Im Kino: "Collateral" Auf dem Rücksitz lauert der Tod

Eine Höllenfahrt im Taxi oder die Geschäftsreise eines Killers: Michael Mann inszeniert in seinem neuen Film Tom Cruise als eiskalten Engel.

Von Von Susan Vahabzadeh

L.A. stand immer im Schatten seiner selbst - zur Kulisse degradiert, wie sie Thom Andersen in dem Dokumentarfilm "Los Angeles Plays Itself" beschreibt, oder eine Glamour-Stadt, auf die Hügel von Hollywood und Beverly Hills reduziert, der Filmemacher liebste Wohnviertel. Etwas scheint eine stille Post ausgelöst zu haben unter den Filmemachern in Los Angeles: Geht raus und erkundet eure Stadt!

Im Kino: "Collateral"

Graumeliert und eiskalt: Tom Cruise im Thriller "Collateral".

(Foto: Foto: dpa)

So wird sie in diesem Kinoherbst gleich dreimal die Hauptrolle spielen, in "Criminal" und Wenders' "Land of Plenty", aber den Anfang macht Michael Mann mit "Collateral". Es ist die Geschichte einer bizarren, grausamen Nacht, eine Höllenfahrt im Taxi, die bei Einbruch der Dunkelheit beginnt, wenn die Stadt noch voller geschäftigem Leben ist.

Schön und bedrohlich zugleich

Im Verlauf des Films wird sie ruhiger, eine andere Klientel bevölkert die Straßen, die Bürotürme werden dunkel. Aber ganz schwarz wird der Himmel nie über den Millionen von Lichtern, Neonreklamen und Straßenlampen. Einmal, als der Morgen schon nah ist, läuft ein Coyote über die Straße und starrt mit leuchtenden Augen ins Taxi. In ihm spiegelt sich gleichermaßen die Stadt wie der Mann auf dem Rücksitz, der Profikiller Vince - schön und bedrohlich zugleich.

Michael Mann hat sich, erstmals seit "Heat", wieder dem Genrekino zugewandt, "Collateral" ist ein Thriller, und endlich - die Erfolglosigkeit von "The Insider" und "Ali" ist eines der großen Mysterien von Hollywood - hat Mann damit, in den USA zumindest, angemessenen Erfolg. Nun ist "Collateral" vielleicht nicht ganz so vollkommen, aber selbst in schwachen Momenten ist Mann immer noch einer der besten Hollywood-Regisseure.

Er hat "Collateral" gedreht in seinem eigenen Rhythmus, mit seinem Gespür dafür, an welcher Stelle man verharren muss, um die Umgebung, die Charaktere zu erkunden - er dreht manchmal sehr lange Szenen, die fast ein eigener kleiner Film sein könnten, und auf magische Weise finden diese kleinen Filme zu einem großen zusammen. Mit einer solchen Szene beginnt "Collateral", mit einer langen Fahrt durch die Stadt, der Taxifahrer Max (Jamie Foxx) fängt ein Gespräch an mit einer Staatsanwältin (Jada Pinkett Smith), die beiden bewegen sich am Rande des Flirts, aber sie legen nicht richtig los...

Der nächste Fahrgast ist der Killer Vincent (Tom Cruise), auf Geschäftsreise in Los Angeles - er soll die Zeugen in einem Drogenprozess umbringen, am Rande erfahren wir, dass er seine Methode schon mindestens einmal erprobt hat: Er setzt sich in ein Taxi, zwingt den Fahrer, ihn von Mord zu Mord zu kutschieren und will es am Ende nach einem Amoklauf des Fahrers aussehen lassen.

Richtige Einfälle im richtigen Moment

Es gibt also eine Art Rahmen in seiner Planung, aber innerhalb dessen ist er flexibel - seine Art der Perfektion ist es, mit der Situation zu spielen. Beim Jazz, erklärt Vince Max, als er ihn mit in einen Club nimmt, geht es nicht um die Noten, oder um das, was man erwartet - es geht nur um die Improvisation. Um die richtigen Einfälle im richtigen Moment.

Zwei sehr unterschiedliche Charaktere treffen in diesem Taxi aufeinander: Max ist ein Zauderer, ein lausiger Geschäftsmann, weil ihm der Mut fehlt, er träumt von einem Limousinen-Service und einer Insel, doch er belässt die Veränderung in seinen Träumen. Aber er ist ein guter Zuhörer, er kann Menschen dazu bringen, sich zu öffnen. Genau das hat Vince nicht gelernt - andere Menschen zu spüren. Max erweist sich als harter Gegner, plötzlich gleicht sich der Spielstand zwischen beiden aus, denn der Taxifahrer wird selbst immer besser darin schnell zu schalten, die nächste Bewegung von Vince zu berechnen und Haken zu schlagen.

Genau so hat Michael Mann den Film gemacht - er schlägt Haken, er berechnet unsere Erwartungen und liefert das Gegenteil, lässt seine Figuren von Jazz reden und unterlegt den Film mal mit einem sehr klassischen Sound, mal mit Technobeats, lässt Charaktere sterben, deren Tod gegen die Gesetze des Drehbuchschreibens verstößt, lässt die beiden Hauptfiguren sich einander nähern, wenn man glaubt, der Graben wäre längst zu tief.

Irgendwo im Nirgendwo

Mann ist selbst Perfektionist, von seinem Beruf besessen, und am liebsten erzählt er davon, wie Professionalismus und Perfektionismus auf die Probe gestellt werden. Mann als Regisseur und Tom Cruise als Killer, das ist ein ideales Team: Cruise wirkt immer sehr diszipliniert, fast ein bisschen asketisch schön wie eine Statue, und nichts nimmt man ihm so gern ab wie Kälte, emotionale Störungen. Das Töten ist für Vince ein Job wie jeder andere.

An einem Tag sind in Ruanda zehntausend Menschen gestorben, sagt er zu Max, hast du auch nur eine Träne vergossen für sie? Ich kannte niemanden in Ruanda, sagt Max. Die Antwort ist klar und eisig: Den Typen im Kofferraum kanntest du auch nicht. Warum, die Frage steht im Raum, sollte es eine Sorte Menschen geben, die man umbringen darf, und eine Sorte, bei der es verwerflich ist?

Vincent ist vor allem deswegen eine verstörende Figur, weil er das Selbstverständnis eines eiskalten Geschäftsmanns oder machtbesessenen Politikers hat, die Fähigkeit, sich mit Logik vor sich selbst zu rechtfertigen. Den einen oder anderen Kollateralschaden muss man in Kauf nehmen, denn wir sind nur winzige Teilchen des großen Ganzen, irgendwo im Nirgendwo. Genauso fühlt sich Los Angeles an bei Michael Mann - die Stadt ist zu groß, die Nachtclubs sind zu voll, die Wege zu weit...

Als Vince am Anfang ins Taxi steigt, erzählt er eine Geschichte darüber, warum er Los Angeles nicht besonders mag - von einem Mann, der in der U-Bahn starb und den niemand bemerkte bis zur Endstation. In manchen Augenblicken ist Vincent, der Killer, plötzlich ein bedauernswerter Kerl, ein Produkt der Einsamkeit, allein gelassen, unerreichbar und eingeschlossen in sich selbst.

COLLATERAL, USA 2004 - Regie: Michael Mann. Buch: Stuart Beatti. Kamera: Dion Beebe, Paul Cameron. Musik: James Newton Howard. Mit: Tom Cruise, Jamie Foxx, Jada Pinkett Smith, Bruce McGill. UIP, 115 Minuten.