Von H.G. PFLAUM

Zwischen Misere und Melodram - Mike Leighs neuer Film "All or Nothing"

Von Anfang an dominiert Enge in diesem Film. Sie grenzt die Figuren ein und übt visuellen Druck auf sie aus. Ganz selten nur, wie zum Beispiel in der ersten Einstellung, evoziert diese Enge wenigstens auch eine Ahnung von Geborgenheit: Die Kamera blickt durch den Flur eines Pflegeheims, von den Bildrändern aus drücken die Wände nach innen und lassen nur einen begrenzten Blick zu in die Tiefe. Während sich im Hintergrund unendlich langsam eine Greisin bewegt, wischt eine dickliche junge Frau den Fußboden, der ohnehin bereits glänzt und spiegelt. Rachel erlebt diese geschlossenen Räume nicht als Bedrückung, sondern als Sicherheit; sie hat eine feste Arbeit und ist auch bereit ihr nachzugehen - was in ihrer Familie keine Selbstverständlichkeit ist.

Timothy Spall und Kathryn Hunter in Mike Leighs "All or Nothing." (© SZ v. 16.01.2003)

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Rachels nicht minder übergewichtiger Bruder Rory hängt Tag für Tag vorm Fernseher herum, denkt vorwiegend ans Essen, beschimpft seine Familie und verweigert kategorisch den Weg zum Arbeitsamt. Sein Vater Phil ergeht sich in melancholischen Betrachtungen der Welt, schläft mit Vorliebe in den Tag hinein und tritt seinen Job als Taxifahrer regelmäßig erst an, wenn es zu spät ist für lukrative Fuhren. Die Mutter sitzt an der Kasse eines Supermarkts und muss Phil hin und wieder Geld leihen, damit der seine Pauschale an den Fuhrunternehmer entrichten kann.

Den anderen Familien in der heruntergekommenen Wohnsiedlung am Rande von London geht es nicht besser. Phils Kollege und dessen Frau ertränken ihren Frust im Suff, die Tochter der beiden ist dabei, ein Flittchen zu werden. Die junge Donna erwartet ein Kind und wird deshalb von ihrem Freund verdroschen und abserviert.

An der Oberfläche ist "All or Nothing" ein trauriger Film über vergessene Träume und abgestorbene Gefühle. Das Leben, von dem Mike Leigh erzählt, hat die Menschen so klein und mutlos gemacht, dass sie nicht einmal mehr zur melodramatischen Geste fähig sind. Der britische Filmemacher ist zurückgekehrt zu den "Bleak Moments", den freudlosen Augenblicken seines ersten Films (1971). Vorbei sind die zuversichtlicheren Bewegungen von "High Hopes" (1988) und die emotionalen Ausbrüche von "Secrets and Lies" (1996).

In "Career Girls" (1997) hatte die Politik gerade noch als Anlass für eine kleine Lachnummer gedient. Unter Tony Blair ist die Widerspenstigkeit, zu der das britische Kino einst im Widerstand gegen die Werte der Maggie Thatcher gefunden hatte, der Resignation und manchmal auch der Larmoyanz gewichen. Jetzt, da sich die rebellische Fantasie nicht einmal mehr an einem verlässlichen Feindbild entzünden kann, bleibt - wie zum Beispiel auch in den Arbeiten von Hanif Kureishi - nur noch der Weg in die Enge des Privaten.

Würde Mike Leigh seinem Helden Phil nicht noch zwei zögerliche Ausbrüche aus dem trostlosen Alltag gestatten, so müsste sein Film enden, wie er begonnen hat - ohne Entwicklung, ohne Veränderung des Status quo könnte hier keine Geschichte entstehen. Phil, der sich zu Recht von seinen Fahrgästen immer mehr genervt fühlt, schaltet in seinem Taxi Sprechfunk und Mobiltelefon ab und fährt raus aus der Stadt, an ein einsames Stück Küste. Wer so entschlossen seine Verbindungen zur Außenwelt kappt, gibt Anlass zur Sorge. Wenn der Mann dann am Meer steht und auf die Weite des Wassers blickt, scheint er für Augenblicke einfach in der Tiefe verschwinden zu wollen. Für den großen Abgang des Melodrams indes ist dieser Film zu dicht an der Wirklichkeit.

Dem räumlichen Ausbruch folgt ein emotionaler: Phil wagt endlich das Gespräch mit seiner Frau und versucht, seine innere Not zu formulieren. Zu diesem Zeitpunkt liegt Sohn Rory auf der Intensivstation im Krankenhaus. Es bedarf der zusätzlichen Katastrophe, damit die Aussprache endlich beginnt.

Man mag Mike Leigh, der auch das Drehbuch zu "All or Nothing" geschrieben hat, vorwerfen, dass in seiner Geschichte ein bisschen viel Unglück zusammentreffen muss. Vielleicht jedoch macht gerade dies den Realismus seiner Geschichte aus: Das Leben folgt selten den Regeln des Kinos, nach denen sich die guten und die schlechten Zeiten in eine ausgewogene Dramaturgie fügen müssen. Am Ende hat sich nichts Grundlegendes geändert, und doch wird nichts weitergehen wie bisher. Allein dies gibt Anlass zur Hoffnung.

ALL OR NOTHING, GB/F 2002 - Regie und Buch: Mike Leigh. Kamera: Dick Pope. Schnitt: Lesley Walker. Musik: Andrew Dickson. Mit: Timothy Spall, Lesley Manville, Alison Garland, James Corden, Ruth Sheen, Marion Bailey, Paul Jesson, Sam Kelly, Kathryn Hunter, Sally Hawkins. Tobis Studiocanal, 128 Min.

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