Im Kino: Nowhere Boy Rock me, Ödipus

Im Kinofilm "Nowhere Boy" geht es nicht nur um die Geburtsstunde der berühmtesten Popband der Welt, sondern um den Blick in die Seele eines rebellischen Teenagers: John Lennon.

Von Rainer Gansera

Wenn du so weitermachst, endest du im Nirgendwo!" Grimmig fixiert der Schulleiter den aufsässigen Schüler John Lennon (Aaron Johnson), der bei der Lektüre von Pornoheftchen entdeckt wurde. Nowhere Boy Lennon antwortet, im Nirgendwo seien die Genies zu Hause, "also gehöre ich da wahrscheinlich hin!"

In ihrem Regiedebüt zeichnet die als Konzeptkünstlerin bekannte Sam Taylor-Wood (berühmt wurde sie mit ihrem Video vom schlafenden David Beckham) das spannende, sympathische, bisweilen etwas in Kostümdrama-Nostalgie versinkende Porträt des rebellischen Teenagers Lennon, der das entscheidende Drama seines Lebens in seinem Urschrei-Song "Mother" später so formulieren wird: "Mother, I wanted you but you didn't want me."

Urschrei nach der Mutter, die ihn als Fünfjährigen verließ. Während des Abspanns wird der Song in einer elektrisierenden Version, die Lennon, Klaus Voormann und Ringo Starr einspielten, erklingen und den Horizont des Films noch einmal weiten. Hier geht es nicht nur um die Geburtsstunde der berühmtesten Popband der Welt, sondern um den Blick in die Seele eines Jungen, der die Zurückweisung durch seine Mutter immer als Wunde mit sich trug.

Bei seiner gestrengen Tante Mimi (Kristin Scott Thomas) wächst der 15-jährige John auf, langweilt sich gründlich in dem pflichtorientierten Ambiente der unteren Mittelklasse und entdeckt bei der Beerdigung seines geliebten Onkels in den hinteren Reihen der Trauergäste die Frau, die er in Kürze näher kennenlernen wird: seine leibliche Mutter Julia (Anne-Marie Duff).

Zunächst aber folgt eine Rückblende auf das Trauma des fünfjährigen John, der wählen soll, ob er mit seinem Vater Alf mitgehen und nach Neuseeland auswandern will. Er entscheidet sich tränenüberströmt für den Verbleib bei der Mutter, die sich aber - sie erweist sich als leichtlebiges Party-Girl - nicht ordentlich um ihn kümmern kann. So landet John bei Tante Mimi.

Deine Spucke ist meine Spucke

Mit fünfzehn erfährt John von seinem Freund, dass Mutter Julia nur ein paar Straßenzüge weiter wohnt. Er geht hin, klopft an, und Julia empfängt ihn mit einer freudigen Umarmung. Fortan wird er sie oft besuchen, und es entspinnt sich eine Art ödipaler Romanze.

Die Mutter verpasst ihm einen Schnellkurs in Sachen Popmusik, spielt ihm Folksongs vor, Hits von Elvis und Eddie Cochran. Sie bringt ihm Banjo-Mundharmonikaspielen bei, nimmt ihm die Mundharmonika aus der Hand: "Deine Spucke ist meine Spucke" und setzt sie sich selbst an die Lippen. Schon gründet John mit Schulkumpels eine Skiffle-Band. Als er mit Julia im Kino in einer Wochenschauaufnahme Elvis sieht, ruft er aus: "Warum hat Gott mich nicht zu Elvis gemacht?" Da prophezeit ihm die Mutter mit kindlicher Emphase, die das Pathos abmildert: "Weil er dich aufgespart hat für John Lennon."

Hier Tante Mimi als steifes Über-Ich, die vor Umarmungen mit einem verschämten "Sei nicht albern" zurückweicht - dort die verführerische Mutter Julia. Zwischen John und Julia entspannt sich eine flirrende, emotional herausfordernde, ödipal-erotisch aufgeladene Beziehung, die den Jungen verstört, provoziert, zurückstößt, in Bann zieht und inspiriert. "Weißt du was Rock'n'Roll ist?", fragt Julia einmal. "Was?", fragt der Sohn mit unschuldigem Augenaufschlag. Sie lächelt und flüstert: "Sex!", und die beiden tanzen zu Ike Turners "Rocket 88".

Im Gegenüber der beiden Schwestern zeigt der Film das Doppelgesicht einer Gesellschaft im Aufbruch. Einerseits das beinahe noch viktorianisch erstarrte England, andererseits der fröhliche Rock'n'Roll. Der Regisseurin gelingt eine raffiniert ausbalancierte Dreierbeziehung zwischen John, Mimi und Julia, die beinahe auf eine Zwei-Mütter-Symbiose hinausläuft - etwa wenn John für die Versöhnung der beiden Schwestern sorgt und sie im Vorgarten zu einem Liegestuhl-Päuschen überredet.

Dann erscheint Paul McCartney (Thomas Sangster), der in Johns Band mitspielen will. Eine wunderbar ausgespielte Szene: Paul mit Buddy-Holly-Locke hält die Gitarre als Linkshänder falsch herum, legt aber ein paar tolle Blues-Soli und Riffs hin. Woraufhin John befindet: "Besser er spielt bei uns als in einer anderen Band." Nach einer Schlägerei sind die beiden dann auch richtige Freunde.

Die besten Momente aber hat Nowhere Boy, wenn die Komplizenschaft mit Mutter Julia für das sexuelle und künstlerische Erwachen Johns sorgt, am schönsten in einer magischen Szene, wenn Mutter und Sohn zu einem Song von Screamin' Jay Hawkins tanzen: "I put a spell on you."

Oh Johnny

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