Im Kino: Alles, was wir geben mussten Ich bin dein Herz

Drei junge Menschen wachsen in einer schäbigen Secondhandwelt auf, um einmal Kranken und Greisen ihre Organe zu spenden: Keira Knightley und Carey Mulligan im todtraurigen Klon-Märchen "Alles, was wir geben mussten".

Von Alexander Menden

Als Kazuo Ishiguros Roman "Alles, was wir geben mussten" 2005 in die Shortlist für den Booker-Preis aufgenommen wurde, lief auch Michael Bays Film "Die Insel" an. Darin entdecken zwei Menschen, dass sie Klone sind und als Organ-Ersatzteillager ihrer "Originale" gehalten werden.

Das Reh schläft nicht

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Einige britische Kritiken behaupteten damals, die Thematik sei in beiden Werken, Film und Buch, nahezu identisch. Wenn man nun die Ishiguro-Verfilmung des Amerikaners Mark Romanek mit "Die Insel" vergleicht, zeigt sich noch deutlicher als damals, dass über die Grundidee hinaus kaum Ähnlichkeiten bestehen. Bay deckt die Klonstory mit größtmöglicher Effekthascherei auf, seine Helden fliehen in zahlreichen Actionsequenzen in die Freiheit. In "Alles, was wir geben mussten" erfahren die geklonten Kinder schon früh in einem ebenso unspektakulären wie rührenden Moment die Wahrheit. Und jeder Gedanke an Flucht liegt ihnen fern.

"Alles, was wir geben mussten" beginnt in einer grauen britischen Parallelrealität des Jahres 1978, in der nach dem Zweiten Weltkrieg statt des nuklearen ein gentechnischer Entwicklungssprung stattgefunden hat. Die Menschen werden routinemäßig weit über hundert. Um ihre kollabierenden Organismen am Laufen zu halten, werden Menschen geklont, denen man, sobald sie erwachsen sind, nach und nach Organe entnimmt und in Kranke und Greise transplantiert. Die Klone - oder "Spender", wie sie durchgehend heißen -, wachsen in einer schäbigen Secondhandwelt auf:

Im Internat Hailsham blättert die Farbe von den Wänden. Die Schüler schlafen in Feldbetten und bekommen Sperrmüllspielzeug, das mürrische Männer in alten Pappkisten liefern. Die Kinder tragen raue Wolljacken, bekommen lieblos aufgehäuftes Gemüse zu essen und werden mit Horrorgeschichten daran gehindert, das Schulgelände zu verlassen. Hailsham wirkt wie der dystopische Gegenentwurf zu jener zauberhaften Boarding-School-Welt, die mit Harry Potters Hogwarts romantisiert wird. Noch bevor klar ist, welches Schicksal die Schüler in diesem subtil totalitären Mikrokosmos erwartet, wird überdeutlich, dass die Schule allzu großen Aufwand bei ihrer Aufzucht als Ressourcenverschwendung betrachtet.

In einer Szene, die in der Rückschau unheilvolles Gewicht gewinnt, tröstet eine Lehrerin den jungen Tommy, den die Mitschüler wegen seiner vermeintlich mangelnden zeichnerischen Fähigkeiten hänseln, es sei eigentlich völlig egal, was und wie er male. Es ist hier gleichgültig, was man tut oder lässt - das Ende, der "Abschluss" ist vorgezeichnet.

Vor diesem Hintergrund spielt sich eine Dreiecksgeschichte zwischen Tommy und seinen Mitschülerinnen Kathy und Ruth ab. Kathy ist verliebt in Tommy, der jedoch eine Beziehung mit Ruth beginnt. Diese setzt sich auch fort, nachdem die drei erwachsen und von Hailsham aufs Land gezogen sind, wo sie darauf warten, ihre Spenderkarriere zu beginnen. "Alles, was wir geben mussten" fragt, ob und wie man unter solchen Bedingungen ein Gefühl für die eigene Menschlichkeit entwickeln und erhalten kann.

Die Besetzung der Hauptrollen ist glamourös: Kathy wird von Carey Mulligan, Ruth von Keira Knightley gespielt. Tommy ist Andrew Garfield, dessen nächste große Rolle Spider-Man sein wird. Doch Mark Romanek ist ein Regisseur der Nuancen - in "One Hour Photo" entlockte er dem notorisch überdrehten Robin Williams die vielleicht subtilste darstellerische Leistung seiner Laufbahn. Auch diesmal fügen sich seine Protagonisten perfekt in die gedämpfte, ja erstickende Atmosphäre des Films.

Das Chaos unerfüllter Sehnsüchte

Knightleys Ruth verbirgt ihre tiefe Unsicherheit hinter aus Fernsehshows abgehörten Sprüchen. Garfields kindlicher Tommy hascht, wo er kann, nach neuen Erfahrungen. Es ist auf schmerzhafte Art bewegend, mit welcher Freude er, schon einiger Organe beraubt, bei einem Ausflug auf ein trockengelegtes Fischerboot klettert. Carey Mulligan schließlich beweist, welche Reife sie als Darstellerin bereits besitzt. Sie spielt mit minimalem Aufwand, wirkt über weite Strecken nahezu unbewegt. Es scheint, als habe Kathy ihr Schicksal am stärksten internalisiert. Umso enormer ist daher der Effekt, den sie mit einem Lächeln, einem Zittern der Unterlippe setzt. Da erhascht man einen flüchtigen Einblick in das Chaos unerfüllter Sehnsüchte, das in Kathy tobt.

Kazuo Ishiguro, der auch als Koproduzent des Films fungiert, hat darauf hingewiesen, dass es sich bei seiner Story keineswegs um reine Science-Fiction handele: Es gebe einen blühenden illegalen Handel mit Organen aus der Dritten Welt. Doch in den drohenden Transplantationen manifestiert sich vor allem jene Fremdbestimmtheit, unter der all seine Figuren seit "Was vom Tage übrig blieb" mehr oder weniger bewusst leiden.

Ishiguro kommt mit "Alles, was wir geben mussten" auf seine ureigensten Themen zurück: menschliche Unbehaustheit und ein sehr britisches Verständnis von Pflichterfüllung bis zur Selbstaufgabe. Alex Garlands wunderbar verschlankendes Drehbuch vermeidet, mehr noch als der Roman, Erklärungen und Fragen danach, wie es so weit kommen konnte. Man fügt sich ins System. In diesem System ist die stille Akzeptanz der unabwendbaren Vernichtung eine Selbstverständlichkeit.

NEVER LET ME GO, GB 2010 - Regie: Mark Romanek. Buch: Alex Garland. Nach dem Roman von Kazuo Ishiguro. Kamera: Adam Kimmel. Musik: Rachel POrtman. Mit Carey Mulligan, Keira Knightley, Andrew Garfield, Charlotte Rampling, Sally Hawkins. 20th Century Fox, 103 Minuten.

Schön durchsichtig

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