Im Kino: "Monsters" Achse der Außerirdischen

Der Anti-Emmerich: Gareth Edwards zeigt in seinem Kinofilm "Monsters" Amerika in den Zeiten des Kriegs gegen den Terror - und die Monster tanzen.

Von Fritz Göttler

Monströs sind in diesem Film nicht unbedingt die Fremden, die Außerirdischen, die phantastischen, abartigen Lebensformen. Monströs ist der Alltag heutzutage, mit seinen Mängeln und Verzerrungen und Schikanen, monströs ist das Bemühen, mit diesen fertig zu werden, Tag für Tag. Monströs ist zum Beispiel die Bürokratie, die große Errungenschaft der verwalteten Zivilisation, ihre Borniertheit, ihre Korruption.

Ein Junge und ein Mädchen wollen aus Lateinamerika zurück in die USA, zwischen den Ländern existiert mittlerweile eine "Infizierte Zone", ein ungesichertes Terrain, dessen Durchquerung mit höchsten Risiken verbunden ist. Also wählen die beiden die Fähre, die sie die Küste entlang zurückbringen wird. Ja, es gibt noch ein paar Tickets, sagt der Mann im Fähren-Büro, morgen früh um sieben, die letzte Chance. Ja, sagt der Junge, perfekt, und was kostet das? Fünftausend Dollar, ist die Antwort des Beamten. Sie ist amerikanische Staatsbürgerin, sagt der Junge, und das Mädchen zeigt stolz seinen Pass. Hübsches Bild, sagt der Mann, aber er lässt nicht mit sich handeln. Er bleibt völlig ungerührt, eine unglaubliche Mischung aus Gier und Freundlichkeit liegt auf seinem Gesicht.

Infiziert ist die Zone, seitdem sechs Jahre zuvor eine Raumsonde auf die Erde zurückkam und genetisch fremdes Material in den Dschungel verstreute, das Monsterkreaturen hervorbrachte - eine Bedrohung der Immunität der Staaten und Gesellschaften. Sie verstehen sich als Körper, deshalb haben die USA den Rest des Kontinents isoliert, die Infizierte Zone eingerichtet, eine riesige Mauer hochgezogen zwischen Texas und Mexiko. Der Junge soll das Mädchen in die Heimat zurückbringen. Er ist ein Sensationsfotograf, das Mädchen die Tochter seines Chefs - das erinnert an die klassische Konstellation von "It Happened One Night". Der aktuelle Auftrag kollidiert mit seinem professionellen Interesse, er muss aus Sicherheitsgründen die Monster meiden und doch eigentlich ihre Nähe suchen. 50000 Dollar würde er vom Vater kriegen für das Bild eines von den Monstern getöteten Kindes.

Gareth Edwards' "Monsters" ist in gewisser Weise "A bout de souffle" mit Tentakeln, gedreht mit einer lächerlichen fünfstelligen Minimalsumme. Man spürt die lakonische Attitüde der Neuen Welle in jeder Einstellung - Kino, das auf die Straße geht, auf die Flüsse in den Urwäldern. Man macht was, man kann, mit den Mitteln, die man hat - so hat Godard das formuliert. Der junge Engländer Gareth Edwards hat Mitte der Neunziger angefangen, Spezialeffekte zu gestalten. Als er die Demo-Clips Produzenten zeigte, sperrten die ihre Augen auf, als sie all die Dinos und Roboter sahen. Jaja, hat er ihnen erklärt, das habe ich alles zu Hause gemacht. "Was soll das heißen, zu Hause ... Sie können das alles auf Ihrem Heimcomputer machen?"

Für "Monsters" hat er seine Kunst gebraucht, um Wirklichkeit nicht zu schaffen, sondern nachzubearbeiten. Die Bilder sind synthetisch wie die in den späten Werken Godards, aber sie haben einen realistischen Kern. Skelette von Häusern, leere Straßen, Dreck und Graffiti. Die urbanen Kriegslandschaften, die man seit Jahren aus den Nachrichten kennt, der ganz gewöhnliche News-Surrealismus. Edwards ist mit seinem kleinen Team und seinen zwei Akteuren durch die lateinamerikanische Provinz gefahren, wenn sie eine tolle location sahen, stoppten sie und improvisierten eine Szene, mit Leuten am Ort. Am Computer wurden dann die Helikopter und Jeeps der US-Armee hineinkopiert. Ein Abenteuerfilm - aber einer, der die säuberliche Unterteilung in Dokument und Fiktion nicht gelten lässt, über die Kritiker so intensiv ihre Köpfe zerbrechen.

Ein kleiner Film über die Katastrophe, aber zeitversetzt. Anti-Emmerich, man sieht keine Zerstörungsorgien, nur das Danach, nach der Katastrophe. Die eigentliche Zerstörung, Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Unterdrückung, wie sie der globale Kapitalismus produziert. Und seine schlimmste Form, sagt Edwards, ist der Krieg gegen den Terror. Die Monster bleiben dagegen die meiste Zeit unsichtbar, wie die ominösen Massenvernichtungswaffen im Irak. Wenn man sie dann doch sieht, fangen sie zu tanzen an.

MONSTERS, GB 2010 - Regie, Buch, Kamera, Produktionsdesign, visuelle Effekte: Gareth Edwards. Schnitt: Colin Goudie. Musik: Jon Hopkins. Sounddesign: Jürgen Funk. Mit: Whitney Able, Scoot McNairy. Capelight, 93 Minuten.

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