Im Kino: "Das Hausmädchen" Blut und Wein

Der Hausherr, Zentralsonne des Geldes und der Macht, gefällt sich im Schwängern: Der koreanische Thriller "Das Hausmädchen" ist ein kostbarer Mix aus Erotik, Blutbad und Sozialsatire.

Von Rainer Gansera

Die Rotweinflasche ist sein Markenzeichen, phallus- und dekadenzsymbolisch. Wenn Hoon (Lee Jung Jae), ein steinreicher Geschäftsmann, nach Hause kommt, tut er das mit weltmännisch überlegener Geste. Er entkorkt eine Rotweinflasche und genießt das erste Glas in der Manier des Connaisseurs. Er führt seine Kennerschaft vor und sieht dabei auch ein wenig lächerlich aus.

Sein Zuhause ist eine vor den Toren Seouls gelegene Villa, die ihren Luxus im XXL-Format ausstellt. Kalte, überdimensionierte Eleganz. Der Kamin nimmt die ganze Breite des Salons ein, der Kronleuchter in der Eingangshalle könnte einem Schloss Ludwigs XIV. entstammen, an der Wand hängt ein Matisse-Gemälde aus der "Jazz"-Serie, und Hoon setzt sich mit dem Glas an den prunkvollen Flügel, um eine Beethoven-Sonate anzuspielen.

Ihm zu Diensten: die Frauen. Eine püppchenhaft schöne, schwangere Ehefrau, die in Modejournalen blättert und unter der Fuchtel ihrer intriganten Mutter steht. Eine verbitterte alte Hausdame, die ihre Ressentiments nicht unter Verschluss halten kann. Eine süße vierjährige Tochter. Und seit neuestem ein attraktives, folgsames Hausmädchen: Eun-yi (Jeon Do Youn).

Der Hausherr, Zentralsonne des Geldes und der Macht, umschwirrt von unterwürfigen Frauen. Kein traditioneller, sondern ein neureicher Patriarchalismus. Es kann nicht lange dauern, bis Hoon in der Kammer des neuen Hausmädchens auftaucht: tief in der Nacht, halbnackt, eine Rotweinflasche in der Hand. Er legt den Finger auf den Mund, bietet ein Glas Wein und seinen Körper an. Das Kaminfeuer wird die Villa in Flammen setzen, der Kronleuchter wird als dramatischer Cliffhanger dienen, und das Rot des Weines wird sich in tiefstes Blutrot verwandeln.

Nicht nur im aufreizenden Hinblick auf die beiden atemberaubend schönen Aktricen, auch in seiner visuellen und narrativen Komposition zeigt sich "Das Hausmädchen" als toller Mix aus Coolness und Thrill, Eros und Gewalt.

Dem südkoreanischen Regisseur Im Sang Soo gelingt eine Atmosphäre, bei der in jedem Augenblick, noch in der kleinsten Geste, die Latenz sadomasochistischer Impulse unter einer Maske gefrorener Schönheit spürbar wird. Ähnlich flirrend und flackernd wie in Hitchcocks Kammerspielen oder in Buñuels mexikanischen Gesellschaftsdramen. Die Haut, die sich gerade noch mit Eros-Spannung aufgeladen hat, wird im nächsten Augenblick von einer Glasscherbe geritzt.

Von blütenweiß bis blutrot

"Das Hausmädchen" ist ein Remake des gleichnamigen Klassikers von Kim Ki Young aus dem Jahr 1960. Aber "Remake" ist hier das falsche Wort, denn Im Sang Soo hat von dem Middleclass-Drama, das mit dem Ehemann im Zentrum den Zusammenhalt der Familie verteidigt, nur die gröbsten Plotlinien beibehalten und das Hausmädchen als Zentralfigur installiert.

Tonfall und Erzählduktus entfalten eine ganz eigenwillige, raffiniert changierende Dynamik. So stürzt sich der Prolog mit der Handkamera ins großstädtische Getriebe, um - ganz nebenbei - den Selbstmord eines jungen Mädchens zu zeigen. Eun Yi, zufällig Zeugin des Geschehens, wird von Hoons Hausdame als Hausmädchen angeheuert, und mit ihrem Eintreffen in der Villa, fortan alleiniger Ort des Geschehens, ändert sich der Erzählstil. Mochte man zuerst ein quasidokumentarisches Sozialdrama erwarten, werden nun Thriller-Akkorde angeschlagen, und Im Sang Soo treibt es mit dem Wechsel der Tonlagen immer weiter:

Mal sieht "Das Hausmächen" wie eine Satire über die neuen Superreichen Südkoreas aus, mal wie ein Drama sozialer Abhängigkeit, dann wie eine feministische Fabel und schließlich wie ein Eros-Thriller. Ein herrlich virtuoses, nie vorhersehbares Vexierspiel.

Die Ehefrau leidet nicht nur als Betrugsopfer, im Komplott gegen das geschwängerte Hausmädchen, das ihre Machtposition bedroht, verwandelt sie sich zum hexenhaften Racheengel. Der Hausherr offenbart sich nicht nur als zynischer Tyrann, mit beinahe naiver Selbstverständlichkeit spielt er seine Macht aus. Auch die Heldin soll nicht nur als Opfer seiner Verführung erscheinen, sie lässt sich auf die Affäre ein, fühlt sich kostbar als begehrte Frau und zeigt sich in einigen Augenblicken sogar als Liebende.

Im Finale wendet Im Sang Soo das Spiel ins Phantasmagorische. Hier ist er Buñuel besonders nahe, wenn er das Geflecht von Erotik, Blutbad und Sozialsatire mit surrealistischen Konturen versieht. Im Kern geht es ihm um eine Apotheose der Reinheit des Hausmädchens. Wo alle sich dem Geld sklavisch unterwerfen, bleibt sie die einzige freie Person. Das Blutrot der verhängnisvollen Leidenschaft versickert im Blütenweiß ihrer Unschuld.

HANYO, Südkorea 2010 - Regie: Im Sang-soo. Buch: Im Sang Soo, Kim Ki Young. Kamera: Lee Hyung Deok. Mit: Jeon Do Yeon, Lee Jung Jae, Seo Woo, Ahn Seo Hyun. Alamode, 107 Minuten.

Nicht ohne meine Schmutzspur

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