Im Kino: "Stilles Chaos" Business as unusual

Es kann nur einen Mann an der Firmenspitze geben. Der andere muss nachsitzen in der Businesskrise - und seine Trauer mit Sex überwinden.

Von F. Göttler

Das Prinzip der Dreifaltigkeit in den Chefetagen wird in diesem Film diskutiert, Modelle werden durchgespielt aus dem Leben der Angestellten. Eine italienische TV-Gesellschaft will europäisch fusionieren, um im Geschäft zu bleiben, und die Frage ist, wer von den Topleuten bleiben kann und an welcher Stelle und wie viel Macht er dort haben wird.

Zwei der verunsicherten Manager spekulieren, für welches der Modelle man sich entscheiden sollte - das katholische oder das jüdische. Das eine sieht strengste Hierarchie vor, mit dem starken Mann an der Spitze, das andere nutzt das eher egalitäre Prinzip der Dreifaltigkeit. Einer wird also Gott sein und einer der Heilige Geist - aber wer wird wohl der Dritte sein in diesem Spiel, das ist die Frage, die den einen der Männer beunruhigt, wer ist der Sohn . . . "Du weißt doch, was mit dem Sohn passiert ist."

Ja, Pietro weiß es, und er sieht tatsächlich aus wie ein Jesus der modernen Businesswelt. Bärtig und bleich, erschöpft und geistesabwesend, ein wenig apathisch. Nanni Moretti spielt ihn, der geniale versponnene Aussteiger des italienischen Kinos. Er ist sehr relaxed in diesem Film, auch deshalb, weil er die Regie diesmal Antonello Grimaldi überlassen hat.

Das Gespräch der beiden Businesstypen findet auch nicht in den Bürogängen oder im Konferenzsaal statt, sondern in einem kleinen lauschigen Park in der Stadt. Vor der Schule, die Pietros Tochter besucht. Eines Tages ist er einfach dort sitzen geblieben auf einer Bank - ich warte auf dich, hatte er der Tochter hinterhergerufen, den ganzen Tag, ich rühr mich nicht von der Stelle. Von seinem Platz aus kann er das Fenster ihres Klassenzimmers sehen. Er favorisiert allemal die Präsenz, nicht die windigen Rollenspiele. Natürlich mag ihm keiner trauen, vermuten alle erst mal eine neuartige Erfolgsstrategie.

Einen richtigen Aussteiger kann man in Pietro dennoch nicht sehen. Er macht halt ein wenig weiter in der Tradition von Melvilles Bartleby, der vor Jahren zum Helden der Postmoderne befördert wurde. Pietro verweigert sich nicht, er bleibt weiter im Gespräch. Er hat es nur verlagert und offen gemacht - den Druck genommen, unbedingt zu einem Ergebnis und einer Entscheidung zu kommen. Business as unusual.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wodurch Pietro erlöst wird.

Schöner scheitern

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