Im Kino: Picco Angst in Blassgrün

Junge Männer, eingesperrt wie Tiere - und am Ende verhalten sie sich auch so: "Picco" ist ein wuchtiges Gefängnisdrama und eine beißende Kritik auf den Jugendstrafvollzug.

Von Anke Sterneborg

"Gib deiner Heimat ein Zuhause: JVA", höhnt ein auf die Wand gekritzelter Spruch. Es herrscht klaustrophobische Enge im sogenannten Erziehungsvollzug, im unwirtlich grünen Licht sind die jungen Männer mit ihren Ängsten und Aggressionen, mit ihrer Sehnsucht und ihrer Hoffnungslosigkeit eingesperrt wie Tiere - und verhalten sich bald auch so. Unablässig muss man hier beweisen, dass man ein harter Hund ist, und kein Weichei, kein Opfer.

Am Anfang wehrt sich der Neue, den sie Picco (Constantin von Jascheroff) nennen. Er versucht, sich dem Gruppendruck zu entziehen und aus der Eskalation der Gewalt auszubrechen, doch schleichend begreift auch er, dass Menschlichkeit hier als gefährliche Schwäche gilt. Auch der Gefängnispsychologin fällt zu den Nöten ihrer Schützlinge nicht mehr ein als Tabletten zur Beruhigung und die hilflose Frage, ob sie sich denn schon mal etwas antun wollten.

Picco ist ein wuchtiges Gefängnisdrama, das auf dem realen Fall von 2006 basiert, als in der Jugendvollzugsanstalt Siegburg ein Gefangener spektakulär zu Tode gefoltert wurde. Für seinen HFF- Abschlussfilm, der es im vorigen Jahr nach Cannes in die Quinzaine de Réalisateurs schaffte, hat Philip Koch mehr als ein Jahr lang sorgfältig recherchiert. Dem Gefängnisalltag nähert er sich in kargen, strengen Bildern aus der Perspektive des Neuankömmlings, der schleichend in die Mechanismen von Demütigung und Unterwerfung hineingezogen wird. Weil Koch auf forcierende Musikuntermalung verzichtet, können die Geräusche eine zermürbende Wirkung entfalten: das monotone Aufschlagen eines Tennisballs an der Wand, das Klacken der Metalltüren, die Schreie, die über den Gefängnishof hallen, das erstickte Schluchzen eines drangsalierten Jungen, den niemand hört.

Beklemmend authentisch ist das Spiel der Darsteller. Vor allem Frederick Lau lässt unter seiner testosteronstrotzenden, gefährlichen Präsenz den Schmerz und die Verlorenheit aufschimmern, die seine Figur mit ausgreifenden Gesten und lautem Gebaren zu kaschieren versucht. So treibt die ungute Mischung aus Energie und lähmender Langeweile stetig auf eine Eskalation zu. Immer enger wird der Blick, bis zu jener Nacht, in der sich zwischen den vier Zelleninsassen eine mörderische Dynamik entwickelt, die auch für den Zuschauer zu einer harten Belastungsprobe wird. Picco ist eine beißende Kritik am Jugendstrafvollzug - und eine verstörende Studie gewalttätiger Männlichkeitsrituale.

PICCO, D 2010 - Regie und Buch: Philip Koch. Kamera: Markus Eckert. Mit Constantin von Jascheroff, Joel Basman, Frederick Lau. Movienet, 108 Minuten.