Im Kino: "Ander" Bauer sucht Mann

Roberto Castón zeigt vor der Kulisse des nüchternen Landlebens im Baskenland das späte Coming-Out des 40-jährigen Ander: Ein Mann genauso wortkarg wie der Film.

Von S. Vahabzadeh

Es ist manchmal ganz schön, einfach nur zuzusehen, wie ein Film Räume durchstreift auf der Suche nach den Spuren der Zeit. Das spartanische Zimmer, in dem der baskische Bauer Ander jeden Morgen aufwacht, hat wohl, als in dem Bett noch ein Urahn schlief, schon genauso ausgesehen - bis auf den schrillen Digitalwecker auf dem Nachttisch.

Roberto Castóns Ander beginnt als nüchterne Alltagsbeschreibung eines Bauernlebens im Baskenland - Ander lebt auf einem ziemlich entlegenen Hof in einer ziemlich entvölkerten Gegend. Wer jung ist, tut hier sein bestes, um nach Bilbao abzuhauen. Seine Schwester wird bald heiraten, und dann wird Ander - unverheiratet, aber das ist der Nachbar auch - mit der alten Mutter allein zurückbleiben.

Ein vorsichtiger Flirt

Doch dann bricht er sich bei der Arbeit draußen ein Bein - ein echtes Drama, wenn man lebt wie er. Eine Hilfskraft muss her, irgendwer, der Ander, den Hof und das Viehzeug versorgen kann. So kommt José auf den Hof, ein junger peruanischer Immigrant, ein anmutiger Junge - und ein langmütiger noch dazu. Und jetzt erst beginnt die eigentliche Geschichte: Die beiden Männer nähern sich zaghaft an, und man muss anfangs schon sehr genau hinschauen, um darin einen vorsichtigen Flirt zu entdecken. Anders erzkonservative Mutter wäre José aber trotzdem gern wieder los.

Zeit, Entwicklung, Veränderung spielen eine andere Rolle in einer Welt, die so wenig mit Fortschritt zu tun hat wie dieser Bauernhof. Der Film spielt kurz vor der Jahrtausendwende, was man nicht merken würde - würde es nicht, des Digitalweckers wegen, irgendwann erwähnt. Ander hat sich verliebt - und kann das nicht zugeben, nicht einmal vor sich selbst, auch nicht, als schon klar ist, dass seine Liebe erwidert wird und ihm die Alibi-Besuche bei der lokalen Prostituierten endgültig verleidet sind.

Ein ruhiger, wortkarger Film, in langen Einstellungen erzählt - die Form greift den Charakter der Hauptfigur auf, die zähe Entwicklung, die er durchmacht. Bis er zu der Erkenntnis gelangt, dass es bereits genug unausweichliches Unglück auf der Welt gibt, man sich also nicht auch noch in vermeidbares Elend hineinreiten sollte. Ein richtiger Schwulenfilm ist Ander nicht. Da sind noch zwei andere traurige Lieben: die eine ist an den Restriktionen ihrer Zeit gescheitert, die andere an Einseitigkeit. Und überhaupt hat Roberto Castón eine Geschichte gefunden, die über Zeit und Umstände hinausgeht, eine ganz rührende Geschichte davon, wie da, wo eigentlich nichts mehr übrig war, eine neue Familie sich findet, eine magische Ménage à trois.

ANDER, Spanien 2009 - Buch, Regie: Roberto Castón. Kamera: Kike López. Mit: Josean Bengoetxea, Cristhian Esquivel, Mamen Rivera. Bildkraft, 124 Minuten.