Von Fritz Göttler

Steven Soderbergh liebt die Amateure und macht sich in "Der Informant!" über Profis aller Couleur lustig - in der Clique aus Business und FBI ist die aktuelle Krise voll präsent.

Der Mann hat wirklich Nerven. Mokiert sich über das deutsche Wort Kugelschreiber, vier Silben bräuchten die Deutschen für ein Ding, wozu die Amerikaner flott, dynamisch und effizient pen sagen.

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Kindskopf Matt Damon als untalentierter Mr. Whitacre in "The Informant". (© Foto: Warner)

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Effektiv will auch Mark Whitacre sein, einer der Topleute von Archer Daniels Midland (ADM), sein Vorbild ist immerhin Tom Cruise im Film "Die Firma"! ADM ist ganz groß im Lebensmittelgeschäft - damals, in den Neunzigern -, es geht um Maisprodukte aller Art, aber irgendwie auch um Lysin, einen jener chemischen Stoffe, die in Kleinstschrift die Packungen in den Supermärkten übersäen. Und es geht um Preisabsprachen mit der globalen Konkurrenz, den Japanern, und plötzlich steckt Mark mittendrin in einem Deal mit dem FBI. Er liefert Intiminformationen aus der Firma, lässt sich ein Aufnahmegerät an den Leib schnallen und so die Konferenzen aushorchen. Er ist kein Idealist, das merkt man schnell, aber immerhin ein Naiver.

Das Businessleben hat seinen Körper deformiert, klein und gedrungen, das Längste an ihm sind noch die Krawatten, und mit seinem abgeschlafften Bart und dem wuscheligen Toupet wirkt er etwa so authentisch wie Günter Wallraff in seinem Somalier-Outfit. Dreißig Pfund musste Matt Damon sich anfressen für die Rolle, der so flott und dynamisch war in der Ocean's- und in der Bourne-Trilogie. Und so talentiert als Mr. Ripley in der Neuverfilmung von Patricia Highsmiths Roman.

Auch Mark ist ein Trickser, ein Tüftler, ein Bastler. Soderbergh hat ein Faible für die Amateure, er liebt sie ihrer Unbedarftheit und Unbedingtheit, ihres Enthusiasmus und ihrer Überadaptiertheit wegen - selbst am querköpfigen Che hat er kürzlich diese Mischung entdeckt. Matt Damon ist ein Kindskopf, und die Welt ist ihm ein Experimentierkasten. Es ist kein Staatsbürgerbewusstsein, sondern der reine Spieltrieb, der ihn bewegt. Er ist vielleicht der Letzte, der das vom FBI präparierte Verhandlungszimmer betritt und erst mal staunend - und ohne Rücksicht auf etwaige Auffälligkeiten - die versteckte Kamera im Eck beäugt, mit einem "Guck mal, wir sind im Fernsehen"-Effekt. Die Musik von Marvin Hamlisch deutet die Richtung an, in die das alles führt, er hat seinerzeit für "The Sting", den legendären "Clou", die Musik gemacht.

Amerikanische Naivität, in Mark Whitacre schlägt sie um in Besessenheit und gewinnt eine subversive Kraft - bis am Ende die vermeintlichen Profis, von der Firma und vom FBI, wie die eigentlichen Naiven dastehen. In diesen Momenten triumphiert auch der Filmemacher Soderbergh, der sich mit halsbrecherischer Kurventechnik die Freiheit für seine Projekte bei den Produzenten ertricksen muss. Viele der Profis hat er in diesem Sinne mit Komikern besetzt.

In diesen Spielern ist die aktuelle Krise voll präsent, eine Clique von Akteuren, denen das Spiel Selbstzweck ist, ohne Rücksicht auf die Gesellschaft und die Menschen, für die sie gedacht ist. Mark bleibt ein Fremdling hier, am Ende, das steht fest, ist er doch eher fürs Verschnörkelte - er gehört zur Kugelschreiber-Fraktion. THE INFORMANT!, USA 2009 - Regie: Steven Soderbergh. Buch: Scott Burns. Nach dem Buch von Kurt Eichenwald. Kamera: Peter Andrews. Musik: Marvin Hamlisch. Mit: Matt Damon, Scott Bakula, Joel McHale. Warner, 108 Minuten.

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(SZ vom 5.11.2009/iko)