Im Kino: Renn, wenn du kannst Kontrollgewinn

Bens Körper ist an einen Rollstuhl gefesselt - Querschnittslähmung nach einem Motorradunfall: Wie leicht hätte "Renn, wenn du kannst" ein Sozialdrama über Behinderte werden können.

Von Anke Sterneborg

Viele träumen davon, vom freien Blick über die Stadt und von all dem, was er bedeuten mag, Überblick und Weitsicht, Kontrolle und Potenz. Für Ben ist der Fall ein wenig anders, seine Blicke und seine Gedanken sind frei, aber sein Körper ist gefangen, an einen Rollstuhl gefesselt - Querschnittslähmung, nach einem Motorradunfall. Die Freiheit, die er mit seinen Blicken aus der Hochhauswohnung - die Stadt ist Duisburg - sich schafft, hat irgendwie mit Trotz zu tun und mit rhetorischen Kraftakten. Und doch gibt es eine Schwerelosigkeit des Erzählens in diesem Film von Dietrich Brüggemann, zu dem er mit seiner Schwester Anna das Drehbuch geschrieben hat. "Renn, wenn du kannst" hat auf der diesjährigen Berlinale die Reihe "Perspektive deutsches Kino" eröffnet.

Robert Gwisdek spielt den gelähmten Ben ganz unsentimental, und mit der Bereitschaft und der Fähigkeit, sich richtig scheußlich aufzuführen. Die Zivis, die ihm von Amts wegen helfen müssen, werden erst mal kräftig tyrannisiert, um sie für seine Hilflosigkeit zu strafen. Doch dann kommt David (Jacob Matschenz) - und der lässt sich nicht einschüchtern.

(Foto: Verleih)

Robert Gwisdek spielt den gelähmten Ben ganz unsentimental, und mit der Bereitschaft und der Fähigkeit, sich richtig scheußlich aufzuführen. Die Zivis, die ihm von Amts wegen helfen müssen, werden erst mal kräftig tyrannisiert, um sie für seine Hilflosigkeit zu strafen. Doch dann kommt David (Jacob Matschenz), der sich nicht einschüchtern lässt, und der bringt dann noch von unten, von der Straße die Musikstudentin Annika mit, gespielt von Anna Brüggemann - die Ben seit zwei Jahren von oben aus der Ferne anhimmelt. Wie sich diese drei dann mit ihren ganzen Unzulänglichkeiten und Ängsten langsam näherkommen, das erinnert tatsächlich ein wenig an Truffauts "Jules und Jim".

Was leicht ein Sozialdrama über Behindertenprobleme hätte werden können, bekommt hier das Zeug zur schnörkellosen Feelgood-Komödie. Es geht nicht um Liebe, sagt Brüggemann, es geht um Härteres, um Sex zum Beispiel und die Chancengleichheit, die Behinderte dabei haben. Und es geht um die Erwartungen und Enttäuschungen und die kleinen kostbaren Momente des Glücks, die damit verbunden sind. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich Brüggemann und seine Schwester Anna auf diesem mit Vorurteilen belasteten Terrain bewegen, hat viel damit zu tun, dass sie mit einer kleinen behinderten Schwester aufgewachsen sind und sich schon lange darüber ärgern, wie unrealistisch und feige andere Filme vom Alltag Behinderter erzählen.

Von "Vincent will meer" bis "Me Too", der spanischen Downsyndrom-Komödie, die in der kommenden Woche bei uns starten wird - das Kino ist gerade intensiv dabei, das Thema Behinderung neu zu definieren. "Renn, wenn du kannst" balanciert unerschrocken zwischen Momenten der Peinlichkeit - die Arbeit mit einer Penispumpe - und wirklich großen Kinomomenten. Eine Ahnung von der Freiheit des Roadmovie zum Beispiel, bei einer Fahrt mit einem behindertengerecht umgebauten amerikanischen Vintage-Cabrio.

RENN, WENN DU KANNST, D 2010 - Regie: Dietrich Brüggemann. Buch: Dietrich u. Anna Brüggemann. Kamera: Alexander Sass. Schnitt: Vincent Assmann. Mit: Robert Gwisdek, Jacob Matschenz, Anna Brüggemann, Franziska Weisz, Leslie Malton. Zorro Film, 112 Minuten.