Der Film beginnt mit ein paar brutalen Breitseiten - noch nie hat man im Kino deren Wucht so stark gespürt. Peter Weir hat einen grandiosen Film über die unerträgliche Schwierigkeit des Seemann-Seins zu Beginn des 19. Jahrhunderts vorgelegt.
Kapitän Aubrey trägt seinen Hut gern quer, er schaut auf seine Erscheinung, wie die großen Führungsfiguren seiner Zeit, Lord Nelson oder Napoleon. Wir befinden uns im Jahr 1805, es herrscht Krieg zwischen England und Frankreich. Ein Krieg, der in Dutzende verschiedener Schauplätze zersprenkelt ist, in vielen Ländern und auf den Weltmeeren. Vor der brasilianischen Küste zum Beispiel kreuzt das Kriegsschiff HMS Surprise. 28 Kanonen, 197 Mann Besatzung. Sein Auftrag: das französische Kaperschiff Acheron abfangen - versenken, brandschatzen, als Prise aufbringen . . . Die Acheron stört das Walfangbusiness der Briten; das ist der konkrete ökonomisch-politische Hintergrund der Aktion, aber für die Besatzung der Surprise entwickelt die Jagd eine ganz andere, obsessive Bedeutung. Das Schiff wird brutal zusammengeschossen, muss einen Sturm am Kap Horn überstehen, dann wieder qualvoll lange Phasen der Windstille.
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Die Romane von Patrick O'Brian um den britischen "Master & Commander" Jack Aubrey sind in den Neunzigern Legende geworden. Zwanzig Bände, die nicht nur auf unerhörte Action aus sind, sondern auch ein Kompendium liefern des Lebens in der Zeit der Napoleonischen Kriege. Ein klassischer Fall für Hollywood, dennoch hat es viele Jahre gedauert, bis der Produzent Samuel Goldwyn Jr. drei Studios - Fox, Universal und Miramax - zu diesem Gemeinschaftsunternehmen zusammenbrachte und den richtigen Regisseur: den Australier Peter Weir, der in seinen Filmen das Leben am Rande der Zivilisation erforschte, in seiner Balance zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und Moderne. Eine Balance, die auch das Werk von Patrick O'Brian prägt - er hat neben seinem Aubrey-Zyklus über Picasso geschrieben und Simone de Beauvoir übersetzt.
Seefahrer haben eine große Vergangenheit in Hollywood, sie haben das Actionkino gehörig in Schwung gebracht. Michael Curtiz hat das mit seinen Errol-Flynn-Filmen in den Dreißigern angeleiert, Raoul Walsh hat mit seinem Hornblower-Film 1950 die Apotheose des Genres geschaffen. Peter Weir nun, als Dritter im Bunde, dekonstruiert das Genre, enthüllt die spielerische Leichtigkeit, die Eleganz, mit der die früheren Filme uns betörten, als Illusion. Das Leben, das er uns zeigt an Deck dieser Schiffe, ist schwer und schwerfällig. Die Reaktionen sind langsam, am Rande der Manövrierfähigkeit. Der Film beginnt mit ein paar brutalen Breitseiten - und noch nie hat man deren Wirkung, deren Wucht so stark im Kino gespürt.
Der Herbst ist eine epische Jahreszeit im amerikanischen Kino. Ein anderer, gelassener Erzählrhythmus löst die Hektik der Actionspektakel ab. An diesem Wochenende startet in den USA "The Missing", ein mythischer Western mit Cate Blanchett und Tommy Lee Jones, wenige Wochen darauf steht "Cold Mountain" auf dem Programm, eine kalte Geschichte aus dem Bürgerkrieg. Und man bereitet sich vor auf die "Rückkehr des Königs" - den dritten Teil von "Herr der Ringe".
Auch Peter Weir hat das Tempo verzögert für "Master and Commander" - was die Produktion angeht und die Erzählweise. Er hat eine Art Dokumentarfilm geschaffen über das Leben zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Schiff, Ausstattung, Dekor und Kleidung wurden so sorgfältig recherchiert und rekonstruiert wie möglich. Für den frischen Wind der Anarchie sorgten die Musikeinspielungen beim Dreh, aus dem Fundus des Regisseurs, von Mozart bis Pink Floyd. Genial laviert Weir zwischen zwei Extremen des Erzählens, der Folgerichtigkeit des Darwinismus und dem Raunen des Mysteriums. Peter Weir liebt die hermetischen Gebiete, von "Witness" bis zur "Truman Show". Die Geschlossenheit des Schiffes gebiert hier Obsessionen, die monate-, jahrelangen Fahrten führen in gefährliche mentale Grenzbereiche. Der Acheron ist einer der fünf Flüsse, die den Hades trennen von der Welt der Lebenden.
Den Darwinisten verkörpert in der Welt des Patrick O'Brian der Schiffsarzt Stephen Maturin, gespielt von Paul Bettany. Die meiste Zeit ist er rational, aber in der Stunde der Not operiert er sich tatsächlich selber am Bauch, wie Robert De Niro es tat in "Ronin". Maturins Traum ist es, die Welt der Galapagos-Inseln zu erforschen, und eines Tages scheint sich dieser Traum zu verwirklichen. Der Querdenker Aubrey ist eben Populist - wie könnte es auch anders sein, wenn Russell Crowe ihn spielt, für seinen australischen Landsmann Weir. Es ist Crowes erster Film seit "A Beautiful Mind", wo er, gleichfalls im Zusammenspiel mit Bettany, als Nobelpreisphysiker brillierte und den Oscar verpasste. Er hat es überwunden. Manchmal sieht man die beiden in der Kajüte fiedeln. Zwei unbeschwerte, freche Jungs.
MASTER AND COMMANDER: THE FAR SIDE OF THE WORLD, USA 2003 - Regie: Peter Weir. Buch: P. Weir, John Collee, nach der Romanserie von Patrick O'Brian. Kamera: Russell Boyd. Mit: Russell Crowe, Paul Bettany, James D'Arcy, Edward Woodall, Chris Larkin, Lee Ingleby, George Innes, Robert Pugh, Max Benitz, Max Pirkis. Fox, 138 Minuten.