Im Kino: Rango Der Held als Lakritz

Das Chamäleon ist ein Held, eine Erlöserfigur geradezu. Doch es hat Mist gebaut, ein bisschen geflunkert, man kennt das auch aus der Politik: "Rango" ist ein bemerkenswert realistischer Reptilienwestern.

Von F. Göttler

Eine alte Geschichte, man kennt sie aus dem Kino wie aus dem wirklichen Leben, aus Geschichte und Politik. Ein junger Held, eine Lichtgestalt, eine Erlöserfigur geradezu - er hat Scheiß gebaut. Hat sich das Vertrauen seiner Mitbürger in dem Westernstädtchen Dirt (= Dreck) erschlichen, hat ein bisschen geflunkert, sich mit falschen Geschichten geschmückt. Wollte den Erfolg, die Freundschaft, die Achtung der anderen, Aufnahme in die Gemeinschaft. Das ist schlimm.

Nun ist alles herausgekommen, ans Licht der gnadenlosen Wüstensonne. Das ist noch schlimmer. Nun steht Rango, den sie zum Sheriff gemacht hatten und der mit einer tollen Beziehungsgeschichte zur Klapperschlange, dem großen Killer der Wüste, geprahlt hatte, vor den Bewohnern und muss zurückstecken.

Es ist ein Moment der allergrößten Einsamkeit, ein Spießrutengang durchs Spalier der Blicke der Enttäuschung und Verachtung, an den Reihen derer vorbei, die einst stolz seine Freunde waren, mit denen er gemeinsam in den Kampf gezogen war ... Aber - es ist auch der Moment eines möglichen Neuanfangs, einer Läuterung, einer Erlösung. Rango geht allein in die Wüste, und er wird neu motiviert zurückkehren in seine Stadt.

Rango ist ein bemerkenswert realistischer Reptilienwestern aus der Mojave-Wüste, bevölkert mit Präriehunden und Wüstenmäusen, Gilaechsen und Gürteltieren, der grausame Revolverheld ist eine Klapperschlange, der tückische Bürgermeister eine Schildkröte im Rollstuhl, der Sheriffsheld ein großmäuliges, zwirbelschwänziges Chamäleon. Der Film macht das Überleben selbst zum Thema, in Hitze, Staub und Dreck, in einer Zivilisation, die nichts als Stückwerk ist, zusammengebastelt aus Latten und Planen und Kanistern, was ihr manchmal durchaus eine feine, schlanke Kontur verleiht.

Eine Welt neben der von heute, der alltäglichen - man verweilt natürlich nie in ihr und kennt sie daher nicht, durchquert sie möglichst rasch auf den großen Highways. Auch unser Held, bevor er sich selbst den Namen Rango wählt, wollte das, hinten in einer Familienlimousine, als Haustier in einem Terrarium. Dort hat er sein eigenes absurdes Theater veranstaltet, Stücke inszeniert mit einem Frauentorso und einem Plastikgoldfisch.

Dann fällt der Glaskasten vom Wagen, zerbricht, und unser Held sieht sich, im roten Johnny-Depp-Hawaiihemd, brutal mit der Welt konfrontiert, gehetzt und düpiert, aber bereit, all die Regeln und Sprüche des Western zu lernen. Wasser ist hier Gold, im wahrsten Sinne. Wasser zahlen die Städter ein auf ihre Konten in der Bank, aber dann ist das Wasser plötzlich weg - der Bankdirektor hat seine Hände im Spiel, der nicht zufällig an Noah Cross erinnert aus Polanskis Chinatown , verkörpert von John Huston.

Der Film ist ein unglaubliches Abenteuer, ein Animationsfilm von Leuten, die bislang noch nie einen gemacht hatten, an der Spitze Gore Verbinski, der mit dem Fluch der Karibik sensationellen Erfolg hatte, aber auch Ruhm erntete mit einem Reklamespot, in der ein paar Frösche fröhlich "Bud-weis-er" artikulierten. Einer seiner kleineren, weniger erfolgreichen Filme ist mit Nicolas Cage als glücklosem Wetterfrosch.

Die Idee zu Rango geht noch vor die Karibikfilme zurück, für die Realisierung hat Verbinski sich dann mit den Jungs von George Lucas' Firma Industrial Light & Magic (ILM) zusammengetan. Sie haben Johnny Depp und die anderen Akteure mit ein paar Westernklamotten und -utensilien versehen, zwischen Saloonversatzstücke placiert - der Lars-von-Trier-Dogville-Effekt - und drauflos spielen lassen. Diese Szenen wurden dann zum Ausgangsmaterial für die Computeranimationen genommen, und fürs Licht hat der Starkameramann Roger Deakins sie beraten.

Man spürt sehr schön die Beziehung der Animation zum Darwinismus, die bei Tex Avery die Cartoons vorantreibt und bei Disney und Pixar oft verdeckt wird durch die Eleganz, die Meisterschaft der bewegten Bilder. Die Figuren sind ungestalt, in ihrer Schuppig- und Staubigkeit, aber man möchte von Deformation nicht sprechen, denn die Formen sind hier sichtlich von Anpassung und Mimikry, vom Überlebenswillen bestimmt. Am Ende scheinen die Zeiten und die Genres durcheinandergewirbelt, der alte Westen hat etwas von Endzeitstimmung. Rango stößt auf Rudimente unserer Zivilisation, einen Süßigkeitenautomat zum Beispiel, in dem er vor den Attacken eines Raubvogels Zuflucht sucht - als Lakritz.

RANGO, USA 2011 - Regie: Gore Verbinski. Buch: John Logan. Schnitt: Craig Wood. Visual Effects: Tim Alexander. Mit den Stimmen von: Johnny Depp, Isla Fisher, Ned Beatty, Bill Nighy, Harry Dean Stanton. Deutsche Stimmen: Michael Kessler, Martin Semmelrogge, Rolf Zacher. Paramount, 107 Minuten.