Die Kollegen halten Fred für einen Sexmaniac, als er zur wissenschaftlichen Kussforschung schreitet: "Das rote Zimmer" ist ein Film über die Träume der Männer und die Regeln der Frauen.
"Das Leben ist teuer heute", sagt das Mädchen gleich am Anfang, "auch die Liebe, verstehst du?" Der Mann - Fred, etwa Ende dreißig, lockiges Haar, ein Naturwissenschaftler - weiß, wovon sie spricht, er zündet ihr eine Zigarette an, gibt ihr die verlangten hundert Euro extra. Es geht ums Arrangement für den Abend, ob sie den Mantel ablegen soll beim Essen zu zweit am sorgfältig gedeckten Tisch. Ein bisschen sieht man ihm die Irritation schon an, er hatte Jacqueline erwartet, um mit ihr seinen Geburtstag zu feiern, aber die kann nicht, hat die Kollegin geschickt.
Kurz nach seinem Geburtstag wird Fred (Peter Knaack) von zwei Mädchen aus der Stadt in ein blaues Haus mit rotem Zimmer gelockt - zu Forschungszwecken. Filmszene aus Rudolf Thomes "Das rote Zimmer". (© Moana Film)
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Es geht um Liebe und Sex in den Filmen, die Rudolf Thome seit über vierzig Jahren macht, mit einer spielerischen Beharrlichkeit, einer unerhörten Leichtigkeit, bei der alles zusammenzuspielen scheint, die Menschen und die Natur, die Landschaft und der Wind, das Lächerliche und das Seriöse, Travestie und Traurigkeit. Kurz nach seinem Geburtstag wird Fred von zwei Mädchen aus der Stadt gelockt, zu Forschungszwecken, in ein blaues Haus. "Ich erforsche, was im Organismus des Menschen vor sich geht, da wissen wir viel zu wenig darüber", erklärt Fred - was durchaus auf ihn zutrifft, er ist eben geschieden und kommt doch nicht los von seiner Ex-Frau.
Philematologie heißt seine Wissenschaft, Kussforschung, und so steht es tatsächlich, wenn man das Suchwort eingibt, bei Google. Thome und sein Akteur Peter Knaack nehmen das ziemlich ernst, nur Freds Chef kann eine gewisse Skepsis in der Stimme nicht kaschieren: "Die Kollegen in Tokio machen sich schon lustig über Sie. Sie halten Sie für einen Sexmaniac." Er hat einen Großteil des Budgets seines Instituts dem Kussprojekt zugestanden, nun will er Resultate sehen, wissenschaftliche. Hanns Zischler spielt ihn mit freundlicher Süffisanz - er war als Akteur bei einigen der schönsten Lebens- und Liebesexperimente des Filmemachers Rudolf Thome dabei.
Die zwei Mädchen ihrerseits erforschen die Seelen der Männer, das fängt mit drögen Fragebögen an und führt in einem unnachsichtigen Ausleseprozess hinauf ins rote Zimmer. Der Forscher wechselt die Seiten, er packt seinen Koffer und wird selber zur Testperson. Im roten Zimmer - ein Rot, das anders als so oft in Literatur und Kino nicht mit Dekadenz und Verruchtheit gekoppelt ist - gruppiert man sich vor dem Fernseher, schüttelt die Kissen zurecht und schaut "Tagesschau", zunächst.
Die Liebe kommt dann schnell zu Wissenschaft und Romantik hinzu, in jeder Kombination, mit oder ohne Wissen des Dritten, auch unter seinen Augen. Es ist die Tradition der klassischen Liebesspiele, von der Schäferliteratur bis zu Goethes Romanen, die Thome in seinen Filmen am Leben hält - er hat "Stella" auf die Leinwand gebracht und "Die Wahlverwandtschaften". Die vorpommersche Landschaft liefert den arkadischen Dekor, die Akteure schaffen die phantastische Balance zwischen Naivität und Ritual. Zwei Burgschauspieler hat Thome sich ausgeguckt, Peter Knaack und Katharina Lorenz, als Luzie, eines der beiden Mädchen, und Seyneb Saleh, als die Dritte im Bunde, verstehen es großartig, ihre wahren Gefühle so zu verbergen, dass man nicht im Zweifel sein kann über sie.
Die Liebe macht nur Sinn zu dritt - was Tom Tykwer so heftig proklamierte für "Drei" und doch nicht wirklich hinkriegte auf der Leinwand, bei Thome wird es ganz evident. Sein Kino nimmt die Schimäre der idealistischen Liebe auseinander, Liebe bei ihm ist absurd und aufrichtig zugleich, von Impulsen und von Verträgen gleichermaßen dirigiert, von den Frauen dominiert, ihrer Überlegen- und ihre Überheblichkeit, und immer hart an der Grenze zur Prostitution.
Sie spielen ihre Unschuld, hat Frieda Grafe über die Bilder von Rudolf Thome geschrieben, das war 1979, bei "Beschreibung einer Insel", einem Film, den er gemeinsam mit Cynthia Beatt auf der Südseeinsel Ureparapara drehte. Die Unschuld, das meint auch die alte Frage von Dokument und Fiktion, das Brüderpaar Lumière und Méliès - man merkte jedenfalls in der "Insel" überhaupt keinen Unterschied zu dem, was Thome vorher gemacht hatte, in München und Berlin. "Das rote Zimmer" ist nun endgültig jenes Kino, von dem er seit "Rote Sonne" träumt, eine Hommage an Hawks und die amerikanische Komödie par excellence, "Man's Favorite Sport?". Es gibt hier tatsächlich eine Szene im Angelladen, und Katharina Lorenz und Seyneb Saleh lassen an Paula Prentiss und Maria Perschy denken. Thome träumt von jenem unwiederholbaren Augenblick der wahren Reflexion, als das amerikanische Kino sich aufzulösen begann und noch einmal seine verlorenen Illusionen durchspielte.
DAS ROTE ZIMMER, D 2010 - Regie, Buch: Rudolf Thome. Kamera: Ute Freund. Schnitt: Beatrice Babin. Mit: Peter Knaack, Katharina Lorenz, Seyneb Saleh, Max Wagner, Isabel Hindersin, Hanns Zischler. Moana, 101 Minuten.
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(SZ vom 13.01.2011/kelm/rus)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
"Frau Blöhmann, Sie lassen jetzt Ihre Tasche zu!" (Loriot, Eheberatung). Und dabei wollte sie doch der Psychotherapeutin nur ihren Spatzi zeigen - ein Foto vom Wellensittich, der der frustrierten Gattin doch jeden Morgen einen Kuß gibt. Man möge mir, lieber Rezensent, bitte meinen Unernst nachsehen; aber die wissenschaftliche Kußforschung ist seit Loriots Sketch - so fürchte ich - komödiantisch hoffnungslos diskreditiert. Nichts ist mehr "Roger", philematologisch gesehen, wenn der pendelnde Kußkopf "im freien Handel nicht erhältlich ist", nicht einmal gebraucht - was den allegorischen Wert von Luftmatratze und Blasebalg (Roger vs. Abigail) als erotikfördernden Utensilien beträchtlich übersteigt. Gesucht ist das willige "Partnermodell" - aber ach, beim Angeln wie beim Küssen geht es den Klemmis regelmäßig so: "Es ist zeitlich immer etwas ungünstig". Bei Hawks treibt der Bär sein harmloses Unwesen - bei Loriot fällt den Blöhmanns zum Triebtäter Rubens und seinen Leukippos-Töchtern nur ein: "Wir reiten nicht...". Genausowenig will Roger angeln - er hat genug damit zu tun, den Chef diskret auf die rutschende Perücke aufmerksam zu machen ("Biber, Biber!"). "Der Kuß als Ausdruck menschlich-ehelicher Beziehung ist zur Behebung einer chronischen Kontaktschwäche von großer Bedeutung". Und deshalb fällt mir beim "Roten Zimmer" prompt das Blöhmannsche "grünlich-blaue Rotbraun-Grau" ein - warum so indifferent? "Man sagt irgendeine Farbe, und schon wird man schuldig geschieden!" Frau Dr. K. ist mindestens so neurotisch wie Paula Prentiss: "Und nun üben Sie daheim weiter ... der leichte Kuß aus der Grundhaltung ... aneinander-miteinander ... täglich dreimal" - was die Frage aufwirft "Vor oder nach den Mahlzeiten?" Oder statt des Angelns??
das ist wirklich ein unerträglicher Kaas...