Im Kino: A Single Man George beschließt zu sterben

Vor acht Monaten kam sein Freund ums Leben, mit der Präzision eines Zen-Meisters bereitet George nun seinen Selbstmord vor. Tom Fords A Single Man ist ein traumwandlerisch schöner, trauriger Film.

Von Rainer Gansera

Ohne Eile geht George Falconer in den Tod. Sorgsam schreibt er Abschiedsbriefe an seine Freunde, steckt Geldscheine für die Putzfrau in einen Briefumschlag, wählt den Anzug, in dem er beerdigt werden will, bestellt den Windsor-Knoten für die Krawatte. Nachdem er die Pistole, mit der am Ende des Tages aus dem Leben scheiden will, aus der Schublade geholt hat, macht er sich auf den Weg ins College, wo er - ein Engländer, der schon viele Jahre in Los Angeles lebt - Literatur unterrichtet. Ein Ritus des Abschieds, ausgeführt mit der Präzision eines Zen-Meisters.

Ein unfassbarer Schock

Als George (Colin Firth) in der Vorlesung über Aldous Huxley spricht, reißt seine Fassade aus britischer Coolness und Ironie für einen Augenblick auf - ein leidenschaftlicher Exkurs über die Angst bricht aus ihm hervor. Um solche Momente geht es in dem traumwandlerisch schönen, traurigen Film A Single Man - die eigenwillige Adaption des gleichnamigen, 1964 erschienenen Romans von Christopher Isherwood (deutsch Der Einzelgänger).

Der als Modedesigner berühmt gewordene Tom Ford erzählt in seinem Regiedebüt vom Zauber einer großen Liebe, vom Schmerz des Verlustes und vom Glück der Erinnerung. Sechzehn Jahre hat George Falconer mit Jim (Matthew Goode) zusammengelebt. Dann erhält er den Anruf, dass Jim bei einem Autounfall ums Leben kam. Unfassbarer Schock und sogleich die Kränkung: Jims Familie besteht darauf, dass die Anwesenheit seines Lebenspartners bei der Beerdigung nicht erwünscht ist - Anfang der sechziger Jahre ist Homosexualität noch sozial geächtet.

Acht Monate sind seither vergangen. Die Welt hat sich für George derart entfärbt und ins Nebelhafte entzogen, dass er sein Leben beenden will. Der Film begleitet ihn an dem Tag, der sein letzter werden soll: Es ist der 30.November 1962, kurz nach der Kubakrise. Bedrohliche Szenarien der atomaren Apokalypse rumoren im gesellschaftlichen Unterbewusstsein. Leitmotiv Angst: George greift es auf, um seine gelangweilten Studenten wachzurütteln: "Angst regiert unsere Welt.

Angst wird in unserer Gesellschaft als Mittel der Manipulation benutzt. Sie wird von der Politik geschürt. Die Angst, dass irgend so ein kleines Land in der Karibik, das nicht an unseren way of life glaubt, eine Bedrohung für uns darstellen könnte; die Angst, dass die Kultur der Schwarzen die Welt erobern wird; die Angst vor Elvis Presleys Hüftschwung - wahrscheinlich die einzige real begründete Angst!"

Freilich redet George hier auch von seinen ganz persönlichen, existentiellen Ängsten: als Homosexueller enttarnt zu werden, als Mittfünfziger nicht mehr attraktiv zu sein, den Kontakt zur Welt zu verlieren.

Ein Rätselbild aus Realität und Phantasma

Mit einem aus Angst und Sehnsucht gewobenen Traum setzt die schwebende Erzählung ein. Der nackte George unter Wasser. Metapher für Tod und Wiedergeburt. Dann, in einer Schneelandschaft, der Leichnam des Geliebten. George küsst ihn auf den Mund. In seinem Bett schreckt er aus dem Traum hoch, ein Tropfen Blut hängt an seiner Unterlippe. Die archetypische Szene des Kinos: das Aufwachen, das ambivalent bleibt, denn die Wirklichkeit, in die George nun entlassen wird, verwandelt sich in ein Rätselbild aus Realität und Phantasma. Wie die erste Begegnung mit Jim in einer rappelvollen, brodelnden Kneipe: Liebe auf den ersten Blick.

Ins Geisterhafte driften alle Begegnungen dieses Tages. Das Zusammensein mit dem Studenten Kenny (Nicholas Hoult), der Georges Nähe sucht und wie ein Schutzengel erscheint. Will er ihn verführen, oder ahnt er, dass er ihn vor dem Selbstmord bewahren muss? Unter dem riesigen Plakat von Janet Leighs erschrockenen Psycho-Augen das erotische Aug-in-Aug mit einem attraktiven Latino-Gigolo, getaucht in sanftes Rosa und Hellblau. Schließlich die darstellerisch fulminanteste Szene: ein Abendessen mit der Freundin und Nachbarin Charley (Julianne Moore), bei der George vergeblich nach Trost und Vertrautheit sucht. Schmerz gebiert eine abgründige Egozentrik, und Julianne Moore gelingt das bewegende Porträt einer in Selbstmitleid und Verzweiflung versinkenden Frau.

Viele Reminiszenzen an filmische Vorbilder ruft Tom Ford auf: das Melo-Pathos Almodóvars, die elegische Melancholie eines Wong Kar-Wei, die homoerotischen Riten bei Jean Genet. Die deutlichsten Zitate aber berufen sich auf Hitchcock, den Filmemacher der Angst. Ähnlich wie in Vertigo gibt es diesen erotischen Magnetismus, der Wirklichkeit und Imagination zum vibrierenden Vexierbild zusammenzwingt. Sinnliche Präsenz plus traumgleiches Schweben; das äußere und innere Auge verschwistern sich mit dem Tastsinn. Wenn die Hand über das Seidenhemd streicht, spürt man die Kühle. Die Flauschigkeit von Kennys Kaschmirpullover sagt mehr über seine Rolle als Verführer und Beschützer als jeder Dialogsatz.

Tom Fords Designer-Sensibilität steht ganz im Dienst der Charakterzeichnung. Er erspürt jede Seelenregung, lässt die Faszination der George-Figur aus Blick-Intensitäten hervorgehen - und schenkt Colin Firth die Glanzrolle seiner bisherigen Karriere. Hin- und hergerissen sucht George nach den Momenten, die sein Leben wieder mit prallen Farben ausfüllen könnten. Während wir uns daran gewöhnt haben, dass Männer-Frauen-Romanzen vorwiegend kabarettistisch abgehandelt werden, beschwört A Single Man aus der Erinnerung das intensivste und intimste Liebesglück. Es bleibt unwiederbringbar, aber: "Dass die Blütenpracht einer Rose verwelken muss, öffnet die Augen erst richtig für ihre Schönheit."

A SINGLE MAN, USA 2009 - Regie: Tom Ford. Buch: Ford, David Scearce. Kamera: Eduard Grau. Musik: Abel Korzeniowski. Mit Colin Firth, Julianne Moore, Matthew Goode. Senator, 101 Minuten.