Im Kino: "Lost in Translation" Stranger Is The Night

Tokio kann sehr unkommunikativ sein, vor allem, wenn es von Menschen bevölkert wird, die mit sich selber klar kommen sollen. Auch davon erzählt Sofia Coppolas Film "Lost in Translation".

Von SUSAN VAHABZADEH

Die Welt, behaupten wir gerne, sei kleiner geworden im modernen Zeitalter der totalen Erreichbarkeit. In Wirklichkeit sind die technischen Möglichkeiten der Kommunikation noch keine Garantie für Kontakt. Was manchmal komisch ist und manchmal traurig, wie alles in diesem Film, Sofia Coppolas "Lost in Translation": Charlotte ist in Tokio, in einem Hotelzimmer mit Fax und Telefon und allem Drum und Dran, nur nützt das nichts - schon im Zimmer selbst ist alles da, aber man sieht den Dingen an, dass sie zu niemandem gehören. Charlotte fühlt sich verloren, also ruft sie zu Hause an, ein schreckliches Dokument der gescheiterten Kommunikation: Es beweist nur, dass sie keine Verbindung hat, mit niemandem. Sie spricht in den Hörer, will darüber reden, wie entfremdet sie sich der Welt im Allgemeinen und ihrem Ehemann im Besonderen fühlt, aber die Frauenstimme am anderen Ende antwortet nur Nonsens, hört ihr einfach nicht zu. Charlotte ist allein unter Menschen.

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Sofia Coppola, Francis Fords Tochter, hat mit ihrem zweiten Film ihr Publikum im Sturm genommen - erst in Venedig, dann in den USA, wo sie inzwischen eine Reihe von Preisen bekommen hat und für den Oscar im Gespräch ist. Im ersten Film "The Virgin Suicides", überwog mysteriöse Melancholie; "Lost in Translation" ist nun eine melancholische Komödie, und besonders den unglücklichen Kommunikationsversuchen ihrer Charaktere gewinnt Coppola ein paar sehr, sehr lustige Szenen ab.

Bob (Bill Murray), ein alternder Hollywood-Schauspieler, ist nach Tokio gekommen, um einen Werbespot zu drehen; Charlotte (Scarlett Johansson) begleitet ihren Mann, der Fotograf ist. Noch absurder als die kläglichen Gesprächssurrogate, die die beiden mit ihren jeweiligen Ehepartnern führen, ist das Aufeinanderprallen von Amerikanern und Japanern. Das ist immer gut für einen Gag - John Irving hat dem Thema ein paar hübsche Seiten abgewinnen können in "Die vierte Hand", und hier funktioniert die Sache ähnlich. Oder besser: Funktioniert eben nicht. Der unerwünschte Besuch einer Prostituierten in Bobs Zimmer gerät zu einer wilden Slapstick-Nummer. Von den ellenlangen Regieanweisungen gibt die Übersetzerin immer nur einen Satz weiter. Und die Szenen der Hilflosigkeit, mit der Bob den japanischen Höflichkeiten begegnet, sind wie gemacht für den großen, lieben Kerl Bill Murray.

Aber eigentlich geht es um einen Flirt, die zarte Romanze zwischen den beiden Verlorenen, aus der nichts werden kann, weil sie nicht übersetzbar wäre in den Alltag. Charlotte ist noch auf der Suche nach ihrem Weg, Bobs Leben ist längst eingerichtet, mit Frau und Kindern und Karriere und Möbeln, und leider auch mit Teppichen: Die Muster für seine neue Büroauslegware schickt Bobs Frau per Fax ihm bis nach Tokio hinterher. Noch ein Beispiel für gescheiterte Kommunikation: Selbst wenn er die verschiedenen Rottöne auseinanderhalten könnte, würde es ihn nicht interessieren.

Der Film beginnt mit einer lustvollen Ansicht von Charlottes Kehrseite, in einem rosa Höschen, und diese Einstellung verrät schon ein bisschen von dem Geist, in dem Sofia Coppola ihre Geschichte erzählt: unbefangen und sinnlich, auf ihre ganz eigene Weise. Sie hat sich ein weit verbreitetes Phänomen vorgenommen, die Anziehungskraft zwischen einem Mann und einer Frau, die seine Tochter sein könnte, und das Schöne daran ist, dass sie davon so erzählt, wie Charlotte die Welt in manchen Szenen ansieht: Unvoreingenommen, mit schief gelegtem Kopf, neugierig, ohne jede Aggression. Die Geschichte anzusehen aus ihrer Perspektive, macht so viel Spaß, weil sie so ziemlich in jedem Detail stimmt.

Charlotte muss erst noch herausfinden, wer sie eigentlich ist, was sie mit ihrem Uniabschluss anzufangen gedenkt und welche Art von Beziehung ihr gut tut. Sie fühlt sich zu Bob hingezogen, zunächst weil er der einzige Mensch auf weiter Flur ist, der sie versteht - und ihr tatsächlich zuhört. Dann finden die beiden heraus, dass sie tatsächlich verwandte Seelen sind, in kurzer Zeit eine Nähe herstellen können, die manche Menschen in Jahren nicht hinbekommen. So was passiert immer nur auf Reisen - Beziehungen im Zeitraffer, so als würden die besonderen Umstände, das Gefühl, auf einer bewohnten, aber fremden Insel zu sein, die Dinge beschleunigen, kondensieren, auf das Wesentliche reduzieren. Das Wesentliche in dieser Geschichte ist sinnlich, kommt aber ohne Sex aus. Das gibt es im Kino gar nicht mehr oft. Im richtigen Leben aber schon. Nur erzählt das Kino nicht gern von den Beschränkungen, die einem die Wirklichkeit auferlegt. Sofia Coppola hat es aber geschafft, diesen Beschränkungen Magie abzugewinnen.

Das Geheimnis besteht darin, dass nichts passiert. Was am deutlichsten wird in jener Sequenz, die am schnellsten geschnitten ist, am schrillsten klingt, am meisten Aktion vorgaukelt - Charlotte und Bob ziehen nachts durch die Clubs, fliegen aus einer Bar, rennen durch die Stadt. Aber gerade diesen Szenen wohnt eine seltsame Stille und ein Stillstand inne: Man hört die zwei fast nie reden, was nichts macht, denn die Dinge, die man in solchen Nächten sagt, sind belanglos. Genauso belanglos sind die Dinge, die geschehen: harmloser Spaß, sie genießen die Nacht, lassen sich treiben, aber sie treiben nichts voran.

"Lost in Translation" lebt in weiten Teilen von Sofia Coppolas Gespür für Räume und Musik und vor allem davon, dass sie sich völlig in ihren Charakteren verliert. Sie hat, sagt sie, die Rolle für Murray geschrieben, und sie passt ihm tatsächlich wie maßgeschneidert. Er spielt Bob als müden, traurigen Komiker, einen Kerl, der auf einer Bühne noch mal loslegen könnte, aber keine Lust hat, und nur den sanften Sarkasmus herauslässt, der ihn vor der totalen Depression rettet. "Du hast bloß eine Midlife-Crisis", sagt Charlotte keck. "Hast du dir schon einen Porsche gekauft?"

Coppola hat ein großes Talent, die traurigsten Momente komisch zu brechen, die witzigsten mit einem Unterton von Melancholie zu inszenieren. Bob wird Charlotte etwas ins Ohr flüstern zum Abschied, etwas Tröstliches, das ist in ihrem Gesicht zu lesen, aber was es ist, behalten die beiden für sich. Am Ende sind diese beiden Figuren so real, dass man ihnen ihr Geheimnis zugesteht.

LOST IN TRANSLATION, USA 2003 - Buch, Regie: Sofia Coppola. Kamera: Lance Acord. Schnitt: Sarah Flack. Musik: Kevin Shields. Mit: Bill Murray, Scarlett Johansson, Giovanni Ribisi, Anna Faris, Catherine Lambert, Yutaka Tadokoro, Akiko Takeshita. Constantin Filmverleih, 102 Minuten.

SZ v. 07.01.2004