Im Kino: "Die Frau des Anarchisten" Franco hat nicht gesiegt

Der Bürgerkrieg, die Entbehrungen und die Demütigungen: Marie Noëlles Film "Die Frau des Anarchisten" erzählt eine politische Liebesgeschichte.

Von Franziska Augstein

Ein Film über den spanischen Bürgerkrieg, was ist das? Eine politische Geschichte, ein Epos von Massakern und Flucht. Es endet mit Blutspuren an einer Mauer oder einem französischen Internierungslager an einem französischen Strand. Auch solche Bilder sind in "Die Frau des Anarchisten" zu sehen. Doch nicht sie sind es, die diesen Film zu einem Erlebnis machen. "Die Frau des Anarchisten" ist zuallererst eine große Liebesgeschichte.

Die Geschichte ist wahr. Marie Noëlle, die das Drehbuch geschrieben und zusammen mit Peter Sehr die Regie geführt hat, ist die Enkelin der Protagonistin: Manuela stammt aus gutem Haus und hat den Mann ihres Lebens geheiratet. Justo, ein Anwalt, gibt bei Ausbruch des Bürgerkriegs 1936 seine Kanzleiarbeit auf und widmet sich der politischen Agitation. Das Feuer, für das Manuela ihn liebt, kommt nun dem politischen Kampf zugute. Wenig später geht Justo an die Front. Nach dem Sieg der franquistischen Truppen flieht er nach Frankreich, dann deportieren die Deutschen ihn ins Konzentrationslager Mauthausen.

Manuela verzehrt sich nach ihrem Mann. Den Bürgerkrieg, die Entbehrungen danach und die Demütigungen, denen sie unter dem franquistischen Regime als alleinstehende Frau und Republikanerin ausgesetzt ist, steht sie durch wie im Traum, wozu auf dem Schwarzmarkt erstandene Beruhigungsmittel ihr Teil tun. Sie will nur eines: Justo wiedersehen. Ihre kleine Tochter Paloma übernimmt den Haushalt und verdient das Geld zum Leben als Näherin. Auch sie träumt von Justo, sie träumt von ihrem Vater, der Mauthausen zwar überlebt, danach aber ein anderer ist. Als die beiden ihn in Frankreich wiederfinden, herrscht große Fremdheit.

Mit Ausnahme von Nina Hoss, die eine deutsche Widerstandskämpferin spielt und alles zeigt, was man den Deutschen im Guten an Verlässlichkeit und Genauigkeit so nachsagt, stammen die Hauptdarsteller aus Spanien. Es ist schön, dass man diese Schauspieler nun auch in der Bundesrepublik kennenlernen kann. María Valverde ist als Manuela berückend: Sie stellt nicht eine Frau dar, die verführt, sondern eine, die an ihrer sehnsüchtigen Sinnlichkeit fast zugrunde geht.

Pubertäre Entrüstung

Im Glück und im Leid bewahrt María Valverde den Ausdruck der Naivität, die es Manuela unmöglich macht zu verstehen, warum der Kampf für die Republik ihrem Mann wichtiger sein könne als ein paar Stunden mit ihr. Paloma, ihre Tochter, die ausgleichen muss, was die Mutter an praktischem Sinn fehlen lässt, wird - in ihren für den Film entscheidenden Jahren - von Ivana Baquero gespielt: Ihre Enttäuschung über Justo, der nach der Wiedervereinigung der Familie neben ihrem kindlichen Idealbild von ihrem Vater nicht bestehen kann, treibt pubertäre Entrüstung in ihr Gesicht. Juan Diego Botto ist als Justo das, was man sich unter einem spanischen Republikaner vorstellt, der die Liebe seiner Frau und seiner Tochter wert ist: Herr seiner Leidenschaften, Kind seiner Ideale.

Wie sich zeigt, täuscht Paloma sich: Auch nach dem Zweiten Weltkrieg hat Justo den Kampf gegen das Franco-Regime nicht aufgegeben. Er plant ein Attentat. Doch nun ist er todkrank. In einer kleinen französischen Ortschaft arbeitet er in einer Fabrik. Er kann sich nicht freuen, als das wunderschöne alte Ehebett aus Spanien ankommt: Manuela hat dem Umzug veranlasst - aber für die Frachtkosten hat ein einfacher Arbeiter nicht das Geld. Die Szene, wie das Ehebett, das einst in einer herrschaftlichen Wohnung stand, nun in eine Arbeiterbehausung getragen wird, ist symbolisch bildhaft.

Zeit der politischen Schöntuer

Überhaupt gibt es viele anmutige szenische Verdichtungen in diesem Film. So wird die Auflösung der rechtsstaatlichen Sitten, in die der Bürgerkrieg mündete, mit einer einzigen Aufnahme augenfällig gemacht: Ein Pfau stolziert durch den Retiro Park - die Zeit der politischen Schöntuer bricht an. Für das Wiedertreffen mit ihrem Vater hat Paloma sich fein angezogen: Sie trägt Seidenstrümpfe. Aber im entscheidenden Moment rutscht ein Strumpf herunter: Da sieht das Mädchen so derangiert aus, wie der Vater ihr vorkommt.

So wie Manuela alles daransetzt, um Justo wiederzufinden, haben die Filmemacher, die Schauspieler, Ausstatter, Beleuchter und Kameraleute all ihre Kunst eingesetzt, um diese Liebesgeschichte in die Zeit einzubetten, in der sie spielt. Der Zuschauer versteht: Diese Geschichte gehört in den Spanischen Bürgerkrieg, sie ist ein Teil davon. Andernorts hätte sie sich so nicht abspielen können. Marie Noëlle und ihrem Mann Peter Sehr ist mit diesem Film etwas gelungen, was andere nicht einmal versuchen: Sie haben anhand einer Liebesgeschichte politische Geschichte erzählt.

In wenigen Jahren wird es niemanden mehr geben, der den Spanischen Bürgerkrieg erlebt hat. Das ist einer der Gründe, warum die Spanier erst seit wenigen Jahren offen darüber sprechen können. "Die Frau des Anarchisten" kommt nicht zu spät. Am Ende des Films sagt Paloma aus dem Off: "Sprecht also mit euren Vätern und erzählt es euren Kindern. Jetzt."

DIE FRAU DES ANARCHISTEN, D/Span/F 2008 - Regie: Marie Noëlle, Peter Sehr. Buch: Marie Noëlle. Kamera: Jean-François Robin. Musik: Frédéric Sanchez, Zacarias Martinez de la Riva. Schnitt: Luis de la Madrid. Mit: María Valverde, Juan Diego Botto, Nina Hoss, Ivana Baquero. Zorrofilm, 122 Minuten.