Gut, dass er nicht Priester geworden ist: Paul Schrader über die Zweidimensionalität von Pornos und "Auto Focus".
(SZ v. 25.06.2003)
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Paul Schrader war an vorderster Front dabei, als in den Siebzigern die jungen Filmemacher Hollywood übernahmen. "Taxi Driver" für Scorsese war sein Drehbuch-Meisterstück, "American Gigolo" sein größter Erfolg als Regisseur. Nun dreht er ein prequel zu einem anderen Kultfilm damals, dem "Exorzisten".
SZ: Sie wären beinahe Priester geworden, haben sich dann aber im Kino doch auf menschliche Obsessionen spezialisiert. Könnten Sie sich eigentlich ein Leben ohne Sex vorstellen?
Schrader: Nein, das wäre ein verschenktes Leben .. . Ich identifiziere mich allerdings nicht besonders stark mit Bob Crane. Er hatte ein interessantes Leben, aber keins, das ich führen möchte. "Auto Focus" ist die Chronik der sexuellen Entwicklung eines Amerikaners zwischen 1965 und 1980. Bob Crane unterscheidet sich aber von meinen sonstigen Figuren, die davon träumten, ganz anders zu sein, aber zu ihren Lebenslüge standen. Crane dagegen führte sein Doppelleben zwischen Familie und sexuellen Eskapaden beinahe unbewusst. Er ist nicht so clever und komplex wie meine früheren Figuren. Die Frage war: Wie kann ich einen nicht nur oberflächlichen Film machen über einen oberflächlichen Menschen ?
SZ: Fasziniert er Sie als typisches Produkt amerikanischer Fernsehkultur?
Schrader: Im Film geht es um die Frage nach dem Image, der Berühmtheit und der Pornographie als Droge. Crane benutzt die Bilder seiner Sex-Abenteuer, um aus der Wirklichkeit zu fliehen. Die Pornographie macht unsere Erfahrungen zweidimensional, sie entschärft sie und erlaubt uns, schmerzlichen Erlebnissen aus den Weg zu gehen. Cranes Sohn hat uns erzählt, dass es ihm mehr Spaß machte, Sex-Bilder zu sammeln und seine Amateurpornos zu drehen, als mit den Frauen zu schlafen. Pornographie ist harmlos, objektiviert, entrealisiert.
SZ: Hätte der Saubermann Crane auch ohne die Freundschaft zum abgründigen Videoexperten John Carpenter seine Sexsucht so hemmungslos ausleben können ?
Schrader: Für mich war Carpenter kein Teufel. Wer wen nach unten gezogen hat, kann niemand sagen. Crane war ein Abhängiger, der nach einem Dealer suchte. Zufällig kam in dieser Zeit der Amateurporno auf. In dieser Verbindung aus sexueller Revolution und der aufkommenden Pornographie sind diese beiden Idioten völlig verloren gegangen.
SZ: In Ihrem Titel "Auto Focus" klingt auch "out of focus" an ... Bob Cranes Leben wird immer unschärfer.
Schrader: Auto Focus, so wie Auto-Erotik eben. Wenn man auf sich bezogen ist wie Bob Crane und sich nur um seine Rolle in der Gesellschaft sorgt, übersieht man seine Mitmenschen und hat keine Perspektive mehr. Als Bob Crane starb, gab es die Auto-Focus-Linse noch gar nicht. In "Auto Focus" wird das Medium Video zu einem Instrument der Abhängigkeit. Mit einer gewissen Naivität hat sich Crane beim Sex mit zahllosen Frauen gefilmt und die Bilder mit Szenen des Familienlebens zusammen geschnitten.
SZ: Als Kind durften Sie nicht ins Kino. Kann die Sucht nach Bildern gefährlich werden ?
Schrader: Ein Teenager hat heute Tausende von Filmstunden in seinem Kopf - er hat durch das Fernsehen mehr über das Leben gelernt als vom Leben selber. Wenn heute im Fernsehen ein Soldaten über seine Erfahrung im Irak befragt wird, dann antwortet er: Es war wie "Apocalypse Now". Unsere Gesellschaft bezieht ihre Gefühle immer mehr aus der visuellen Unterhaltung, die sie umgibt.
SZ: Denken Sie, Crane war homosexuell?
Schrader: Carpenter war bisexuell, aber Crane kam aus einer Generation, die sich von Schwulen fern hielt. Greg Kinnear war felsenfest davon überzeugt, Crane sei nicht schwul gewesen. Ich sagte: Schau dir diese beiden doch mal an! Zehn Jahre lang filmen sie sich gegenseitig beim Sex, sehen ihre Heimpornos gemeinsam und masturbieren dabei. Wenn sowas nicht homosexuell ist, Greg, was ist es dann?
SZ: Ihr Thema ist die männliche Identität Viele Ihrer Figuren scheinen gequält, voller Widersprüche...
Schrader: Meine Figuren sind alle gestört, ihnen fehlen wichtige Verbindungen. Die extremste meiner Figuren war Mishima, der drei oder vier verschiedene Leben gleichzeitig führte. Eine echte Schizophrenie.
SZ: Als Kritiker haben Sie den Kultfilm der Beatniks "Easy Rider" verrissen. Gibt es immer wieder revolutionäre Filme, die Hollywood verändern, aber eigentlich uninteressant sind?
Schrader: Nun, "Pulp Fiction" hat die Filmindustrie aufgerüttelt, aber ich bin nicht sicher, wie der Film in fünf oder zehn Jahren gesehen werden wird. Als ich ihn zum ersten Mal sah, war ich beeindruckt. Aber würde er sich halten? Besonders nach all diesen Imitaten. Wir leben in einer ironischen, post-existenzialistischen Ära. Es geht nur noch um Montage, Referenzen, Kontext. Es gibt auch positive Ausnahmen. Zum Beispiel mag ich Soderberghs "Solaris" mehr als das den von Tarkowskij.
SZ: Glauben Sie, dass Filme die gesamte Kultur verändern?
Schrader: Ja, es geht darum, wie mittlerweile die Filmgefühle zu unseren eigenen Gefühlen werden. Ich habe lange Jahre vorm Fernseher gesessen. Jetzt gar nicht mehr. Ins Kino gehe ich nur aus praktischen Gründen - um Schauspieler und Kameraleute zu entdecken. Da gehe ich dann in ein Multiplex-Kino und sehe gleich sechs Filme. Denn mir fällt es immer schwerer, die Filme bis zum Ende auszusitzen. Vor kurzem habe ich ein Gespräch zwischen Godard und Fritz Lang gesehen. Beide lebten in zwei völlig verschiedenen Welten, aber versuchen trotzdem, Verbindungen herzustellen. So ein toller Film wie "Die Verachtung" - (in dem Lang spielt - wäre heute nicht mehr möglich ist. Denn der Film hatte überhaupt keine kommerzielle Berechtigung. Das ist vorbei. Oder vielleicht auch nicht. Immerhin kann ein Regisseur wie Steven Soderbergh einen kommerziellen Film wie "Ocean's Eleven" dazu benutzen, um "Solaris " zu drehen.
(Interview: Marcus Rothe)
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