Von Martina Knoben

Sensationelles Schauspiel: Mit dem beeindruckendem Filmdebüt "Novemberkind" wird Anna Maria Mühe in die erste Liga der deutschen Schauspielerinnen katapultiert.

Die deutsche Einheit hat im Kino vor allem Gespenster hervorgebracht. Schon in Christoph Schlingensiefs hellsichtigem Wendefilm "Das deutsche Kettensägenmassaker" (1990) wirkte die Bundesrepublik wie eine Geisterbahn; und wenn später vom deutschen Osten die Rede war, sah dieser nicht selten aus wie ein Totenreich. Auch in Christian Schwochows "Novemberkind" spuken Phantome herum: Ein Romanautor saugt fremdes Leben auf wie ein Vampir; und die junge Frau, deren Geschichte er stehlen will, sieht aus wie ihre tote Mutter, die vor mehr als 25 Jahren aus der DDR in den Westen geflohen war.

anna maria mühe novemberkind dpa

Novemberkind: Anna Maria Mühe ... (© Foto: dpa)

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Anna Maria Mühe spielt diese weibliche Doppel-Hauptrolle und hat sich damit endgültig in die erste Liga der deutschen Schauspielerinnen katapultiert. "Novemberkind" ist ein bemerkenswerter Film; man mag kaum glauben, dass es sich dabei um Schwochows Diplomfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg handelt. Er wird dem Regisseur viele Türen öffnen, so nachdrücklich hat dieser damit sein Talent unter Beweis gestellt, so souverän vermag Schwochow zu inszenieren und seine Darsteller zu führen.

Vergiftet

Eine Erfolgsgeschichte also, der durch die Parallelen der Filmerzählung zur Biographie der Hauptdarstellerin zusätzliche Aufmerksamkeit zufließen dürfte: Mühe ist die Tochter der Schauspielerin Jenny Gröllmann und des Schauspielers Ulrich Mühe, der ein paar Monate nach dem Oscar für "Das Leben der Anderen" 2007 an Krebs gestorben war. Zuvor hatte er seiner ebenfalls krebskranken Ex-Frau vorgeworfen, ihn im Auftrag der Stasi bespitzelt zu haben; eine Anschuldigung, die ihm später gerichtlich untersagt wurde. Ganz geklärt wurde die Sache nie.

Wie sich Geschichte in den intimsten Beziehungen niederschlägt, wie sie das Verhältnis von Eltern und Kindern und das von Liebenden vergiftet, ist auch das Thema von "Novemberkind", der seine Figuren nicht schont und sich allein dadurch von vielen der derzeit so beliebten Heimat-Historien-Filme absetzt.

Ulrich Matthes spielt Robert, einen Konstanzer Professor für kreatives Schreiben, der nach einem Herzinfarkt sein Leben ändern will, indem er seinen ersten Roman schreibt. Mit seinem hageren, blassen, unrasierten Gesicht wirkt dieser Mann wie ein Todesbote - und verkörpert eine Leere, wie sie wohl nur im ehemals satten Westen blühen konnte.

Kindliches Leuchten

Als Voyeur macht er sich an Inga heran, eine junge, bei ihren Großeltern aufgewachsene Bibliothekarin aus einem Nest in Mecklenburg. Sie ist Opfer, Muse und Gegenspielerin dieses Blutsaugers. Wenn Inga, nur mit Pelzmütze bekleidet, im Winter in einen See springt, wirkt sie wie das Leben selbst. Einzigartig im deutschen Kino ist die Natürlichkeit, die Anna Maria Mühe ausstrahlen kann, ihr ruhendes Selbstbewusstsein, das kindliche Leuchten.

Malchow könnte eine Idylle sein, die Beschaulichkeit wirkt aber von Anfang an nicht echt. Wenn Inga mit ihren Großeltern Karten spielt und Opa sich jede Unterbrechung im Kommandoton verbittet, dann modert zwischen diesen realsozialistisch beigen Wänden immer noch die DDR.

Die Zeit verläuft nicht linear in diesem Film. Immer wieder drängen Rückblenden in die Erzählung, mit unruhigen, springenden Schnitten, grobkörnig und leicht sepiafarben. Darin ist Ingas Mutter Anne zu sehen, wie sie einen russischen Deserteur versteckt, mit ihm in den Westen flieht und ihre fiebernde Tochter zurücklässt. Als Robert Inga einen Teil dieser Geschichte erzählt, bricht für das Mädchen, das immer geglaubt hatte, seine Mutter sei in der Ostsee ertrunken, eine Welt zusammen. "Das ist noch nicht alles", sagt Robert da, die beiden rudern auf einem See. "Ich glaube, mir reicht's", sagt Inga, und es ist ein sensationelles Schauspiel, ihren Blick zwischen diesen zwei Sätzen von kindlicher Unschuld zu bitterer Erkenntnis wechseln zu sehen.

Geschichte in Gesichtern

Mit Robert macht Inga sich auf die Suche nach ihrer Mutter. "Novemberkind" ist auch ein Road-Movie, das wie so viele Filme über den deutschen Osten von dieser seltsamen Stimmung zwischen Aufbruch und Verlorenheit erzählt. Er ist deshalb auch ein Film der Gesichter, an die Frank Lamm mit seiner Kamera ganz nah herangeht, drumherum viel Leere, Novemberfarben.

Und es sind auch lauter Novembergesichter, die Inga umgeben: Robert mit den Spuren seines Infarktes und seiner Mittelmäßigkeit in den Zügen; die Großeltern mit ihrem Schmerz und ihrer Scham; Juri, der einmal Annes große Liebe war, aber im Westen nie wirklich ankommen ist; schließlich Ingas Vater, der mit seiner Kleinlichkeit den Tod der Mutter mitverschuldet hat.

Die Tragödie der Geschichte ist die Tragödie vieler Einzelner. Dass Anna Maria Mühe die Rollen von Mutter und Tochter spielt, bewirkt, dass die Zeiten zusammenfallen, 1980 und 2008, was deshalb so überzeugt, weil die Lügen, die Ingas Familie zerstört haben, andauern, das Schweigen nicht gebrochen ist.

"Novemberkind" ist ein Generationen-Projekt, gleich in mehrfacher Hinsicht: Christian Schwochow hat das Drehbuch zusammen mit seiner Mutter geschrieben; auch das darf durchaus als reife Leistung gelten.

NOVEMBERKIND, D 2008 - Regie: Christian Schwochow. Buch: Heide u. Christian Schwochow. Kamera: Frank Lamm. Schnitt: Christoph Wermke. Mit: Anna Maria Mühe, Ulrich Matthes, Christine Schorn, Hermann Beyer. Schwarz Weiß Filmverleih, 95 Minuten.

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