Dass das projektierte Datum des Weltuntergangs auf das Jahr 2012 fällt und damit auf das berühmte Enddatum des Maya-Kalenders, um das sich schon lange die wildesten Spekulationen ranken, kommt zwar kurz vor, spielt aber eigentlich keine Rolle mehr - das war nur der Marketing-Aufhänger, der seine Schuldigkeit inzwischen getan hat. Für weitere Esoterik ist auch gar kein Raum mehr, dann nun wird abgeräumt.
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Wie oft kann man Los Angeles dem Erdboden gleichmachen, das Weiße Haus pulverisieren, den Petersdom flach-, Las Vegas in Schutt und Asche legen? Offenbar unendlich oft. Einen Logenplatz für die Apokalypse schlagen wir nicht so schnell aus. Es muss nur alles noch ein wenig gewaltiger, detailreicher, aberwitziger aussehen als beim letzten Mal, und das kann Emmerich ohne weiteres garantieren - die Technik der Spezialeffekte und Computeranimationen verbessert sich schließlich täglich.
Die Szene, in der ein Flugzeug gerade noch von der Startbahn abhebt, während hinter ihm eine Welle der Vernichtung heranrollt, hat er schon in "Independence Day" erfolgreich benutzt - hier bringt er sie wieder, Version 2.0 sozusagen, und nicht nur einmal, sonder mehrfach. Der naheliegendste Vergleich ist dabei natürlich der Pornofilm, wo man sich auch kaum mit der Darstellung eines einzigen Geschlechtsakts zufriedengeben würde.
Wie immer sind die Personen, die wir nach und nach kennenlernen und um deren unwahrscheinliche Rettung wir uns sorgen sollen, im Grunde egal. Der geschiedene Autor (John Cusack), der mal einen Roman über den Untergang der Menschheit geschrieben hat, seine Frau noch immer liebt und zu wenig Zeit für seine Kinder hatte? Die hübsche Präsidententochter, die irgendwas damit zu tun hat, dass die Mona Lisa auf die Arche verladen wird?
Der russische Oligarch, der für drei Milliarden Euro drei geheime Arche-Tickets gekauft hat, für sich und seine beiden verzogenen Söhne? Es kommt nicht so darauf an. Sympathischer ist da schon der Verschwörungs-Schrat aus den Bergen (Woody Harrelson), der mit einem kleinen Piratensender seit Jahren den Weltuntergang prophezeit und in dem Moment, als der ganze Yellowstone-Nationalpark sich in einen Vulkan verwandelt, tatsächlich am Kraterrand steht und so lange live auf Sendung bleibt, bis es ihn wegpustet. Er ist unsagbar glücklich in diesem Moment, und damit ist er uns Zuschauern am nächsten: Genau an diesem Kraterrand wollen wir auch stehen.
Abwrackprämie der Welt
Wie aber lässt sich das bizarre Gefühl der Erhabenheit erklären, das einen angesichts dieser Vernichtung ergreift? Wir reden hier schließlich über den Untergang ganzer Völker. Es muss damit zu tun haben, dass die Menschheit als solche eben nicht damit zufrieden ist, alles Erreichte nun sorgfältig für die Ewigkeit zu bewahren. Dagegen steht der Zyklus des Werdens und Vergehens, der allem Leben eigen ist, dagegen steht aber auch die atavistische Logik des Kinderzimmers: Was man sorgfältig aufgebaut hat, will man irgendwann auch ratzfatz wieder kaputtmachen.
Die Naturkatastrophe ist, wenn schon nicht Sühne für unsere Missetaten, dann am Ende einfach der ultimative Konsument. In einer Zeit, in der sogar die Amerikaner plötzlich sparen und nichts mehr ausgeben wollen, nimmt sie uns ab, was wir an gefährlichem Überschuss produziert haben: leerstehende Bürotürme, zwangsvollstreckte Einfamilienhäuser, überzählige Autos. Die virtuellen Buchwerte des Weltfinanzsystems haben wir noch selbst erfolgreich vernichtet, den materiellen Restbestand erledigt nun Roland Emmerich. Beides fühlt sich schrecklich an, aber zugleich auch seltsam befreiend. Die Abwrackprämie der Welt bezahlen wir gern in Form der Kinokarte, und man kann getrost davon ausgehen, dass am Ende dieser Transaktion wieder ein paar Individuen sehr viel reicher geworden sind.
Die Lust daran ist nun natürlich das diametrale Gegenteil jener protestantischen schwäbischen Sparkassenmentalität, aus der Roland Emmerich kommt. Vernunft, Augenmaß und Bürgersinn finden niemals zu solchen Geschichten, sie verstehen nicht einmal ihren Witz. Deshalb musste der Mann nach Amerika fliehen, ins Reich der letzten Konsum-Aristokratie, deren Untergang er nun getreulich begleitet.
Der interessante Widerspruch ist allerdings, dass er seine Wurzeln dabei nicht verloren hat: Heute produziert er Bildvisionen der finalen, kaum mehr zu übertreffenden Maßlosigkeit. Den Produktionsprozess dieser Bilder aber hat er auf höchst kleinteilige, supereffiziente, schwäbisch-protestantische Weise organisiert, mit dem Ziel der stetigen Kostenreduktion. Sein implizites Versprechen an die Studios ist immer dasselbe: Alles dreimal so breit und hoch und orgiastisch wie beim letzten Mal - aber diesmal zum halben Preis.
Das Modell eines perfekten Filmkünstlers war Roland Emmerich noch nie, und er wird es auch nicht mehr werden. Mit "2012" aber macht er endgültig klar, was er ist: das Modell eines perfekten Kapitalisten.
2012, USA 2009 - Regie: Roland Emmerich. Buch: Emmerich, Harald Kloser. Kamera: Dean Semler. Mit John Cusack, Amanda Peet, Chiwetel Ejiofor, Oliver Platt, Woody Harrelson. Sony, 158 Min.
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(SZ vom 11.11.2009/iko)
Umweltstiftung WWF in der Kritik
abgesehen davon, dass emmerichles (schön: spielbergle) immer den gleichen film macht, was ja sterneköche, die immer das gleiche gericht kochen, oder fußball-teams, die immer den gleichen stiefel spielen, auch tun, darf das ja auch der filmemacher. richtiger wäre: filmproduzent, denn es überüberwiegende tätigkeit besteht weniger in der klassischen filmerei, d. h. im storytelling, locations finden, organisieren, inszenieren, spielen, filmen, schneiden etc., als in der technischen und elektronischen produktion und postproduction, im investment, finanzieller art (marketing, werbung, kostensenkung etc.) oder personell (der schauspieler der gegenwart ist hülse für seine elektronische verwertung, s. making ofs, ein glied der verwertungskette, der vervielfältigung, der eingesetzten mittel).
georges duhamel, académie français, von den nazis verboten, hätte an 2012 keine freude gehabt: "ich kann schon nicht mehr denken, was ich denken will. die bewegli-chen bilder haben sich an den platz meiner gedanken gesetzt." und weiter: "der film ist ein zeitvertreib für heloten, eine zerstreuung für ungebildete, ein schauspiel, das keinerlei konzentration verlangt, kein denkvermögen voraussetzt, kein licht in den herzen entzündet." 2012 - jedenfalls diese art von film, die auch tobias kniebe gethrillt im schaum der katastrophen-verbildlichung meint: man fühlt nichts mehr, kein platz für esoterik.
sonnenklar, vielleicht auch fade, in seiner fadenscheinigkeit schon wieder zu betonen: kapitalismuskritik und damit lustfeindlichkeit. denn lust plus lust plus lust gibt ein fades gefühl, zu oft durchlebt, gähnen im angesicht des weltuntergangs. wiederholungen, die handschrift der special effects, "seine technische struktur" reiten die physische und im 21. jahrhundert optische schockwirkung des filmes tot, wie sie "der dadaismus gleichsam in der moralischen noch verpackt hielt." (s.o.) egal ob kubismus die apparatur,der futurismus dessen effekte bereits vorausahnte, kunst ist das keine mehr: industrie, verwertung, profit. andré breton ließ dem kunstwerk geltung, wenn es von den reflexen der zukunft durchzittert würde. bloß was für eine zukunft hat der film: zusammengeflickte klischees, durch beschleunigte technik aufgepeppt. und zugedröhnt sitzt das publikum im dunklen saal: "elende abgearbeitete kreaturen, die von ihren sorgen verzehrt werden." und daheim die kinder, vom 2012-katastrophengame apathisch und gefühllos gemacht. Perfekt funktionierender kapitalismus eben.
winke
Wenn Emmerich selbst einer von denen ist (wie die SZ meint), dann ist er Zyniker.
Was sagen dann zu ihm die Überirdischen?? Was die Unterirdischen von ihm halten, ist klar: sie lassen ihn gewähren oder (be)fördern ihn gar.
Die Welt wird nicht errettet, da sie wird verwettet.
Das wird individuell anders seinen Ausgang haben. Auch wenn der Petersdom wie das White House laut Drehbuch einzustürzen haben, es verbleiben die psychischen Kräfte der Höhen- und Höherentwicklung. Mag es materiell "drunter und drüber" gehen, es verbleiben die Energien, die unzerstörbar. Und die edelsten von ihnen sind auch die Uneigennützigsten. Daher wird Emmerich diese Welt nicht retten. Denn er steht sich selbst im Weg. Da ist schon eher dem Vatikan mit seiner "alma mater" und "regina coeli" zu glauben. Eine neue CD-Musik, welche mit moderner Klassik vermischt. Im Vatikan stehen die Tore offen für eine Weltvereinigung - ohne nennenswerten Kommerz. Gut, von irgendwas lebt auch der Vatikan. Aber für den Anfang ist es gut. Vielleicht verschenkt der Vatikan eines Tages alle seine Güter, bevor sie sich laut Emmerich in einem wüsten Aufbäumen der Natur zu Schutt und Asche verwandeln.
cc.
Was will man mehr - wir werden gerettet!
cc.
Den Stoff erhielt er vorab 1985 über seinen engsten Mitarbeiter in die Hand gedrückt - Nähe Bavariafilm.
Er hat eigentlich einiges daraus übernommen oder nicht - scheibchenweise?
Bavariafilm wollte den Stoff übernehmen: durfte nicht, angeblich hat die Bayer. Staatsregierung gemauert.
Damals war es geradezu obszön, gegen die Bösen in den USA ein Filmwerk zu inszenieren. Dass sich die Welt genau so nach diesem Stoff entwickelt hat - mit Ausnahme dessen, dass am Ende die Höhenentwickelten zur Erde kommen und zeigen, was Materialisation ist und Entmaterialisation, zu zeigen, wie eine Miteinanderwelt wirklich aussieht.
Die Lösung hat der Stoff gleich mitgeliefert. Bis heute ist daran nichts zu ändern.
Aber - diese angebliche hochentwickelte Zivilisation will ihn nicht. Sie will ihn nicht. Oder mauern da gewisse Kreise, die auf Kapitalismus und letztlich masochistische Selbstzerstörung stehen? Da möchte man glauben - nach all dem, was vorgefallen war, dass ein Dämon die Hand über den Planeten und ihn gefangen hält. Bis zur Selbstzerstörung.
Was 1986 undenkbar erschien, ist nun heute denkbar.
Aber die Autoren verdienen kein Geld.
So gehört es sich´s wohl in dieser Realität.
cc.
Hoffentlich wird auch diesmal gezeigt, wie in Chicago die Kohlenschaufel umfaellt und der Reissack in Shanghai. Gaehn.
Paging