Im Kino: Avatar Ausgeburt der Gier

So etwas hat es im Kino noch nie gegeben: James Cameron streift in "Avatar" alles, was die Welt bewegt. Kein Wunder, denn das wundervolle Filmkunstwerk war überirdisch teuer.

Von Susan Vahabzadeh

"Avatar", der Begriff stammt von den Hindus - die Inkarnation eines Gottes in einem sterblichen Körper ist damit gemeint. Man nennt so die virtuellen zweiten Ichs im Netz, also passt das Wort ganz gut zu dem außerirdischen Körper mit menschlichem Bewusstsein, um den herum James Cameron "Avatar" gesponnen hat, ein technisches Spektakel, das die Transformation des Kinos zur Computermalerei überhaupt erst möglich gemacht hat. Auf "Avatar - Aufbruch nach Pandora", Camerons erstem Spielfilm seit "Titanic", lasten ungeheure Erwartungen - und er ist in mehr als einer Hinsicht dann doch eine Überraschung.

Weil er, beispielsweise, mühelos alles auf den Kopf stellt, was er selbst ist: Es geht um die Verbindung zur Natur, obwohl hier doch fast alles aus dem Computer kommt; es geht um eine Science Fiction im nächsten Jahrhundert, die sich irgendwie als Hier und Jetzt erweist; und genaugenommen geißelt der Film das ewige Streben nach Profit, obwohl er dem doch selbst seine Existenz verdankt. Wenn Cameron und "Avatar" damit durchkommen, dann liegt das daran, dass das, was da entstanden ist, in all seiner Künstlichkeit eine Seele hat. Noch so ein Paradoxon.

Es ist tatsächlich Seelenwanderung, was Jake Sully (Sam Worthington) treibt mit diesem künstlichen, blauschimmernden Athletenleib, den er auf Pandora vorfindet, in einem ganz menschlichen Moment - als er in diesen neuen Körper entwichen ist, benimmt er sich wie ein Kind, ist nicht zu bändigen, läuft los, obwohl er sich kaum auf den Beinen halten kann. Als Mensch ist er gelähmt, ein Häufchen Elend im Rollstuhl. Mit der menschlichen Hülle streift er seine Tristesse und seine Bitterkeit ab.

Die Menschen sind auf der Flucht vor ihrer eigenen Zerstörung, Pandora soll die Hoffnung bergen. Es gibt dort einen Stoff, der die irdischen Energieprobleme lösen kann. Der Ex-Marine Sully landet eher zufällig bei dieser Mission - weil er zu dem Avatar passt, der aus den Genen seines verstorbenen Zwillingsbruders gemacht wurde: ein Soldat unter Wissenschaftlern also, der gleich beauftragt wird, die Leiterin der Expedition, Grace Augustin (Sigourney Weaver) zu bespitzeln. Es geht hier schließlich um immens viel Geld. Seine mangelnde Vorbereitung ist es, die Jake in die Not bringt, aus der ihn die bläuliche Amazone Neytiri (Zoe Saldana) rettet. Sie bildet Jake zum Jäger aus, zu einem der ihren. Was man dann zu sehen bekommt, wie man mit Jake den Dschungel von Pandora entdeckt - das ist wirklich spektakulär.

Ein schwebendes Gebirge, magisch bunte Hausflugdrachen, wundersam leuchtende Pflanzen, eine Fauna, für die Cameron seine Phantasie mit den Erfahrungen seiner Tiefseeexpeditionen gekreuzt zu haben scheint, und die Bewohner Pandoras, die Na'vi, die an die Pflanzen und Tieren um sie herum andocken können und sich so ihren Planeten nicht Untertan gemacht haben, sondern ihm liebe- und respektvoll verbunden sind. Was Cameron da eingefallen ist, ist wirklich prachtvoll, wundervoll anzuschauen - wenn auch der Umstand, dass es in 3-D anzuschauen ist, zu dieser Pracht nicht allzu viel beizutragen hat.

Trotzdem: Etwas wie "Avatar" hat es im Kino noch nicht gegeben, und der Film hat dabei auch etwas museales: So schnell wird es nichts vergleichbares auf der Leinwand zu sehen geben. "Avatar" war überirdisch teuer, Hollywood wird sich eine solche Investition nicht oft leisten, nicht einmal, wenn sie sich als rentabel erweist. Und das ist auch besser so - denn es geschieht nicht oft, dass ein Film so wie dieser auf verschiedenen Ebenen funktioniert, ein Buch, technische Meilensteine, echter Schauwert und das nötige Geld zusammenfinden.

"Avatar" ist, was das betrifft, ein würdiger Nachfolger für "Titanic". Science Fiction, Fantasy, darin verbirgt sich eigentlich der Wunsch nach Fremdheit - und spannend ist dann doch nur das Bekannte. James Cameron kann man, so scheint es, hinschicken, wo man will - in die Zukunft, ins Wasser, ins All: Er findet im Herzen überall die selben menschlichen Mechanismen wieder; und nur das macht seine intergalaktische Romanze zwischen Jake und Neytiri interessant.

So richtig fremde Welten, reiner Eskapismus

Theoretisch könnte man, wenn man schon ein neues Universum erschafft, ja alles neu ordnen - die irdische Einteilung in Männlein und Weiblein, beispielsweise. Das würde einem Romantiker wie Cameron aber nicht einfallen. Auf Pandora sind jedenfalls die Weibchen fürs Spirituelle zuständig und die Männchen fürs Draufhauen - fast wie bei uns. Cameron hat alle seltsamen Widersprüchlichkeiten mit ins All transportiert, eine Art systemimmanenten Machtkampf, ein erotisches Spiel der zärtlichen Zugeständnisse, das Neytiri und Jake miteinander spielen, als sei es die natürlichste Sache der Welt.

Und ein toughes Frauentriumvirat hat Cameron sich da ausgedacht - Neytiri; Grace, gespielt von Sigourney Weaver, all- und Cameron-erprobt seit "Aliens", und wie damals schon immer auf Kriegsfuß mit ihren Vorgesetzten; dazu noch Michelle Rodriguez als harter Armee-Knochen mit Herz und Verstand. Vielleicht erschafft Cameron solche Figuren aus Geschäftstüchtigkeit, umgarnt so nur das weibliche Publikum - aber dann ist er jedenfalls gut darin.

Überhaupt streift Cameron in "Avatar" alles, was die Welt gerade bewegt - die Angst vor dem ökologischen Gau, vor Kriegslüsternheit, vor der zerstörerischen Macht der skrupellosen Gier: Die Menschheit hat ihre Heimat heruntergewirtschaftet, auf also zur Eroberung neuer Kolonien. Die Na'vi erweisen sich als die besseren Menschen - weil sie im Einklang miteinander und mit allem um sie herum leben, weil sie nicht vergessen, dass Sterben traurig ist, wenn sie sich selbst verteidigen. Im letzten Drittel, wenn die Schlacht geschlagen wird um die Zukunft der Menschen oder der Na'vi, kommt einem "Avatar" vor wie eine Revolutionsparabel: Jake Sully besteht auf seinem Recht auf Widerstand. Verrat an seiner Rasse wirft man ihm vor, er empfindet das Gegenteil: Er hat den Verrat an seinen Werten verweigert - ein amerikanischer Held.

So richtig fremde Welten, reiner Eskapismus - der ist nie bewegend, rührend und mitreißend. Das sind nur die Geschichten, in denen wir unsere Sehnsüchte und Ängste wiederfinden. Es gibt eben nichts von Wert außer Liebe, Ehre, Hoffnung - nicht hier und nicht im All.

AVATAR, USA 2009 - Regie, Buch und Schnitt: James Cameron. Kamera: Mauro Fiore. Produktionsdesign: Rick Carter, Rob Stromberg. Musik: James Horner. Mit: Sam Worthington, Zoe Saldana, Sigourney Weaver, Giovanni Ribisi, Stephen Lang, Michelle Rodriguez. Fox, 162 Minuten.

Im Video: Regisseur James Cameron hat in Berlin für sein neues Sciene-Fiction-Spektakel "Avatar" geworben. Erste Szenen aus dem Filmkunstwerk.

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