Im Kino: Inception In der Vorhölle des Unbewussten

Schlafen Sie noch oder leben Sie schon? Christopher Nolans Superblockbuster "Inception" verwirrt den Zuschauer aufs Feinste: Leonardo DiCaprio steigt darin in die Träume anderer Menschen ein.

Von Tobias Kniebe

Gleich werden Sie aufwachen. Achten Sie auf das Geräusch des Fingerschnippens. Jetzt.

Sie sind zuhause. Ihr Schlafzimmer sieht aus wie jeden Morgen. Alles normal, das zerknautschte Gesicht im Spiegel, der vertraute Geschmack der Zahnpasta, der Geruch in der Küche. Woher aber kommt diese Vorahnung, diese nervöse Spannung, dieses heftige Herzklopfen, dieses ungewöhnliche milde Licht? Hier stimmt doch etwas nicht.

Vor Ihrer Wohnungstür liegt die Süddeutsche. Sie heben sie auf, Sie öffnen sie in der Mitte, Sie beginnen zu lesen. Diesen Text. Aber die Worte die Worte entziehen entziehen sich auf seltsame seltsame seltsame ... egal.

Plötzlich steht da Leonardo DiCaprio. Kein Zweifel. "Sorry", sagt er höflich. "Dies ist nur ein Traum in einem Traum. Bitte erschrecken Sie nicht."

Gemeinsam träumen

Ungefähr so, wenn überhaupt, kann man das Gefühl beschreiben, in Christopher Nolans Film Inception einzutauchen. Zusätzlich zu den Dingen, die das Kino sowieso schon mit dem wachen Bewusstsein anstellt, wenn man sich für zwei Stunden ins Dunkel begibt und der Vision eines fremden Menschen anvertraut, pflanzt dieser Film noch ein paar herrlich verwirrende Ideen in den Kopf des Zuschauers ein.

Ist nicht jede Geschichte auf der Leinwand, in der man sich verlieren kann, ein luzider Traum? Ist nicht jeder Moment, in dem ein guter Film seine Augen aufschlägt, eine Art falsches Erwachen?

Leonardo DiCaprio spielt hier einen Mann namens Cobb, der davon lebt, in die Träume anderer Menschen einzusteigen. Oder halt, schon das ist nicht ganz richtig. Er entwirft Träume, dafür hat er sein eigenes kleines Team von Traumdesignern, und dann gibt er seinen Opfern, sich selbst und seinen Mitarbeitern ein starkes Schlafmittel. Die Gehirne aller Beteiligten werden zusammengeschlossen, ganz real, mit einem seltsamen Gerät und ein paar Gummischläuchen. Dann wird gemeinsam geträumt.

Der "Matrix"-Verdacht

Leonardo DiCaprio kann also nicht einfach von Ferne in Ihren Kopf einsteigen. Das ist die gute Nachricht. Andererseits wissen Sie nicht, ob Sie nicht schon ziemlich lange betäubt neben ihm liegen, durch einen Schlauch mit seinem Gehirn verbunden, und Ihr ganzes sogenanntes Leben nur ein ziemlich langweiliger Traum ist, den DiCaprio für Sie träumt. Das wäre der "Matrix"-Verdacht.

Klar ist aber, dass DiCaprio ein Profi ist. Weil seine Auftraggeber an wertvolle Geheimnisse herankommen wollen, die nur im Hirn des Opfers gespeichert sind - und nirgendwo sonst. Extraction nennt er das. DiCaprio und sein Team bauen dafür zum Beispiel einen Traumsafe, und weil man als Opfer gar nicht anders kann, als diese fremdfabrizierten Träume mit seinen Projektionen anzufüllen, wird man seine Geheimnisse ganz spontan in diesen Safe legen. Bingo - dort können sie dann gestohlen werden. Bevor alle wieder aufwachen.

All das ist wichtig für den Film. Aber dann geht es doch nicht darum, den perfekt gesicherten Tresor aus Ocean's Eleven einfach ins Innnere des menschlichen Geistes zu verlegen - für eine somnambule Variante des traditionsreichen Heist-Movies. Denn der japanische Konzernchef, der DiCaprio und sein Team anheuert, will mehr. Er will seinem schärfsten Konkurrenten auf dem Markt der globalen Energieversorgung keine gute Idee stehlen - sondern eine neue, schlechte Idee ins Hirn einpflanzen lassen. Eine Idee, die dessen Geschäft kaputtmacht. Nicht Extraction, sondern Inception.

Inception ist ein schönes, wenig benutztes Wort der englischen Sprache. Es heißt eigentlich nur Anfang, Beginn, Gründung. Aber für Christopher Nolans Zwecke schwingt viel mehr darin mit - durchaus auch Sexuelles, der Gedanke der Empfängnis zum Beispiel. Um Inception zu verhindern, bräuchte man eigentlich Contraception: Ideenempfängnisverhütung.

Kate winselt

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