Von Tobias Kniebe

Wenn Cruise auf der Verpackung steht, dann ist Cruise auch drin: J.J. Abrams hat mit "Mission: Impossible III" allerdings einen Actionfilm vorgelegt, der vor allem den Liebes-Cruise, den Turtel-Cruise ins Zentrum rückt.

Natürlich ist das ein alter Traum: Einen Film zu drehen, als habe man soeben das Kino erfunden; eine Geschichte zu erzählen, die ganz aus sich selber schöpft; und einen Star zu besetzen, als sei er noch unerforscht, als gäbe es kein Leben und kein Image jenseits der Leinwand.

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Eine fast brasilianische Freude am Spiel, die auch Cruise, der zuletzt oft als unverdaulicher Eiferer in Erscheinung trat, schlagartig wieder konsumierbar macht. (© )

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Was immer den Regisseur und Autor J.J. Abrams antreibt: Dieser Traum ist es nicht. Eher im Gegenteil: Wenn man sieht, was er mit "Mission: Impossible III", mit dem Star Tom Cruise und dem ganzen Cruise-Universum gemacht hat, dann formuliert er hier eine Art radikales Kontrastprogramm: Dass man alles nutzen und einbauen muss, was überhaupt nur geht, dass man die Bilder, die schon in den Köpfen herumspuken, unbedingt als Verbündete braucht, dass der Filmemacher eine Spinne im Netz des Populären sein muss, hellwach, blitzschnell und tendenziell unersättlich.

Nehmen wir nur die reale Cruise-Szenerie, die momentan allgegenwärtig ist: Da ist der grenzdebile Fäusteballer und Sofaspringer, der gurrende Ringetauscher auf dem Eiffelturm, der Prediger, der sein privates Glück (große neue Liebe, Baby, baldige Hochzeit) hemmungslos in alle Welt hinausposaunt.

Kann dieser Mann noch glaubwürdige Rollen spielen, wo er doch gerade ganz in der Rolle des Lovers aufgeht? Und noch dazu in Actionfilmen, die ihn bisher ganz anders gezeigt haben, eher als kalten, beinah übermenschlichen Perfektionisten? Die Antwort lautete erst einmal: Nein. Als Jeffrey Jacob Abrams das "Mission: Impossible"-Projekt übernahm, warf er ein aufwendig entwickeltes Drehbuch, an dem Größen wie Frank Darabont und Robert Towne mitgearbeitet hatten, umstandslos ins Altpapier. Dann schrieb er mit seinem eigenen Team ein neues für den Liebes-Cruise, den Turtel-Cruise, ein Drehbuch für das Leben nach Katie Holmes. Und siehe da - es funktioniert.

Tom Cruise alias Ethan Hunt, der Franz Beckenbauer unter den Superspionen, mag nicht mehr. Er hat die Frau seines Lebens getroffen und will heiraten. Unmögliche, selbst mögliche Missionen nimmt er nicht mehr an: "Familie geht vor". Also lernen wir ihn in seinem Privatleben kennen, wo er die Nase traulich an seiner Verlobten (Michelle Monaghan) reibt, ganz wie der echte Cruise im Fernsehen, und Nase und Frisur dieser Filmverlobten gleichen jenen der echten Verlobten bis ins Detail. Die schmachtenden Blicke, das Wispern der Freundinnen ("Den würde ich auch nehmen") - alles wie in der Gala. Nur zu einem letzten Rettungsauftrag in Berlin lässt sich Hunt überreden. Das alte Team stimmt einen Chor der Skeptiker an: "Wir sind nun mal nicht für feste Beziehungen geschaffen", und so fort. Merke: Dauerhaftes Glück ist schwer zu haben, für den Superspion genauso wie für den Superstar.

Kaum sind Klatsch-Cruise und Kino-Cruise zur Deckung gebracht, werden beide mit stärksten Bandagen zurück ins Geschäft gezerrt. Der erste Auftrag geht böse schief, der Gegner, ein internationaler Waffenhändler namens Owen Davian (Oscarpreisträger Philip Seymour Hoffman) ist gefährlicher als geplant, auch eine Mission im Vatikan endet im Desaster. Dann ist die Verlobte entführt und in Todesgefahr, und der Kampf bekommt einen garstig persönlichen Anstrich. Alle "Mission: Impossible"-Filme leben von Einbruchs- oder Ausbruchssequenzen und überraschenden Demaskierungen, oft im wörtlichen, kautschukzerfetzenden Sinn. J.J. Abrams inszeniert das nicht klassisch wie sein Vorgänger Brian DePalma, sondern skizzenhaft, fast flüchtig. Als Cruise eine tödliche Biowaffe (Codename "Hasenpfote") entwendet, wartet die Kamera einfach draußen vor dem Gebäude, frei nach dem Motto: Irgendwie wird er das schon machen, und jetzt könnte er mal wieder auftauchen. Das geht, gerade weil der Regisseur vom Agenten-Genre geprägt ist, seine stilbildende Fernsehserie "Alias" hat es bewiesen. Jetzt zeigt er vor allem das, was er als Fan selbst immer sehen wollte - zum Beispiel einen mobilen Kautschukmasken-Fräser in Aktion.

Der Geist der Selbstreflektion geht aber noch weiter. Als kleines Nebenprojekt hat sich der Regisseur offenbar vorgenommen, einige Imagewandlungen seines Stars noch einmal zu zitieren - eine versteckte Mini-Retrospektive für Freunde und Familie. Einmal fährt Cruise Motorrad mit Lederjacke und dunkler Sonnenbrille, Staubwolken wirbeln im Gegenlicht - ein Direktimport aus "Top Gun" aus den achtziger Jahren. Auch Oliver Stone, Sidney Pollack und DePalma nickt Abrams zu: Wenn sich Cruise mit brauner Wollmütze und Backenbart tarnt ("Geboren am 4. Juli"), wenn er wie angestochen durch Schanghai rennt ("Die Firma"), oder wenn er, an einem Stahlseil hängend, nur Zentimeter über dem Boden schwebt ("Mission Impossible I"). In anderen Händen könnte das angestrengt und bemüht wirken, hier aber vermittelt sich vor allem eins: eine fast brasilianische Freude am Spiel, die auch Cruise, der zuletzt oft als unverdaulicher Eiferer in Erscheinung trat, schlagartig wieder konsumierbar macht.

Spielerisch und leichtfüßig ist dieser Film - und doch manchmal erstaunlich böse. Wenn einer der Schurken aus dem Umkreis der US-Regierung dafür plädiert, dem Waffenhändler erst einmal freie Hand zu lassen, um dann hinterher mit der Armee einzumarschieren ("Aufräumen, Infrastruktur schaffen, Demokratie bringen, das ist es, was wir am besten können"), dann meint man, im Hintergrund das homerische Gelächter der Filmemacher zu hören. Sehr interessant ist auch die Rolle der Frau an der Seite des Agenten: Erst darf sie gar nichts von seinem Job ahnen, dann wird sie zur Geisel und muss eingeweiht werden - und schließlich greift sie, soviel darf verraten werden, selbst zur Waffe. Das kann man, wenn man will, als perfekte Konversion deuten, als Allegorie auf Tom Cruise als Drahtzieher von Scientology, als Unterwerfung der Frau unter das fremde und gefährliche Glaubenssystem des Mannes. Muss man aber nicht. Denn diese dritte "Mission" ist, so oder so, ein ziemlich spannender Film.

MISSION: IMPOSSIBLE III, USA 2006 - Regie: J.J. Abrams. Drehbuch: Abrams, Roberto Orci, Alex Kurtzman. Kamera: Dan Mindel. Mit: Tom Cruise, Philip Seymour Hoffman, Ving Rhames, Michelle Monaghan, Jonathan Rhys-Meyers, Laurence Fishburne. UIP, 126 Minuten.

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