Von SUSAN VAHABZADEH

Ein Märchen? Eine Hoffnung? Was macht ein Mann, der sich sein Leben und seine Vergangenheit immer nur schön phantasiert hat, im Moment seines Todes? Der Regisseur Tim Burton findet wunderbare Bilder, uns das zu erzählen.

Das Beste, was man im Leben erreichen kann, ist ein schöner Tod. Es ist schwer vorstellbar, dass man, am Ende, mit sich selbst und allen anderen und der Vergangenheit im Reinen wäre. Tim Burtons ¸¸Big Fish" erzählt von so einem Versuch, einem Mann, der immer die unglaubliche Fähigkeit hatte, sich mit seiner Vergangenheit auszusöhnen - und der dann, als sein Leben fast zuende ist, nur noch ein Problem hat: Er hat mit dieser Strategie seinen Sohn Will vertrieben, und der kann sich nicht mit seinem Vater und dessen erfundener Vergangenheit aussöhnen. Will hockt am Sterbebett des Vaters, aber er hat das Gefühl, diesen Mann neben sich nicht zu kennen.

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Das Verhältnis zu unseren Erinnerungen scheint derzeit das große Thema zu sein in Hollywood - in ¸¸50 First Dates" versucht sich Adam Sandler auf komisch-rührende Weise an einer versehrten Frau, die sich nie an den gestrigen Tag erinnern kann; und in ¸¸Vergiss mein nicht" lassen Jim Carrey und Kate Winslet die Erinnerungen an ihre gescheiterte Beziehung im Gedächtnis löschen.

Es geht also darum, wie man es schafft, mit Schmerz und Verlust und Enttäuschung zu leben. Bei Burton, der sich einen Roman von Daniel Wallace vornahm, hat der Held die einfachste Methode, sich selbst zu therapieren - kein Löschvorgang, sondern eine emotionale Nachbearbeitung.

Sein ganzes Leben war märchenhaft. Seine Geschichten erzählt er nicht nur uns, sondern auch sich selbst, weil er so das Leben besser verkraftet.

Also kannte er als Kind eine Hexe, als junger Mann siamesische Nachtclub-Sängerinnen-Zwillinge und einen Riesen und einen winzigen Zirkusdirektor, und er war nicht da, als sein Sohn geboren wurde, weil er kämpfte mit einem riesigen Fisch.

Burton hat eine Schwäche für Gruselfilme - und das Gruseligste ist sicher nicht die Hexe, wunderbar fies gespielt von Helena Bonham Carter, sondern ein Gefühl: Edwards Angst, sich seinem Sohn nicht verständlich machen zu können.

Tim Burton hat einen eigenen Stil entwickelt mit den Jahren, von ¸¸Batman" bis ¸¸Big Fish", aber dieser Film - der vielleicht sein bester ist - lebt mehr als die anderen von Emotionen und von seiner Besetzung: Jessica Lange als Edwards Frau ist rührend und zauberhaft.

Albert Finney spielt den komischen kranken Alten, Ewan McGregor ist der junge Edward in den wundervollen Rückblenden, die die tausendfach wiederholten Geschichten bebildern, mit denen der Alte seinen Sohn noch am Sterbebett in den Wahnsinn treibt - weil er das Gefühl hat, dass sich sein Vater hinter den Märchen immer verborgen hat.

Er hat unrecht. Der Mann, der dort zu entdecken ist, war liebevoll und hatte die Fähigkeit, in jedem Menschen etwas ganz Besonderes zu sehen. Will muss am Ende in einigen Punkten Abbitte leisten, aber vor allem hat er die ganze Zeit nicht kapiert, dass Edwards Emotionen immer die richtigen sind. ¸¸Big Fish"ist keine Ode an die Lüge, sondern an die Wahrhaftigkeit.

Es kommt einem so vor, als sei Tim Burton sich selbst begegnet in diesem Buch. Dem Mann, der ¸¸Beetlejuice", ¸¸Edward mit den Scherenhänden" und ¸¸Sleepy Hollow" gedreht hat, sich der Welt am liebsten über Fabelwesen und Gespenster und Superhelden nähert.

¸¸Big Fish" ist die Begründung für so ziemlich jeden Film, den er je gedreht hat, visuell meisterlich - Tim Burton kann das Reich seiner Phantasien präziser, einfallsreicher bebildern als alle anderen derzeit in Hollywood. Und doch hätte er die Geschichte ein wenig besser erzählen können - denn die Realität, die er Edward Blooms schönerer Version gegenüber stellt, scheint dann doch fade intakt.

In ein paar Einstellungen kann man sehen, wie arm der amerikanische Süden ist, den Edward in seinen Erinnerungen in Blumenwiesen bettet und mit Riesen und Hexen ausstattet - aber er selbst hat ein relativ reibungsloses Leben, der Quell seiner Phantasie bleibt die Langeweile. Ohne deren Qualen zu unterschätzen - kraftvoller wäre ¸¸Big Fish" gewesen mit einem Schuss harter Realität. Tim Burton hat vielleicht sich selbst gefunden in diesem Film - aber nicht die Welt, in der lebt. Dort ist es ihm, immer noch, zu gruselig.

BIG FISH, USA 2003 - Regie: Tim Burton. Buch: John August, nach dem Roman von Daniel Wallace. Kamera: Philippe Rousselot. Schnitt: Chris Lebenzon. Musik: Danny Elfman. Mit: Ewan McGregor, Albert Finney, Billy Crudup, Jessica Lange, Alison Lohman, Helena Bonham Carter, Danny De Vito.Columbia Tristar, 125 Minuten.

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(Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.83, Donnerstag, den 08. April 2004 , Seite 14)