Im Kino: Five Minutes of Heaven Traumata talkt man nicht weg

Teufelskreis des Terrors: Im preisgekrönten Drama "Five Minutes of Heaven" lässt Oliver Hirschbiegel zwei alte Feinde im Nordirlandkonflikt aufeinandertreffen.

Von Rainer Gansera

In Julio Medems aufregender Dokumentation zum baskischen Konflikt "La Pelota Vasca" erzählt ein irischer Priester davon, wie schwierig es ist, Versöhnungsgespräche in Gang zu bringen. Er berichtet von seinen Erfahrungen und warnt vor Illusionen: Der Hass der verfeindeten Parteien sitze tief, die Hass-Gewalt-Rache-Spirale schaukle sich immer wieder hoch.

In Oliver Hirschbiegels "Five Minutes of Heaven", der beim Sundance-Festival mit den Preisen für beste Regie und bestes Drehbuch (Guy Hibbert) ausgezeichnet wurde, spielt der grandiose Liam Neeson einen Nordiren namens Alistair Little, der vor 33 Jahren, siebzehnjährig, als Mitglied der protestantischen Ulster Volunteer Force einen IRA-Katholiken erschoss. Nach zwölfjähriger Haft verließ er das Gefängnis geläutert. Seither versucht er überall auf der Welt - zum Beispiel in Bosnien oder in Südafrika - zwischen verfeindeten Bürgerkriegsparteien zu vermitteln.

Nun soll Alistair dem Bruder seines Opfers, Joe Griffin (James Nesbitt), begegnen, vor laufenden TV-Kameras, im idyllischen Ambiente eines irischen Schlosses. Auf dem Weg dorthin erinnert er sich an seine Tat im nordirischen Städtchen Lurgan, und Hirschbiegel inszeniert die Rückblende ins Jahr 1975 wie ein Teenager-Abenteuer im Bürgerkriegschaos. Er macht klar, wie der Siebzehnjährige, der ein Bruce-Lee-Foto neben dem Spiegel hängen hat, den Mord als Heldentat und große Action erlebte.

Fünf himmlische Minuten

Parallel wird Joe Griffin zur geplanten Versöhnungs-Show chauffiert. Joe schwankt nervös zwischen Wut und Panik und deutet einer TV-Assistentin unmissverständlich an, dass er dem Mörder seines Bruders keineswegs die Hand schütteln will, sondern "fünf himmlische Minuten" der Vergeltung sucht. Das Aug-in-Aug des Gesprächs soll zum Auge-um-Auge der Rache werden. Joe war Zeuge der Tat und kann die Bilder nicht vergessen: die Augen des maskierten Brudermörders, das blutbespritzte Katzenfoto, den vorwurfsvoll-verzweifelten Blick der Mutter. Von der Virulenz dieser traumatisch tief eingebrannten Bilder erzählt "Five Minutes of Heaven".

Bei all seinen Großproduktionen ("Das Experiment", "Der Untergang") und Hollywood-Ausflügen ("Invasion") vergisst man oft den kleinen, ungemein intensiven Film, den Hirschbiegel mit Hannelore Elsner drehte: "Mein letzter Film". Bei dieser solistisch verdichteten Lebensbilanz führte Hirschbiegel das Elementare seiner Regiekunst vor: wie man mit Monologen, die in Erinnerungslabyrinthe ausschweifen, und mit eruptiven Gefühlskaskaden ein Kammerspiel zum Seelendrama-Thriller formen kann.

Ein Kammerspiel als Seelendrama-Thriller

Bei "Five Minutes of Heaven" gelingt ihm das mit zwei brillanten Akteuren gleichermaßen. Man spürt die Härte der Erinnerungsarbeit, Traumata lassen sich nicht einfach gesprächstherapeutisch besänftigen. Joes Innenwelt wird zum klaustrophobischen Gefängnis und explodiert in physischer Gewalt. Nach der gescheiterten TV-Talkshow verwandelt sich das finale Duell am Tatort in eine Art Wunschtraum von Trauma-Exorzismus und möglicher Versöhnung.

Als Außenstehende stellen wir es uns relativ einfach vor, Versöhnung zwischen Ex-Bürgerkriegskämpfern zustande zu bringen. Hirschbiegel verdeutlicht, dass der Kampf gegen jahrzehntelang gehegte Hass-Szenarien wie ein Kampf gegen den siebenköpfigen Drachen ist.

"Five Minutes of Heaven" wurde auch auf dem Filmfestival von San Sebastian gezeigt. Inmitten von Zuschauern, die das verhandelte Problem in der baskischen Variante täglich und hautnah durchleben, war da zu spüren, welch aufwühlende Wirkung der Film entfalten kann.

FIVE MINUTES OF HEAVEN, GB/Irland 2009 - Regie: Oliver Hirschbiegel. Buch: Guy Hibbert. Kamera: Ruairi O'Brien. Mit: Liam Neeson, James Nesbitt, Anamaria Marcina, Niamh Cusack, Pauline Hutton, Richard Dormer, Mark Davison. Koch Media, 89 Minuten.

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