Im Kino: Last Night Vom Suchen und Finden der Triebe

Ist der Tatbestand der Untreue erst erfüllt, wenn der Seitensprung real stattfindet, oder schon, wenn er sich in die Gedanken einschleicht? "Last Night" mit Keira Knightley und Eva Mendes erklärt, was ein Paar im Innersten zusammenhält.

Von Rainer Gansera

Liebe (und alles was dazu gehört: Begehren, Eifersucht, Hingabe, Untreue) findet im Kopf statt, das heißt in der Einbildungskraft und der projektiven Phantasie. Die Bilder im Kopf produzieren die Wirklichkeit. Wie im Kino. In ihrem spannenden, klugen, flirrenden Regiedebüt "Last Night" erforscht die iranisch-amerikanische Filmemacherin Massy Tadjedin das, was ein Paar im Innersten zusammenhält. In Form eines Untreue-Tests. Leitfrage: Ist der Tatbestand der Untreue erst erfüllt, wenn der Seitensprung real stattfindet, oder schon dann, wenn er sich als Möglichkeit in die Gedanken und Vorstellungen einschleicht?

Raffiniert baut Tadjedin ihre Versuchsanordnung der Versuchungen auf. Erstes Bild: das ideale, junge, attraktive Ehepaar. Elegantes Manhattan-Ambiente. Seit drei Jahren sind sie verheiratet: Joanna (Keira Knightley), die journalistisch arbeitet und schriftstellerische Ambitionen hegt, und Michael (Sam Worthington), der Immobilien-Dinge erfolgreich managt. Die beiden agieren wie ein gut eingespieltes Team, und es ist ein winziger Augenblick, in dem die Schlange des Misstrauens und der Eifersucht plötzlich ihr giftiges Haupt erhebt. Bei einer Cocktail-Party beobachtet Joanna, wie eine Frau mit Michael auf dem Balkon steht und ihm - halb freundschaftlich, halb zärtlich - die Schultern tätschelt. Hat Joanna da etwas gesehen oder projiziert sie etwas hinein? Jedenfalls macht sie ein Drama daraus und unterstellt dem Gatten eine Affäre mit der Schönen, die sich als Michaels Arbeitskollegin Laura (Eva Mendes) herausstellt.

Joannas Eifersucht scheint erst das hervorzubringen, was sie imaginiert, und das Schicksal spielt hübsch mit. Denn am nächsten Tag fliegen Michael mit Laura zu einer Tagung nach Philadelphia, und Joanna begegnet dem Mann, mit dem sie vor langer Zeit eine leidenschaftliche Affäre in Paris hatte, dem Schriftsteller Alex (Guillaume Canet). Fortan dreht sich das Karussell der Versuchungen zur Untreue in parallelen Szenarien. In Manhattan verbringen Joanna und Alex eine Nacht tastender Annäherung und oszillierender Anziehungskräfte mit der Frage, warum aus ihnen eigentlich kein Paar wurde. In Philadelphia verlockt Laura den zuerst heftig widerstrebenden Michael zu einer Bar-Tour und zum mitternächtlichen Bad im Hotelpool. Mochte man sich anfangs noch fragen: Wie kann ein Mann auf die Idee kommen, die wunderschöne Keira Knightley zu betrügen, so wird diese Frage von einer grandios verführerischen Eva Mendes schnell entkräftet.

"Last Night" präsentiert keine Abziehbilder von schuldigen Betrügern und unschuldigen Betrogenen, sondern meditiert das, was die Chemie eines Paares ausmacht. Es geht nicht um eine freudianische Abhandlung über Trieb-Begehrlichkeiten, es gehtum die goethesche Frage nach der Wahlverwandtschaft. Laura sucht nicht den Kick des One night stand, sondern eine Intimität, bei der man "ausgelassen miteinander lachen" kann. Ganz ähnlich gehen die Suchbewegungen zwischen Joanna und Alex auf Momente intimster Vertrautheit. Michael blüht in Lauras Augen auf, Joanna erstrahlt, wenn Alex den Arm um ihre Schultern legt und sie ermutigt, ihr Romanprojekt voranzutreiben. Das sind die Momente, die die Ehe von Joanna & Michael in Frage stellen. Aber vielleicht sind es nur Traummomente, Wunschprojektionen.

Die Männer sind charmant und liebenswert gezeichnet, meisterlich aber setzt Massy Tadjedin die Frauen in Szene: Keira Knightleys romantische Fragilität, Eva Mendes' fulminante Sinnlichkeit. Selten gelingt es, weibliche Attraktion derart funkenstiebend aufglühen zu lassen.

LAST NIGHT, USA/F 2010 - Regie, Buch: Massy Tadjedin. Kamera: Peter Deming. Mit: Keira Knightley, Eva Mendes, Sam Worthington, Guillaume Canet, Griffin Dunne. NFP, 93 Minuten.

Schön durchsichtig

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