker, die noch viel grausamer ist als sein Grinsen, seine reptilienhafte Gestik, sein Sadismus.
Immer wieder stellt er seine Gegenspieler, seine Jäger, ganz Gotham vor teuflische Alternativen. Ganz nach dem Motiv von William Styrons epochalem Holocaust-Roman "Sophie's Choice" müssen sie sich für eine von zwei grausamen Lösungen entscheiden. Jede Rettung birgt den Tod eines unschuldigen anderen, jeder Sieg eine Niederlage, an der der Held zerbrechen muss.
So aber wird der Kampf der Actionhelden zu einer Verinnerlichung gezwungen, die selten ist im Genrefilm. Und so wird "The Dark Knight" zur perfekten Allegorie auf eine Welt, in der die eindeutigen Deutungen einer zweigeteilten Welt nicht mehr gelten. Es geht nicht mehr um Leben oder Tod, Gut oder Böse, denn jede Handlung führt zu Leben und Tod und ist somit gut und böse zugleich.
Allzu kalkulierter Beigeschmack
Solche Ebenen werden allerdings nie zum Ballast. Sie verwandeln bestehende Ängste und Sorgen vielmehr in dramaturgischen Brennstoff. Hin und wieder werden sie zur Falle für Nolan.
Dann verschraubt sich die Handlung in allzu enge Windungen, verpassen die Actionsequenzen die letzte Ausfahrt vor der Ermüdung. Solche Schwächemomente ziehen den Film streckenweise in die Länge.
Auch der letzte Akt, der so offensichtlich die nächste, dritte Folge von Nolans Batman-Serie vorbereitet, gibt der meisterlichen Verweigerung einer Katharsis einen allzu kalkulierten Beigeschmack. Doch was letztlich in der Erinnerung bleibt, sind nicht die wenigen Schwächen und auch nicht der leichte Rechtsdrall, sondern lässt sich doch auf vier Worte reduzieren: Blam! Whaam! Voomp! Varooom! Und das ist es, was zählt.
The Dark Knight, USA 2008 - Regie: Christopher Nolan. Buch: Jonathan und Christopher Nolan. Kamera: Wally Pfister. Musik: James Newton Howard, Hans Zimmer. Schnitt: Lee Smith. Mit: Christian Bale, Michael Caine, Heath Ledger, Gary Oldman, Aaron Eckhart, Maggie Gyllenhaal, Morgan Freeman, Eric Roberts, Cillian Murphy, Joshua Harto. Warner, 153 Minuten.
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(SZ vom 20.08.2008/pak)
Brasiliens Präsidentin Roussef
"Da gibt es die offensichtlichen Allegorien. Die pure Lust des Joker an der Anarchie entspricht dem Nihilismus des modernen Terrors."
Ich halte das für eine verkürzte (und falsche) Interpretation des Films. Das teuflisch geniale am Joker im Film ist tatsächlich, dass er keinen Plan oder keine Motivation hat. Er will einfach nur "die Welt brennen sehn". Der moderne Terrorismus hingegegen ist politisch und/oder religiös motiviert.
@mordsjehsas
"In gleicher Weise wie "The Dark Knight" durch sein Wesen als Fiktion sich aus der Wirklichkeit verabschiedet, nimmt sich gegenwärtiger Terrorismus selbst die Option, Zugang zur Wirklichkeit zu finden."
Vielleicht verstehe ich Sie da nicht, aber durch seine brutalen Anschläge, die unzähligen Menschen das Leben kosten, scheint mir der Terrorismus irgendwie einen blutigen Zugang zur Wirklichkeit zu finden.
Dieser Beitrag kommt von einer Person, die bisher nie für einen ActionFilm ins Kino ging. Aber als ich las, dass Christian Bale den Batman spielt und Heath Ledger den Joker, war ich dann doch zu versucht. Zurecht!
Würde Gott den Teufel jemals in persona auf die Erde schicken wollen, so würde er ihn aussehen lassen wie Christian Bale. Das ist übrigens ein Kompliment.
Und Heath Ledger spielt die Rolle wie er selbst als Mensch geendet ist. Man fragt sich ernsthaft ob das eine mit dem andern was zu tun hat.
Den Film selber hätte man ab der zweiten Hälfte auf kürzen können; der meisterhafte dramaturgische Aufbau der ersten Hälfte geht in einigen Langatmigkeiten und unnötigen sidekicks im letzten Teil ein Stück weit verloren. Schade. Aber insgesamt: Wooow!
Ich würde ihn sogar ein zweites Mal anschauen. Und das heisst was, von einer die für einen Actionfilm bisher noch nie ins Kino ging.
(P.S. Wer kann, sollte ihn sich im amerikanischen Original mit Untertitel angucken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden gibt der den Joker des Heath Ledger adäquat synchronisieren kann.)
Endlich mal eine Kritik, die sich mehr mit dem Film befaßt als mit der Selbstdarstellung des Kritikers. Danke Herr Kreye ! - Ich dachte erst schon, Ihr Kollege G. hat jetzt endlich verstanden, daß es viel genialer ist, sich mit der Sache als mit sich zu beschäftigen, als ich merkte, er hat den Text ja gar nicht verfaßt.
Was den Terrorist betrifft, so glaube ich, daß dieser die von Ihnen aufgezeigte Dialektik von gut und Böse gar nicht verstehen würde. Solche Typen fühlen sich gerade, weil sie große Opfer bis zu dem des eigenen Lebens auf sich nehmen, als vollkommen gut und allen Maßstäben enthoben. Deshalb glauben sie, sie dürften die ganze Welt bekämpfen. Sie machen sich, wie Odo Marquard sagte, selbst zum Gewissen und brauchen dann keines mehr zu haben. MfG
Auch am 21.09.2006 sprach die Bundesforschungsministerin im Stadthaus Ulm davon, gezwungen zu sein, einen Begriff davon zu gewinnen, was Terrorismus ist und wie er, wie sie sagte, "bekämpft" werden könne. Die Bundesministerin will eigenem öffentlichem Bekunden nach insbesondere Sozialwissenschaftler für diese Arbeit an dieser Begriffsbestimmung einspannen. Selbst Sozialwissenschaftler kann ich indes diesem Mitglied der Bundesregierung nur einen Korb geben: In gleicher Weise wie "The Dark Knight" durch sein Wesen als Fiktion sich aus der Wirklichkeit verabschiedet, nimmt sich gegenwärtiger Terrorismus selbst die Option, Zugang zur Wirklichkeit zu finden.
Der Joker steht doch nicht für den Terrorismus, er steht für die freie Marktwirtschaft: In einer grausamen Welt ist einzig das Regime der Chancengewährung gerecht.
Batman steht vielmehr für den Überbau, die Erzählungen, die unserem Leben Sinn verleihen, wie z.B. der Kampf gegen den Terrorismus.
Paging