Im Kino: Sucker Punch Barbie in Mittelerde

Babydoll will um jeden Preis aus dem Irrenhaus fliehen - und braucht dafür vier Freundinnen und vier Hilfsmittel: "Sucker Punch" ist faszinierend anzuschauen - doch die Bilder erzählen von nichts.

Von Susan Vahabzadeh

Wüst ist die Welt, finster und bös. Zack Snyders neuer Film "Sucker Punch" spielt in einer Fantasy-Vergangenheit - eine Mischung aus amerikanischem Nachkriegsmief mit Musik und Klamotten aus diesem Jahrtausend, der immer wieder in zeitlose Albträume ausbricht. Das erste Mädchen, das wir kennenlernen ist Babydoll, mit wasserstoffblonden Zöpfen, in den ersten Minuten wird, in so einer Art vorangestelltem Musikvideo, kurz erzählt, wie sie in einem düsteren Irrenhaus landet: Die Mutter stirbt, der Stiefvater vergewaltigt und ermordet die kleine Schwester und bringt Babdoll in eine Burg von einer Nervenheilanstalt, in deren Katakomben ein irrer Pfleger gegen Geld unliebsame Mädchen lobotomieren lässt.

Zack Snyder hat mit einem Remake von Romeros "Dawn of the Dead" angefangen, mit dem Antiken-Fantasy-Actionfilm "300" wurde er dann einer von Hollywoods Einspielkönigen. Er hatte eigentlich immer eine Film-Vorlage bei seinen Projekten - und die hat er auch diesmal, genaugenommen mehrere, denn Babydoll träumt sich - ein Festival der Computeranimation! - durch die Blockbuster der letzten Jahre.

Sie will unbedingt ausbrechen aus der Anstalt vor dem Termin für die Lobotomie - fünf Tage hat sie, und sie braucht vier Freundinnen und vier Hilfsmittel dafür. Irgendwie kann man hier Halluzination und reale Erzählebene nicht so recht unterscheiden - manchmal ist die Anstalt eine Anstalt und manchmal ein Puff mit Tanzshows, in dem die Ärztin die Choreographin ist und der Pfleger der Zuhälter. Wenigstens erklärt das, warum Zack Snyder seine sechs Hauptdarstellerinnen alle aussehen lässt wie Straßenstrich-Barbies - nicht nur was ihre Outfits betrifft. Sie sind auch exakt so künstlich und so leblos. Das gilt sogar für die sonst wunderbare Abbie Cornish, die eine von den neuen Verbündeten spielt - die ihrer kleinen Schwester in die Anstalt gefolgt ist.

Babydoll stellt sich also jedes Mal, wenn sie entweder tanzt oder der Therapeutin etwas von sich erzählen soll - man weiß das nie so genau - Action-Sequenzen vor, in denen die fünf Mädchen die ganze Welt fertig machen, mal à la "Herr der Ringe", dann wieder eher wie "The Matrix" oder "Kill Bill". Einmal rast ein Zug auf ein Metropolis zu, bevölkert von kampflustigen Robotern, einmal muss Abbie asiatische Riesenmonster im Schwertkampf besiegen, einmal ist offensichtlich der Zweite Weltkrieg von neuem ausgebrochen - die Mädchen ziehen gegen eine tote deutsche Armee, Gasmaskenzombies.

Unterlegt ist das alles mit Neuaufnahmen alter Songs - "Love Is the Drug" und "Sweet Dreams (are made of this)", allerdings alles Schrammelrock gleichgeschaltet. Einmal wird es wirklich ergreifend - Babydoll, offensichtlich in Mittelerde angekommen, muss einem Drachenbaby den Hals aufschlitzen, und dessen computeranimierte Mutter leidet herzergreifend.

Es dämmert einem, wo sich Zack Snyder hinträumt: "Sucker Punch", das soll so sein, als hätte Christopher Nolan einen Film mit den Frauenfiguren von Tarantino inszeniert. Aber Tarantinos Frauen sind nicht künstlich und nicht leblos - man lernt, sieht man Zack Snyders Maschinenmenschen zu, erst so richtig zu würdigen, mit wie viel Feingefühl und Liebe zu kleinen Gesten und Dialogwitz Tarantino sie gestaltet. Und wie spannend und komplex Nolans "Inception" ist. Charaktere, die keinen fesseln, erzeugen auch keinen Suspense, schon gar nicht im Kampf gegen tote Armeen. Aber faszinierend anzuschauen ist

"Sucker Punch" manchmal schon - schrecklich schöne, leere Bilder. Sie erzählen von nichts.

SUCKER PUNCH, USA 2011 - Regie: Zack Snyder. Drehbuch: Z. Snyder,Steve Shibuya. Kamera: Larry Fong. Schnitt: William Hoy. Mit: Emily Browning, Abbie Cornish, Jena Malone, Vanessa Hudgens, Jamie Chung, Jon Hamm, Scott Glenn. Warner, 110 Minuten.