Im Kino: Ice Age 3 Bis die Blase platzt

Wie ein Mutterschaftsurlaub mit Action-Drive: Im irrwitzigen dritten Teil von "Ice-Age" bekommt die Urzeit-Clique Nachwuchs.

Von Fritz Göttler

Vollmundig, fruchtig wird es in dieser neuen Folge der Ice-Age-Saga. Das merkt man auch an dem Code-Wort, das die kleine Heldentruppe um die beiden Mammuts Manny und Ellie vereinbart, um gerüstet zu sein, wenn die aufregendste Unternehmung ihres prähistorischen Daseins in die entscheidende Phase tritt.

Peaches! Pfirsiche! Ein Code-Wort muss funktional sein, klug und kurz und knackig. Man muss schnell und spontan reagieren, wenn es erklingt. Peaches - wenn Manny es artikuliert, merkt man, wie saftig und süffig das Wort sein kann, wie sinnlich und sophisticated, und am Ende auch ein bisschen sentimental. I love peaches, sagt Manni zur Lebensgefährtin Ellie: "Sie sind süß und braun und fuzzy. Wie du . . ." "Du meinst also, ich bin braun . . .", erwidert sie. Und er: "Braun ist gut. Braun ist . . . foxy." Der subtile Austausch erfolgt an einem markanten Einschnitt ihrer Existenz. Da ist ein großes schwarzes Loch vor ihren Füßen. Und wer sich in dieses Loch begibt, für den wird nichts mehr sein wie früher. Eine andere Welt. Ein neues Leben.

"Ice Age 3" ist ein Mutterschaftsabenteuer. Ellie ist schwanger, die Geburt steht kurz bevor. Die Eltern sind gut vorbereitet, haben all die Probleme bewältigt, die sie im zweiten Film - "Jetzt taut's" - auf Trab hielten. Manny ist über seine Ausgestorbenheitsneurose hinweg - die Furcht, das letzte Mammut zu sein -, und Ellie hat ihre Opossumobsession abgelegt. Nur Diego, der gute alte Tiger-kumpel, kriselt: Probleme mit der Kondition! Und Scrat, das sisyphoseske Eichhörnchen, das so geil ist auf seine Haselnuss, hat plötzlich in einem Eichhörnchengirl harte Konkurrenz.

Mutterschaft als Abenteuer

Manni hat schon mal einen Spielplatz angelegt für den Nachwuchs, der aber bis zum freudigen Ereignis tabu bleiben soll. Sid, das umtriebige Wiesel, ist extrem unglücklich, möchte auch an der Erregung des Tales partizipieren und wechselt dafür ingeniös selber in den Mutterstand - indem er drei große Eier klaut. Sauriereier, T-Rex-Eier, Konfliktpotential. Dieses Familienglück steht von Beginn an unter einem großen Schatten - von Anfang an wartet man mit lustvollem Schauder auf den Moment, wenn die richtige Mutter ihren Schatten über die Szene wirft und ihre Brut zurückfordert. Ich dachte, die wären ausgestorben, kommentiert Manni lakonisch diesen Auftritt, zeitgeschichtlich voll auf der Höhe.

Mutterschaft als Abenteuer. Ellie ist die treibende Kraft in der folgenden Action, denn die T-Rex-Mama hat nicht nur ihre Kids, sondern auch die Zweitmutter Sid mitgenommen. Durch das Loch im Boden folgt der Rettungstrupp ihr in ein unbekanntes Land unter dem Eis, in den Urwald der Saurier. Eine Skelettbesteigung führt sie über einen Abgrund direkt dorthin, so kühn, wie man sie seit der von Cary Grant und Katharine Hepburn in "Bringing Up Baby" nicht mehr gesehen hat. Ein dunkles, unterirdisches Reich: "Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren . . ." Die Ice-Age-Crew hat für jede Situation die richtigen Sprüche parat, von Dante bis: "Hasta la vista, Baby!"

Foxy könnte man im Deutschen annäherungsweise mit scharf wiedergeben, animalisch scharf. Man merkt an solchen Stellen, wie unheimlich amerikanisch dieses ganze "Ice Age" in seinem Herzen ist - allen Bemühungen zum Trotz, die Standards einer großen Produktion zu erfüllen, die Fun für die ganze Familie und zwar weltweit garantieren will. Ellie wird in der Originalfassung von Queen Latifah gesprochen, Sid von John Leguizamo, das sind Profis, die sich mit aller Kraft ins Zeug legen und mit hipper Durchtriebenheit. Durch die Stimmen bekommen die Figuren, die so rund und gemütlich daherkommen, einen kräftigen Zug ins Subversive. Vielleicht macht das Animation zur amerikanischen Kunst par excellence, mit ihrer Dynamik, die Formen nie für definitiv nehmen will, ihrem visuellen "Yes we can"-Drive.

In der zweiten Hälfte, in der Jurassic-Urwelt, ziehen Regisseur Carlos Saldanha und seine Mitarbeiter alle Register, legen sich in atemlosen Kampf- und Verfolgungsszenen - sicher nichts für schwache Nerven! - mit den Kollegen Spielberg und Jackson an und setzen ganz nebenbei das ehrwürdige Konzept von der passiven, fortschrittsfeindlichen Rolle der Frau in der Geschichte außer Kraft, das auch in Freuds Psychoanalyse herumspukte. Die treibende Kraft der Mütter, man kennt sie aus der amerikanischen Geschichte, und in den Helden des "Ice Age" erleben wir die Vorfahren der amerikanischen Pioniere.

ICE AGE: DAWN OF THE DINOSAURS, USA 2009 - Regie: Carlos Saldanha. Ko-Regie: Mike Thurmeier. Art direction: Mike Knapp. Stimmen: John Leguizamo, Queen Latifah, Denis Leary, Ray Romano. Stimmen deutsch: Arne Elsholtz, Thomas Fritsch, Daniela Hoffmann. 20th Century Fox, 94 Min.

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