All die Aktionen voll spektakulärer Nonchalance, für die Mesrine in Frankreich unvergessen ist, passieren dann erst nach seiner Rückkehr in die Heimat, im zweiten Teil - und doch braucht auch dieser Part seine Vorgeschichte, einen Resonanzraum des Schmutzigen und Alltäglichen, um die Figur nicht völlig fiktiv erscheinen zu lassen. Das ganze Phänomen erschließt sich also aus der Gesamtschau - und macht auch klar, wo die Mesrine-Romantik der Franzosen mit der Romantik des klassischen französischen Gangsterfilms zur Deckung kommt, und an welchen Stellen sich diese Welten auch wieder aufschlussreich unterscheiden.

Der echte: Ausbrecherkönig Jacques Mesrine muss ein unheimliches Talent besessen haben, Menschen für sich einzunehmen. Hier ein Polizeibild. (© Foto: AFP)

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So sehr Mesrine den Ruf zelebrierte, erst zu schießen und hinterher zu überlegen, auf eine Selbststilisierung legte er größten Wert: ein "ehrenwerter" Gangster zu sein und zu seinem Wort zu stehen, sei es in Übergabeverhandlungen mit der Polizei oder in der Loyalität zu seinen Komplizen. Was durchaus dem cinematographischen Gangsterbild entspricht, das vor allem der Regisseur Jean-Pierre Melville für Frankreich gezeichnet hat, stark inspiriert vom Ehrenkodex der Samurai - Alain Delon als "Eiskalter Engel" ist da noch immer die quintessentielle Figur.

Einsam wie der Tiger im Dschungel sei dieser Held, lautet der berühmte Satz in Melvilles Film - und da enden dann auch schon die Gemeinsamkeiten. Einsam ist Mesrine nur in Einzelhaft - sonst muss er ein geradezu unheimliches Talent besessen haben, Menschen für sich einzunehmen: Gefängniswärter, die heimlich auf seiner Seite standen, Mittäter, Frauen, die ihm bis ans Ende der Welt gefolgt wären. Wie er das machte, ist bis heute ein Rätsel - auf seinen realen Polizeifotos sieht er weder besonders attraktiv noch übermäßig verwegen aus, eher wie einer jener Gemütsmenschen mit etwas fülligen Wangen, die eine Zigarre und einen guten Wein schätzen und die der Schauspieler Philippe Noiret in seiner Laufbahn perfektioniert hat.

Da beginnt dann die Interpretation des Schauspielers Vincent Cassel, die den Film vor allem trägt: Er verleugnet die hässlichen Seiten der Figur nicht, schafft es aber dennoch, die Leerräume hinter den Fakten mit Energie, charmanter Großkotzigkeit und echter Verführungskraft zu füllen. So einem könnte das alles gelungen sein, denkt man sich - und staunt über die bürgerliche Bonhomie, die trotz aller Rebellenrhetorik immer mehr zum Vorschein kommt.

So muss man den realen Mesrine am Ende wohl sehen: Als Phantasiefigur und symbolischen Agenten eines aufgekratzten, nicht nur klammheimlich sympathisierenden Bürgertums.

Die Entscheidung der Polizei, den wieder einmal gestellten Staatsfeind im November 1979 bei der Verhaftung erschießen zu lassen, ist daher eigentlich das falsche Ende. Sie hinterließ eine Leerstelle in der öffentlichen Imagination, die dann überhaupt erst Raum schuf für den verspäteten französischen Linksterrorismus der "Action Directe". Fürs Kino allerdings, so viel ist klar, hätte kein anderer Schluss funktioniert . . .

MESRINE: L'INSTICT DE MORT, F 2008 - Regie: Jean-François Richet. Buch: Abdel Dafri. Kamera: Eric Catelan. Mit Vincent Cassel, Cécile de France, Gérard Depardieu. Senator, 110 Min.

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  1. Nicht zu fassen
  2. Sie lesen jetzt Draußen oder tot
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(SZ vom 22.4.2009/rus)