Im Kino Er kann das tragen

Potzblitz, wir kennen uns doch irgendwoher! Im Film "Der Hauptmann" sorgt eine Uniform erst für Irritationen und dann aber auch wieder für Haltung unter Deserteuren.

Von Philipp Bovermann

Wo kommt er her, der Hitler? Noch während der Zweite Weltkrieg tobte, gab Ernst Lubitsch in dem Film "Sein oder Nichtsein" darauf die Antwort: Er ist ein Schauspieler. Ein Pole in Gröfaz-Uniform, mit angeklebtem Bärtchen, der die Wirkung dieser Verkleidung in einer Warschauer Fußgängerzone probt.

Der Regisseur Robert Schwentke dreht diese Szene nun um. Nach dem Abspann von "Der Hauptmann" lässt er seine Schauspieler in Wehrmachtsuniformen durch eine deutsche Fußgängerzone unserer Tage patrouillieren. Die Szenen sind mit versteckter Kamera gefilmt, den Eindruck sollen sie zumindest erwecken. Die Uniformierten führen sich auf, als wären sie noch - oder wieder - die Herren der Welt. Sie lassen sich Ausweise zeigen, pöbeln herum, klauen einer Frau das Handy, es sieht alles nach Schulhof aus.

Hier spielen Deutsche in einem deutschen Kostümfilm über Deutsche, die schon lange tot sind

Wo kommen sie also her, diese Nazis? Im Fall des Nachspanns kommen sie aus einem Film, der in Schwarz-Weiß die Geschichte eines Schauspielers in den letzten Tagen des Krieges erzählt. Er ist einfacher Soldat der Wehrmacht, aber fahnenflüchtig. Die Kugeln seines Offiziers pfeifen ihm um die Ohren, er entkommt, frierend unter einer Wurzel versteckt. Halb verhungert findet er ein Auto am Straßenrand. Darin ein Koffer. Im Koffer die Uniform eine Hauptmanns. In der Uniform - der ganze Gräuel des Krieges.

Kaum neu eingekleidet, nimmt der junge Mann Haltung an. Er marschiert über einen gottverlassenen Feldweg und brüllt die kalte Luft an, was sie sich denn erlaube. Papiere raus, aber dalli! Der Hauptmann ist geboren. Auf seinem Weg läuft er bald anderen Deserteuren über den Weg, die ihm seine Rolle abnehmen, zumindest tun sie so. Als bunte Nazi-Zirkustruppe rumpeln sie gemeinsam mit des Hauptmanns Karosse über Stock und Stein.

Frederick Lau ist darunter, der häufig, und stets erfrischend, Rüpeltypen spielt. Das macht er hier auch, als sarkastischer, halbverrückter Brutalo, der mit zynischem Lächeln den Hauptmann durchschaut. Der Rest der Truppe sieht aus wie, nun ja, Deutsche in einem deutschen Kostümfilm über Deutsche, die schon lange tot sind. Sie verschwinden in ihren Uniformen, was angesichts des Themas auf der Metaebene nicht uninteressant ist, filmisch schon. Vor allem gilt das für den Hauptdarsteller Max Hubacher, der jenen Soldaten spielt, der den Hauptmann spielt.

Der Deserteur (Max Hubacher) findet im neuen Mantel zu Autorität.

(Foto: Weltkino)

Er tut das so wenig überzeugend, so mit sich selbst beschäftigt und skrupulös, dass die Metaebene doch wieder auf die Erfahrung des Kinozuschauers zurückkippt. Man fragt sich ständig, wie es bitte schön sein kann, dass die Kommandanten des Gefangenenlagers, in das er nach einer Reihe von Verwicklungen gerät, den Braten nicht riechen. Selbst dann nicht, als um der Spannung willen gemunkelt wird, man könne heutzutage ja niemandem mehr trauen und wisse schon gar nicht mehr, wer sich unter welcher Uniform verberge. Doch dieser Hauptmann hat "Befehl von ganz oben", sagt er jedenfalls, also ist alles gut. Dass ihm die Herren das abnehmen, das kann man glauben, muss man aber nicht. Selbst der Offizier, der eben noch auf den flüchtenden Deserteur geschossen hat, ist ratlos. Potzblitz, wir kennen uns doch irgendwoher! Es will ihm einfach nicht einfallen. Die bemannte Uniform starrt ihn an wie ein Gymnasiast, der vom Lehrer beim Rauchen erwischt wurde.

Im Lager setzt nun der erfundene "Befehl von ganz oben" eine Kette von Telefonaten und Zuständigkeits-Rangeleien in Gang. Sie mündet darin, dass eine Gruppe von hundert Strafgefangenen sich selbst ein Massengrab schaufelt. Ein letztes "Oh, du schöner Westerwald" dürfen sie noch vor gezogenen Waffen singen, dann mäht sie ein Soldat mit der Flak-Kanone nieder, dass die Körperteile nur so spritzen. Auch hier fragt man sich als Zuschauer wieder, welchen Sinn das macht, was das denn soll. Eine effiziente Art der Exekution ist diese Methode mit der Flak-Kanone sicherlich nicht. Muss man das so effekthascherisch inszenieren?

Um sich feige zu distanzieren, stellt Schwentke stets den Soldaten Freytag dazu, gespielt von Milan Peschel, dessen Job es ist, alles mit traurigen Augen anzustarren. Wenn ein Film ein personifiziertes gutes Gewissen braucht, um sich bestürzt selbst wahrzunehmen, dann ist das kein gutes Zeichen.

Der Hauptmann, Deutschland 2017 - Regie und Buch: Robert Schwentke. Schnitt: Michal Czarnecki. Kamera: Florian Ballhaus. Musik: Martin Todsharow. Mit: Max Hubacher, Milan Peschel, Frederick Lau. Verleih: Weltkino, 118 Minuten.