Im Kino: Ondine Der Fischer und seine Meerjungfrau

Colin Farell gibt den einsamen Fischer, seine im wahren Leben richtige Frau spielt die Meerjungfrau: Der Film "Ondine" beginnt als zauberhafter Heimatmärchenfilm an der irischen Küste - und endet als Krimi.

Von Rainer Gansera

Der Mix aus Zauber und Thrill ist Neil Jordans Element. Da gewinnt der irische Regisseur seine stärksten Momente, wenn er flirrende Phantasie und kantigen Realismus ineinander spielen lässt. Egal, bei welchen Genres er sich gerade bedient, ob er ein subtil-subversives Liebesdrama (The Crying Game, 1992) in Szene setzt oder raffinierten Blockbuster-Horror (Interview mit einem Vampir, 1994) oder das eigenwillige Remake eines Melville-Krimis (The Good Thief, 2002). In Ondine schlägt er nun flüsternden Märchenton an.

Als in Hollywood die Drehbuchautoren streikten und ein lang gehegtes Großprojekt sich nicht realisieren ließ, kehrte Jordan in seine irische Heimat zurück, an jene Orte der Küste von Cork, die er wie seine Westentasche kennt, um sich dort zu einer neuen, einfacheren Geschichte inspirieren zu lassen. "Ich hatte zunächst nur dieses eine Bild vor Augen, ein Mädchen, das von einem Fischer im Netz aus dem Meer gezogen wird. Da wusste ich noch gar nicht, wo die Geschichte hingehen sollte ..." Das Bild ist bekannt, zum Beispiel aus Oscar Wildes Märchen Der Fischer und seine Seele.

Jordans Geschichte, die sich behutsam mit den Märchenmotiven der geheimnisvollen Wasserfrau auflädt, geht so: Der junge Fischer Syracuse (langhaarig, wunderbar schroff und melancholisch: Colin Farrell) führt ein einsames, trauriges, glückloses Leben. Geschieden, Ex-Alkoholiker, von den Leuten im Dorf Circus genannt und verspottet. Seine einzigen Vertrauten sind die zehnjährige, nierenkranke Tochter Annie und der Pfarrer (Jordans Lieblingsdarsteller: Stephen Rea), der ihm im Beichtstuhl rät: "Das Elend ist leicht zu haben, für dein Glück musst du schon was tun!" Eines Tages findet Syracuse im Netz nicht nur vereinzelte Makrelen, sondern eine junge, wunderschöne, vor Kälte zitternde Frau (enigmatisch: Alicja Bachleda-Curus, Colin Farrells Ehefrau im wirklichen Leben).

Mit staunenden Kinderaugen

Sie sagt, sie heiße Ondine, und weil sie nicht entdeckt werden will, bringt Syracuse sie im einsam gelegenen Cottage seiner verstorbenen Mutter unter. Sein Schicksal wendet sich. Ondine singt und schon füllen sich die Netze wundersam mit Lachsen und Hummern. Tochter Annie sieht in Ondine ein Selki, eine Meerjungfrau der irisch-schottischen Sagenwelt, auch wenn sie keine Schwimmhäute zwischen den Finger hat. Und während man gerade dabei ist, sich ins Märchengeflecht einspinnen zu lassen, dreht die Story hart um in Richtung Krimi-Realismus. Ein fremder, gewalttätiger Mann taucht auf und ist hinter Ondine her.

Der Zauber von Ondine entsteht zuerst aus den Landschaften, Orten, Plätzen: die windgepeitschte Steilküste, das Aquamarinblau des Meeres, das Hexenhafte des abgelegenen Hauses, das verwitterte Ambiente eines Dorfes, in dem Zeit in den siebziger Jahren stehengeblieben scheint, die erhabene Stille der Kirche - all dies ist mit märchenhafter Intensität und atmosphärischer Dichte eingefangen. Märchenhaft nicht im Sinne von Touristenprospekten, sondern so, wie man mit staunenden Kinderaugen Landschaften erkundet. Wie selbstverständlich entspringt diesen Orten die für Jordan typische Zauber-Thrill-Atmosphäre. Kameramann Christopher Doyle, der durch seine Arbeiten mit Wong Kar-Wai berühmt wurde, gelingen Aufnahmen, die die Energiefelder von Landschaften und Räumen physisch spürbar machen.

Einzig die Ondine-Figur bleibt etwas blass und dekorativ. Der Dreh vom Märchen zum Krimi lässt ihre Konturen verschwimmen. Gleichwohl erweist sie sich stark genug, um das Herzstück der Geschichte aufstrahlen zu lassen.

Märchen von Wasserfrauen enden meist tragisch, berichten von Liebesverrat und Verlassenheit. Neil Jordan aber nimmt sich das Recht, seiner Geschichte gerade dort, wo sie sich der Phantasmen entkleidet, einen Glückshorizont zu schenken: Es kann eine Liebe geben, die erlöst und rettet.

ONDINE, Irland/USA 2009 - Regie, Buch: Neil Jordan. Kamera: Christopher Doyle. Musik: Kjartan Sveinsson, Songs der Band Sigur Ros. Mit: Colin Farrell, Alicja Bachleda-Curus, Alison Barry, Stephen Rea, Tony Curran, Dervla Kirwan. Concorde, 111 Minuten.