Großes Gefühl und frische Farbe: François Ozon erzählt in "Angel" mit Hingabe von einem bösen Mädchen, dessen größte Sünde darin besteht, dass sie sich nicht unterordnen will.
Im Kino hat jede Epoche ihre Farben, ihr typisches Filmmaterial, ihre eigene Ästhetik, und manchmal reichen ein paar Bilder, um sie wiederauferstehen zu lassen. François Ozons "Angel" spielt vor dem Ersten Weltkrieg, aber der Bezugspunkt liegt nicht in der historischen Realität, sondern im Kino - im Melodram der Vierziger und Fünfziger, der Ära, die in Farben schwelgte und in übersteigertem Pathos, als man noch schamlos sentimental sein durfte.
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Angel Deverell (Romola Garai) ist über einem Krämerladen aufgewachsen, in ärmlichen Verhältnissen, und manchmal rennt sie zum Landsitz in der Nähe und steckt die Nase durch die Gitterstäbe des Tors - der Anblick ist Futter für ihre Träume, und sie träumt davon, dass all ihre Lügen wahr werden. Sie will eine berühmte Schriftstellerin werden, zieht sich zurück auf ihr Zimmer über dem Laden und wirft in Schnörkelschrift ihren ersten Roman aufs Papier - "Lady Urania", ein Machwerk aus dem Courths-Mahler-Universum, das ihr Verleger Theo (Sam Neill) gern ein wenig überarbeiten würde - sie besteht aber darauf, es mit allen Fehlern und Kitschmetaphern herauszubringen und hat damit wirklich einen Bestseller fabriziert.
Die Sticheleien von Theos Frau (Charlotte Rampling) lassen sie kalt. Sie ist berühmt, kann das Anwesen kaufen, und in der Folge erfindet sie sich selbst neu, verschafft sich eine zweite Biographie ohne Krämerseelen und Armut, mit einer Selbstverleugnung, die Sirks "Imitation of Life" würdig wäre - ihr Leben findet in den grandiosen Kulissen statt, die sie sich ersehnt hat. Aber sie kann keine Gefühle erzwingen. Die große Liebe ihres Lebens bleibt ein Bluff. Sie bewohnt eine mit kostbaren Gegenständen angefüllte Leere. Es ist der Triumph des Scheins über das Sein.
Stoff für einen großen Kostümfilm, in dem die Protagonistin in pompösen Salons in immer neuen Glamourroben sich selbst inszenieren kann - "Angel" balanciert am Rande zum Kitsch, mit voller Absicht. Es wäre ein Missverständnis, den Film für missratene Satire zu halten - Ozon meint das alles todernst, "Angel" ist ein tränenseliges Rührstück mit großen Gesten, aber er enthält kein vorgespiegeltes Gefühl. Angel ist verliebt wie ein Teenager. Und wenn sie, statt um ihre Mutter zu trauern, mit ausgebreiteten Armen im roten Kleid eine Art Showtreppe bei einem Empfang hinabschreitet, dann deswegen, weil sie eben so ist.
Ozon findet eine schöne Frauengeschichte, er erzählt mit Hingabe von einem bösen Mädchen, dessen größte Sünde darin besteht, dass sie sich nicht unterordnen mag. Das Schlimme an Angel Deverells Ehrgeiz ist, dass man ihn ihr nicht zugesteht - dass sie sich weigert, ein Ladenmädel zu werden, wird ihr als Arroganz ausgelegt, die Sehnsucht nach Reichtum als Größenwahn. Sie akzeptiert den ihr von den anderen zugewiesenen Platz nicht.
Der Geruch frischer Farbe
Ozon zeichnet diese Figur sehr schön, irgendwie eine Nervensäge, aber dann ist eben doch klar, wo seine Sympathien liegen - er mag ihre Charakterschwächen. Ozon diente ein Roman von 1957 als Vorlage, nach dessen Lektüre er wohl irgendwie vernarrt war in die selbstsüchtige Angel. Aber im Melodram ist vieles auch eine Frage der Gewohnheit, der Gewöhnung. Romola Garais große Gesten wirken im Kino von heute fremd. Und irgendwie auch viel befremdlicher als bei Bette Davis. Es gibt eben einen Unterschied zwischen Antiquitäten und ihrer Nachahmung - den Geruch von frischer Farbe wird "Angel" nicht los.
Ozon ist einer der interessantesten und mutigsten Regisseure im französischen Kinobetrieb, hat sehr unterschiedliche Filme gemacht, einen leisen Thriller mit "Unter dem Sand", eine knallig laute Sechziger-Jahre-Krimi-Persiflage mit "8 Frauen" , die sehr technische Ehestudie "5 x 2". Im Kern aber ist er die ganze Zeit dem Mélo verhaftet, was bei einem erklärten Fassbinder-Fan - Ozon hat Fassbinders Stück "Tropfen auf heiße Steine" verfilmt - auch nicht weiter verwunderlich ist. Eine Hommage ans Genre also.
Ozon hat, zeitgleich, eine ähnliche Idee gehabt wie Steven Soderbergh mit seinem "The Good German" - der wie "Angel" im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale lief. Auch "The Good German" lässt eine vergangene Epoche des Filmemachens wiederaufleben. Soderbergh drehte seinen Krimi aus dem Nachkriegs-Berlin mit alten Kameras, und ganz und gar in der Ästhetik der damaligen Filme, nur eben mit einer Freizügigkeit und einem Realismus, die sich damals kein Filmemacher hätte erlauben können. Bei Ozon gibt es nur leichte Anzeichen, die erkennen lassen, dass man heute anders erzählen kann und darf als vor einem halben Jahrhundert.
Dass "The Good German" das interessantere Projekt geworden ist, liegt auch an den Vorlagen; im Nachkriegskino, das Steven Soderbergh meint, spielt die unterdrückte sexuelle Spannung, die er in seinem Experiment an die Oberfläche bringt, tatsächlich eine große Rolle, da geht es um den Kampf damaliger Filmemacher gegen die herrschende Zensur.
Die Melodramen, die Ozon liebt, bieten keine vergleichbare Angriffsfläche, sie ringen nicht um eine Freiheit der Sprache, die man ihnen nachträglich zurückgeben könnte - höchstens ein bisschen nackte Haut. Das ist vielleicht der Grund, dass Ozons kleiner Balanceakt manchmal zur Stolperei gerät; zum großen Kunstwerk fehlt ihm der Widerstand, bei aller Sympathie für solche cineastischen Liebesdienste. Ein neuer "Imitation of Life" ist "Angel" auch nicht. Nicht mal eine "Lady Urania".
Das Schöne daran aber ist, mit welcher Ernsthaftigkeit Ozon die Idee verfolgt, dass die Nüchternheit und die Rationalität überall, aber auch im Kino, nicht notwendigerweise die größten und allein gültigen Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts sind. Zumindest dabei kann man ihm genüsslich zuschauen.
ANGEL, F 2007 - Regie: François Ozon. Buch: F. Ozon, Martin Crimp. Nach Elizabeth Taylors Roman. Kamera: Denis Lenoir. Mit: Romola Garai, Sam Neill, Charlotte Rampling, Michael Fassbender. Concorde, 134 Minuten.
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(SZ vom 8.8.2007)
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