Von Anke Sterneborg

Altkluge Kinder und paranoide Erwachsene: Neele Leana Vollmars Sixties- Erinnerung "Friedliche Zeiten" fehlt die Balance.

Wenn man die Tür immer dreimal zusperrt und dann auch noch die Kette vorlegt, ist es kein Wunder, wenn die Wirklichkeit draußen bleibt: Der Sturm und Drang der bewegten 68er streift den Provinzalltag der Familie Striesow jedenfalls nur flüchtig, aus der Distanz schwarzweißer Fernsehnachrichten.

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Georgie Stahl (links) als Frau Blume und Anna Böttcher als Frau Heinckel in der Komödie "Friedliche Zeiten" von Neele Leana Vollmar. (© Foto: ddp)

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Die Flucht in den Westen hatte Irene Striesow (Katharina Schubert) im Jahr 1961 nur widerwillig und auf Druck ihres Mannes (Oliver Stokowski) gewagt, auch sieben Jahre später hängt sie noch sehnsüchtig der DDR-Vergangenheit hinterher.

Statt sich auf das Abenteuer der Gegenwart einzulassen, verharrt sie im Vakuum zwischen den Zeiten, wie eine Fliege zappelt sie im selbstgesponnenen Netz von Hausfrauenneurosen und der Paranoia des Kalten Kriegs. In ihrem zweiten Spielfilm benutzt Neele Leana Vollmar die Kindheitserinnerungen aus Birgit Vanderbekes Buchvorlage, um das Trauma eines Systemwechsels in die sechziger Jahre zu verlegen - eine Art vorweggenommener Wendeschock.

So wie bereits in ihrem Kurzfilm "Meine Eltern" sind auch hier die Kinder gezwungen, die Verantwortung für ihre orientierungslosen und überforderten Mütter und Väter zu übernehmen - und weil Trennung aus ihrer Perspektive wie ein Abenteuer aussieht, helfen sie eben forsch noch ein bisschen nach.

So wie in vielen amerikanischen, kanadischen und britischen Filmen treibt die bunte Folklore vergangener Jahrzehnte auch hier bizarre Blüten in der Ödnis des Provinzalltags. Doch zwischen den altklugen Kommentaren der Kinderschar und der skurril zugespitzten Paranoia der Mutter geht die Balance zwischen menschlichem Drama und überdrehter Komödie verloren. Die sechziger Jahre wirken dabei wie ein Aquarium voller mutierter Fische, ein hermetischer Raum, in dem jedes wahrhaftige Gefühl erstickt wird.

FRIEDLICHE ZEITEN, D 2008 - Regie: Neele Leana Vollmar. Buch: Ruth Toma. Kamera: Pascal Schmit. Musik: Oliver Thiede. Mit Katharina Schubert, Oliver Stokowski, Nina Monka, Leonie Brill. Verleih: Kinowelt, 98 Minuten.

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(SZ vom 19.9.2008/sst)