Im Kino: Immer Drama um Tamara Nachts im Kuhstall

Tamara, einst ein hässliches Entlein, kehrt mit knapper Kleidung und neuem Schnabel in ihre englische Heimat zurück, um das Bauerndorf aufzumischen. Stephen Frears hat das liebe- und lustvoll inszeniert.

Von Susan Vahabzadeh

England ist die Heimat der trügerischen Idylle, davon leben Dutzende Filme und fast die gesamte englische Kriminalliteratur. Stephen Frears' neuer Film "Immer Drama um Tamara" beginnt an solch einem verführerischen Sehnsuchtsort, an den man sich jederzeit hinwünschen würde - solange man ihn noch nicht wirklich kennt. Ein kleines Dorf in Dorset, Ewedown, ein Ehepaar betreibt dort ein Hotel in einem Bauernhof, für Dauergäste - Schriftsteller, die zum Arbeiten herkommen, zwischen dem Viehzeug auf der Wiese sitzen und sich vom sanften Schwung der grünen Hügel inspirieren lassen. Zauberhaft. Aber da wahren auch alle noch die Fassaden ihrer Nettigkeit, und Tamara ist überhaupt noch nicht über Ewedown hergefallen.

So richtig in Fahrt kommt die Sache also erst, als sie auftaucht - so was hat Ewedown noch nicht gesehen: eine urbane Verführerin in Hotpants. Aber Tamara - Gemma Arterton spielt sie, die Tamina aus "Prince of Persia" - ist kein echtes Londoner Gewächs, sondern eine Heimkehrerin, sie nistet sich neben der Schriftstellerfarm im Haus ihrer verstorbenen Mutter ein, wo sie aufgewachsen ist. Sie ist das hässliche Entlein, dass als Schwan zurückkommt in das Kaff - sie hat sich den Schnabel richten lassen in London, eine Nasen-OP. Und Erfolg hat sie auch - sie ist Kolumnistin, was bedeutet, dass sie, anders als viele der Gäste auf der Farm, tatsächlich gedruckt wird, und sie hat einen Rockstar als Freund.

Wie so oft in harmlos wirkenden ländlichen Idyllen gibt es genug ungestillte Triebe und Animositäten, um die Dorfgemeinschaft tüchtig durcheinanderzubringen. Das sind zunächst einmal die Hardiments, die den Hotelbauernhof betreiben: Sie hat ein Helfersyndrom, er, ein Krimi-Autor, betrügt sie mit jeder Frau, die es ihm ermöglicht - und die rachsüchtige Tamara gehört dazu. Das Faktotum auf der Farm ist Andy - der sich nicht entscheiden kann, ob er noch böse ist, weil Tamaras Familie das Haus seiner Familie gekauft hat, oder ob er nicht doch in sie verliebt ist. Und zwei naseweise Mädchen aus dem Dorf, die alles mitkriegen und alles kommentieren wie ein griechischer Chor. Und dann ist da noch Glen, ein Gast - er schreibt, offensichtlich schon lange, an einem Buch über Thomas Hardy.

Hardy ist der Geist im Hintergrund - denn eigentlich hat die Comic-Zeichnerin Posy Simmonds für ihre graphic novel, die Frears als Vorlage diente und die 2005/2006 im Guardian erschien, Hardys "Far from the Madding Crowd" adaptiert. (Im weitesten Sinne - auch Hardys Batsheba kommt, fast 150 Jahre früher, in ein englisches Dorf und gelangt erst auf einigen Umwegen, nach großem Unglück und unter Verlust ihres Stolzes zu dem Mann, der sie wirklich liebt.) "Tamara" ist eine sehr moderne Version dieser Geschichte - sie geht mit drei verschiedenen Männern ins Bett und muss keinen davon heiraten, was in den meisten amerikanischen Komödien immer noch schwierig wäre. Bei Tamaras Mission bleibt einiges auf der Strecke, auch ein Leben, aber wenn man gehässig wäre, könnte man sagen, dass die meisten Figuren ungefähr dort landen, wo sie hingehören.

Frears hat das liebe- und lustvoll inszeniert, mit viel Sinn für Nebenkriegsschauplätze und Nebenfiguren, den glücklosen amerikanischen Intellektuellen mit seinem Hardy-Wahn beispielsweise, der, oh Graus, vom Klo aus einen Streit seiner Gastgeber verfolgen muss. Manchmal hat das etwas von Karikaturenzeichnen, hier wird schließlich eine graphic novel verfilmt. In den Figuren, im Plot, findet sich das zeichenhafte, künstliche solcher Bilder wieder, eine Ästhetik irgendwo zwischen englischer Postkarte und Themenpark.

Weniger Schmerz und Traurigkeit

Frears hat seine Freude an den psychologischen Spielchen, die alle in Ewedown miteinander treiben, er liebt die Kollisionen zwischen den Charakteren. Irgendwie, in ihrem tiefsten Inneren, ist Tamara Drewe auch eine komische Marquise de Merteuil. "Gefährliche Liebschaften" ist wohl Stephen Frears' Chef-d'Œuvre, und er kennt sich aus mit dem Schaden, den falsche Erwartungen des Publikums anrichten können: Der Misserfolg seiner "Mary Reilly", in der Zuschauer und Kritiker partout etwas im Stil von "Gefährliche Liebschaften" hatten sehen wollen, schmerzt ihn bis heute. Oberflächlich betrachtet liegen Frears' Filme, vielleicht auch deswegen, sehr weit auseinander, inhaltlich und ästhetisch - da war die böse politische "Queen", die hippe Nick-Hornby-Verfilmung "High Fidelity", dann der Kriegsausbruchsthriller "Fail Safe" in Schwarzweiß.

"Tamara Drewe" ist viel leichter als die "Queen" und natürlich als die "Liebschaften", spielerischer. Einen "Mephisto des Salons und Napoleon der Erotik" nannte Hermann Hesse einst Valmont, den Helden der "Gefährlichen Liebschaften". Keiner würde so etwas von Tamara Drewe behaupten. Es ist aber klar, dass Stephen Frears in ihr ganz etwas Ähnliches entdeckt, dieselben Mechanismen, die ihn auch schon früher interessiert haben - naive, verletzte Eitelkeit und ihre fürchterlichen Folgen, erotischer Spieltrieb ohne Rücksicht auf Emotionen. Tamara kann sicher nicht so viel erzählen von ihrer Zeit wie die Marquise oder Valmont - aber sie hat ihren Charme, und sie entlässt einen mit viel weniger Schmerz und Traurigkeit zurück in die Welt.

TAMARA DREWE, GB 2010 - Regie: Stephen Frears. Drehbuch: Maira Buffini, basierend auf der Graphic Novel von Posy Simmonds. Kamera: Ben Davis. Produktionsdesign: Alan Macdonald. Mit: Gemma Arterton, Roger Allam, Bill Camp, Dominic Cooper, Luke Evans, Jessica Barden, Tamsin Greig. Verleih: Prokino, 107 Minuten.

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