Im Kino: Das Schmuckstück Als der Kapitalismus hässlich wurde

Direktorposten einer Regenschirmfabrik geht an zauberhafte Gattin mittleren Alters: Catherine Deneuve mischt mit Gerard Depardieu die Provinz auf in François Ozons Film "Das Schmuckstück".

Von Susan Vahabzadeh

Der Balanceakt am Rande des Kitschs hat François Ozon schon immer fasziniert. In diesem Geist hat er seinen bislang größten Erfolg, die Komödie 8 Frauen (2002) gedreht und das Mélo Angel (2007) - das war ein Spiel mit den Genres, er jonglierte lustvoll mit ästhetischen Versatzstücken.

Skandal in der Provinz: Madame Pujol (Catherine Deneuve) hat sich mit dem Kommunisten Babin (Gérard Depardieu) an ihrem Gatten gerächt.

(Foto: Concorde Filmverleih/ddp)

Mit seinem neuen Film Potiche - Das Schmuckstück greift er auf vieles zurück, was 8 Frauen ausmachte: auf das Komödiantische, auf eine ähnliche Ästhetik, ein Jahrzehnt später, in den Siebzigern, und auf die unverhohlene Bewunderung für seine Hauptdarstellerin Catherine Deneuve als treibende Kraft. Aber das Spiel mit dem Kitsch ist ihm in Das Schmuckstück viel ernster als je zuvor; er ist sich vielleicht immer bewusst gewesen, dass die Wichtigkeit, camp zu sein, in der Homosexuellenbewegung der Sechziger und Siebziger ein politisches Element war, und diesmal ist es das auch bei Ozon.

Schon die erste Szene ist ein Glanzstück - Suzanne Pujol beim Frühsport an einem sonnigen Morgen in St. Gudule im Jahr 1977, roter Trainingsanzug vor grünem Laub, ein zartes Tüchlein um die aufgedrehten Haare gewunden, sie beginnt einen wundervollen Tag in ihrem wundervollen Kleinstadtleben, trippelt geziert über einen Waldweg, stößt entzückte Schreie aus angesichts der frohlockenden Fauna, erblickt ein Reh und ein Eichhörnchen und ein paar rammelnde Häschen, und schreibt geschwind ein paar Gedichtzeilen in ihr kleines Notizbuch.

Das ist keine zauberhafte Gattin mittleren Alters - es ist ein völlig überzogenes Zerrbild, das alle Vorurteile willig bestätigt, noch einen draufsetzt und - darum ging es seinerzeit ja irgendwie auch beim schwuchteligen Sixties-Geheimagenten The Man from C.A.M.P. - stolz darauf ist: Und wenn eine Frau ein solch wandelndes Klischee wäre wie die Gedichte liebende adrette Suzanne Pujol, was würde das schon heißen? Es heißt eben nichts.

Es geht in Das Schmuckstück um eine Frau, die kein Schmuckstück mehr sein will, von der sich herausstellt, dass sie so ungefähr alles besser im Griff hat als ihr herrischer Ehemann, sogar seine Geliebte, und die schließlich in die Politik zieht, um die Welt zu verändern.

Ein wundervoller Armleuchter

Madame Pujol hat die Kinder zum Essen eingeladen an diesem sonnigen Tag, den Sohn Laurent (Jérémie Renier), der in Paris studiert, und die unglücklich verheiratete Tochter Joëlle (Judith Godréche), die gerne mehr aus ihrem Leben gemacht hätte, die Moniseur Pujol aber nicht in seiner Firma einstellen will. Und Monsieur Pujol? Der ist ein wundervoller Armleuchter. Fabrice Luchhini scheint sich zu spezialisieren auf ältere Herren, denen noch nie der Gedanke gekommen ist, die Welt sei nicht geschaffen worden, ihnen Untertan zu sein.

Er leitet mit harter Hand die Regenschirmfabrik - die Regenschirme von Cherbourg, Jacques Demys wundervoller Film mit Deneuve lassen grüßen -, die dem Vater seiner Frau gehört hat. Die Arbeiter meutern, der örtliche Kommunist Babin (Gérard Depardieu) heizt die Stimmung an und Monsier Pujol hat einen Herzinfarkt. Weil, während er wehrlos darniederliegt, Suzanne die Einzige ist, die tut, was er sagt, muss sie die Leitung der Firma übernehmen. Dann macht sie sich auf, von Babin begleitet, die Arbeiter zu beruhigen - und macht sich erst einmal hübsch, weil das die Herren in der Fabrik doch verdient haben.

Komisch ist das erstens, weil Deneuve und Lucchini es komisch spielen; und zweitens hat Ozon, der hier wie bei 8 Frauen ein Boulevardstück adaptiert, es komisch geschrieben. Irgendwie muss man sofort losprusten, wenn Monsier Pujol seiner Gattin aufträgt, die Liaison seines Kronprinzen mit der Bäckerstochter zu sabotieren, die wohl nicht die Tochter des Bäckers ist. Man ahnt sofort, dass keine Inzestgefahr besteht - ein Blick auf Suzannes Gesicht, und es ist klar: Laurent ist, wie soll man sagen, kein echter Pujol. Am ähnlichsten sieht er Babin. Madame und der Kommunist - Skandal in der Provinz. Das war aber, motzt Pujol, noch vor der Geschichte mit der Bäckerin. "Ich habe mich eben", kontert Suzanne trocken, "vorher gerächt."

Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie François Ozon politisiert.

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