Im Kino: "Let's make money" Wir sind alle Ausbeuter

Kein Quentchen Trost: Erwin Wagenhofers Film zur Krise und über einen eiskalten Fondsmanager zerstört den Mythos, dass Geld arbeiten kann.

Von Fritz Göttler

Dr. Mark Mobius ist doch eine rechte Merkwürdigkeit. Ein Fondsmanager für "Emerging Markets" - sich entwickelnde Märkte - in Singapur, in seiner Luxuslimousine kreuzt er durch die Straßen der Stadt.

Ein Mann, der mit Milliarden arbeitet, unnahbar und ungerührt und adlergleich. Von eisiger Eleganz, ein Typ, der ohne größere Retuschen in einem Bond-Thriller einen prächtigen Antagonisten abgeben würde.

Dr. Mobius fördert Märkte, mit dem Ziel, eigene Gelder dabei zu vermehren. Er hat kein Quentchen Trost übrig für die Opfer solcher internationaler Finanzoperationen, keinen Sinn für die Zerstörungspotentiale dieser Aktionen. Soziales Bewusstsein darf man sich nicht leisten in diesem Business, als Banker muss man sich nicht moralisch geben. Es gilt immer nur im Spiel zu bleiben, und das Spiel besser und schneller zu spielen als alle anderen.

Das Geschäft der Propheten des Untergangs ist heute ziemlich mühselig geworden, das gilt vor allem für die ernsthaften und nüchternen unter ihnen.

Da ist etwas Tragisches um sie, wenn sie, während sie ihrem Menetekel die letzte Nuance, das stimmige Detail geben, von den Ereignissen überholt werden.

Der Geist des Kolonialismus

Einige Jahre arbeitete Erwin Wagenhofer an seinem Film "Let's make Money" über die Entartungen der modernen Geldwirtschaft, und wenige Wochen vor dem Start in unseren Kinos ist die Welt mit der Bankenkrise konfrontiert worden, der folgenden Wirtschaftskrise, der drohenden Rezession, über die eben in diesem Film spekuliert wird.

Tragisch ist das aber nicht, was Wagenhofer zeigt, und auch Infamie greift nicht wirklich als Begriff. Man kennt den Geist, aus dem hier gehandelt wird, aus dem 19.Jahrhundert, dem Zeitalter des Kolonialismus. Die einen gewinnen viel, die anderen verlieren alles. Deregulieren ist ein anderer Begriff für Ausbeutung.

In Burkina Faso wird die beste Baumwolle der Welt angebaut, aber sie hat keine Chance gegen die subventionierte amerikanische Produktion. Der Boden erodiert durch die Monokultur, Burkina Faso bleibt eins der ärmsten Länder der Welt.

Eine andere Geschichte erzählt von John Perkins, der auf dem Terrain der Wirtschaft als Hitman agiert - so heißt beim amerikanischen Mob der Auftragskiller. John Perkins hilft, unliebsame Staaten zu "killen", seine Erfolgspalette reicht vom Fall des Schah in Iran bis zur Invasion des Irak.

Moralische Empörung über das, was Erwin Wagenhofer erzählt, ist zu billig. Erst haben wir dem Lebensmittelmarkt unter den Rock geschaut, sagt er sarkastisch - er meint seinen vorigen Film, "We Feed the World" -, jetzt schauen wir dem Geldmarkt ein wenig unter den Rock.

Das hat nichts Unanständiges an sich, zu offensichtlich ist heute, was in der Welt der Finanzen alles möglich ist und unbeanstandet bleibt. Und nichts ist aufregender im Kino als die reine Evidenz.

Die kleine Kanalinsel Jersey, eins der großen notorischen Steuerparadiese, ist halt doch ein ganz beschaulicher Ort, und Terry le Sueur, der stellvertretende Ministerpräsident und Finanzminister, hat gediegenen Charme. Man mag sich fast so behaglich fühlen wie in Zolas Roman "L'argent", den man, von der Krise animiert, zu lesen begann. Zur weiteren Lektüre kann das faktenreiche Begleitbuch zum Film dienen, von SZ-Redakteur Caspar Dohmen (Orange-Press).

Der Unfasslichkeitskoeffizient ist gesunken

"Es hat noch nie so viel Geld gegeben wie heute", sagt Wagenhofer, aber wo ist es?" Der Unfasslichkeitskoeffizient ist inzwischen enorm heruntergegangen, durch die rasante Wucht der Ereignisse, die Gewalt der Zahlendimensionen, die absurden Lamentos und Unschuldsbeteuerungen.

Geld kann nicht arbeiten, diesen verführerischen Mythos zerstört der Film, wer arbeitet, sind immer die Menschen. Einzig die menschliche Arbeitskraft schafft Wert, das ist dann die logische Folge, und diese Erkenntnis ist von Marx. Sein politökonomisches Comeback könnte kurz bevorstehen.

Machen wir uns keine Illusionen: Wir sind alle Ausbeuter, wir sind alle Profiteure, selbst auf geringerem Einkommensniveau. Unser Wohlergehen, unser noch so bescheidener Luxus gar, ist erkauft durch das Leben am Existenzminimum des anderen Teils der Weltbevölkerung.

Und von der verdrängten Tatsache, dass es Wohlstand für alle nie geben wird. Keine Klassen-, sondern eine Selektionsgesellschaft - und so bringt es Hermann Scheer, Bundestagsabgeordneter und Alternativnobelpreisträger, auf den Punkt. Ein Al Gore der SPD, nur radikaler, er will nun für Ypsilanti Politik machen als Minister für Wirtschaft und Umwelt. Wenn wir so weitermachen, sagt er, kommt ein neues Zeitalter der Barbarei.

Der Film endet im Immobilienwahnsinn, mit leeren Wohnblöcken an für immer zerstörten spanischen Stränden. Die Welt als Geisterstadt.

Let's make money, Österreich 2008 - Regie, Buch, Kamera: Erwin Wagenhofer. Mitarbeit: Lisa Ganser. Musik: Helmut Neugebauer. Delphi, 110 Minuten.

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