SZ: Schauspieler, gerade die, die vom Theater kommen, sind berühmt für Ihren Aberglauben. Cate Blanchett hat als Glücksbringer ihre Elbenköniginnen-Ohren aus dem "Herrn der Ringe" auf dem Kaminsims stehen, Ralph Fiennes muss alles penibel ordentlich haben in seiner Garderobe. Haben Sie ein Ritual?

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Melles: Die Vorbereitung auf einen Abend im Theater zieht sich bei mir über den ganzen Tag. Ich bin immer schon frühzeitig in der Garderobe, ich schminke mich selbst. Und vor jedem Auftritt bekreuzige ich mich, denke an meine Mutter, an meine Familie und an immer denselben Leitsatz von George Tabori: "Theater kannst du nicht wie ein Märchen erzählen. Es gibt nicht: Es war einmal. Denn du kannst keine Vergangenheit spielen und keine Zukunft. Es heißt also immer: Es ist einmal."

SZ: Den Leitsatz kann allerdings nur ein Schauspieler verstehen, oder?

Melles: Da ist alles drin, das ist Theater! Du bist immer nur so gut wie an dem Abend, an dem du auf der Bühne stehst. Du hast kein Bild gemalt, das ein Jahrhundertwerk bleibt. Dein Instrument bist du selbst, deine Physiognomie, deine Stimme. Das kann man nicht zuklappen und wegstellen wie einen Laptop.

SZ: Haben Sie schon mal über ein Leben nachgedacht, in dem Sie nicht Schauspielerin sind?

Melles: Im Leben wie im Beruf ist die wichtigste Eigenschaft: Durchhaltevermögen. Man darf nie aussteigen. Ich sage jedem, der aufhören will: Ruf mich vorher an. Auch zu Regisseuren sage ich: nie umbesetzen! Wenn man A sagt, muss man auch B sagen. Es kann gar nicht so schlimm kommen. Man wird ja auch stärker, wenn man mal vor die Wand gefahren ist. So, wie man nach einer Krankheit immun wird.

SZ: Aber nach all der Zeit, in der Sie die Anweisungen von Regisseuren befolgt haben: Bekommen Sie nicht manchmal Lust, den anderen zu sagen, wo es langgeht?

Melles: Es kommt häufiger vor, dass Kollegen sagen: "Sunnyi, du führst schon wieder Regie." Ich nerve sie manchmal richtig damit: "Könntest du nicht dies machen, dann könnte ich nämlich so reagieren?" Das wirkt natürlich wie eine Regieanweisung.

SZ: Es ist ja auch eine.

Melles: Ich bin so lang im Beruf, da ist in mir tatsächlich ein Drang gewachsen, selbst etwas zu schaffen, zu erfinden. Während der Proben zu "Immanuel Kant" am Schauspielhaus in Zürich hat Matthias Hartmann mir zehn Cent gegeben, wenn ich mich besserwisserisch eingemischt habe. "Danke, Sunnyi", sagte er charmant, "aber jetzt führe ich wieder Regie." Doch vielleicht werde ich auch bald zehn Cent verteilen.

SZ: Aha. Wie meinen Sie das jetzt?

Melles: Ich werde jetzt tatsächlich meine erste Regie führen. Dieter Dorn hat mir die große Chance gegeben, in der Spielzeit 2010 "Die Kameliendame" von Alexandre Dumas im Cuvilliés-Theater zu inszenieren.

SZ: In einem klassischen Opern- und Musiktheater?

Melles: Ja, aber meine Inszenierung soll ja auch Musiktheater werden. Die Musik trägt das Stück.

SZ: Und werden Sie selbst auch eine Rolle darin übernehmen?

Melles: Ja, ich werde sogar die Titelrolle, die Kameliendame, spielen. Ich habe schon ein tolles Team zusammen: Laura Olivi, seit meiner Schulzeit Dramaturgin bei Dorn, wird mit mir zusammen eine neue Stückfassung schreiben. Und Max Keller, der mich in all meinen Stücken mit seinem Licht begleitet hat und für mich der beste Lichtdesigner aller Zeiten ist, wird auch mit dabei sein. Damit wird ein langgehegter Wunsch wahr. Und ich konnte ja nie drüber sprechen

SZ: Warum nicht?

Melles: Wünsche darf man nicht laut sagen, sonst gehen sie nicht in Erfüllung! Und jetzt ist es raus. Es gibt also kein Zurück mehr.

Sunnyi Melles ist Ungarin. Sie wurde als Tochter einer Schauspielerin und eines Dirigenten in Luxemburg geboren und zog von dort mit ihrer Familie in die Schweiz. Sie absolvierte die Otto-Falckenberg-Schauspielschule und gehörte lange zum Ensemble Dieter Dorns an den Münchner Kammerspielen; eine ihrer großen Rollen dort war das Gretchen im "Faust". 2003 folgte Melles Dorn ans Bayerische Staatsschauspiel. Sie drehte viele Filme, darunter "'38 - Heim ins Reich", der 1985 für den "Oscar" nominiert wurde. Sie erhielt zahlreiche Preise, wurde 2004 Schauspielerin des Jahres und mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet.

2007 erhielt sie als Bedeutendste Schauspielerin der Zeit die Satyr-Knöpfe. Derzeit ist sie in Yasmina Rezas Erfolgsstück "Der Gott des Gemetzels"am Münchner Residenztheater (16., 25., 30.6., 2. und 31.7.) zu sehen, und von September an am Wiener Burgtheater in Matthias Hartmanns Inszenierung von "Immanuel Kant". Im Herbst starten zwei Filme mit ihr: "Hildegard von Bingen" und "Unter Strom". Sunnyi Melles ist mit Peter Prinz zu Sayn-Wittgenstein verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder und lebt in München.

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(SZ vom 23.05.2009/bey)