Geraldine Chaplin über die schwierige Suche einer berühmten Frau, Arbeit zu finden.
Mit Geraldine Chaplin hat das Filmfest einst begonnen, mit ihr als Gaststar verabschiedet sich nun sein Leiter Eberhard Hauff ... Fast fünfzig Jahre ist die Schauspielerin im Business, und immer noch beweist sie eine unermessliche Lust und Liebe dem Kino gegenüber.
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(© SZ v. 01.07.2003)
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SZ: Sie hatten als Kind Ballettunterricht, in London - war die Rolle als Tanzlehrerin in Pedro Almodóvars "Sprich mit ihr" eine Rückkehr in Ihre Jugend?
Geraldine Chaplin: Almodóvar wusste nichts davon .. . Und ich habe das Ballett gehasst! Ich habe mit zwanzig aufgehört, weil ich nicht gut genug war, und danach habe ich mir nie wieder ein Stück angesehen. Pina Bausch, die in "Sprich mit mir" mitmachte, war was anderes - das empfand ich nie als Ballett. Es war wie mit dem ersten Liebhaber, der einen verlassen hat. Aber mit Almodóvar wollte ich schon so lange arbeiten . ..
SZ: Sie kannten Almodóvar schon?
Chaplin: Wir waren Nachbarn in Madrid, haben im selben Laden unsere Zeitungen gekauft. Ich habe seine Arbeit von Anfang an verfolgt. Er hat mich mal um meine Nummer gebeten, und dann saß ich drei Monate vor dem Telefon ... Aber sein Büro rief immer nur an, um mich zu den Premieren einzuladen. Eines Tages sagt die Frau: Nun, diesmal gibt es keine Premiere. Wir würden Ihnen gern ein Drehbuch schicken ... Ich hoffe, dass er noch ein weiteres Mal mit mir dreht - ich habe gestern mit ihm telefoniert, er dreht gerade und sagt, ich fehle ihm am Set.
SZ: Almodóvar ist ja auch in den USA sehr erfolgreich. Kommen denn Angebote für Sie aus Hollywood?
Chaplin: Gar keine! An diesem Punkt meiner Karriere habe ich Probleme, überhaupt Arbeit zu finden. Ich hatte letztes Jahr Glück, ich konnte "City with no Limits" drehen und "Sprich mit ihr". Und dann mache ich "The Bridge of San Luis Rey", nach Thornton Wilder. Den hat eine Freundin, Mary McGuckian, jahrelang nicht finanziert bekommen - bis Tony Blair nach dem 11. September eine Stelle aus Wilders Roman für eine Rede verwendet hat, die er für die Opfer in New York hielt. Plötzlich war das Buch wieder im Gespräch. Sie wollte den Film nur drehen, wenn sie ihre Traumbesetzung bekam - und die hat sie: Robert DeNiro, Kathy Bates, Harvey Keitel, Gabriel Byrne, F. Murray Abraham ...
SZ: Ihre Regisseure in Amerika waren meistens Independents.
Chaplin: Ich würde schon gern mal in einem richtigen Blockbuster spielen, und danach wieder mit einem europäischen Autorenfilmer arbeiten - auch wenn ich mir dann vielleicht lieber einen Film von Robert Altman ansehen würde ...
SZ: Haben Sie noch Kontakt zu ihm?
Chaplin: Ich bin, ehrlich gesagt, ein wenig verletzt, dass er mich nicht mehr engagiert. Ich habe ihn in Cannes getroffen und ihn gefragt, warum - und er sagte: Du warst gerade nicht in den Staaten.
SZ: Sie haben vor ein paar Jahren Mutter Teresa gespielt ...
Chaplin: Ein amerikanischer Fernsehfilm, der sehr schön geworden ist, aber sich nicht für ihre düsteren Seiten interessiert - die hätte ich spannend gefunden. Wir drehten in Colombo, Sri Lanka - ihre , Heimatstadt' Kalkutta hatte inzwischen ein Lifting. Die Leute brachten ihre Kranken an den Set, dachten, ich wäre wirklich Mutter Teresa. Diese Vermengung von Wirklichkeit und Kino, das war irgendwie ganz unmoralisch.
SZ: Was waren denn die kreativsten Zusammenarbeiten?
Chaplin: Die mit Carlos Saura - er ließ mich sogar Dialoge für andere Schauspielerinnen schreiben, bei "La Madriguera" hat er mir sogar einen Credit als Co-Autorin gegeben. Und natürlich mit Altman. Beim Drehbeginn zu "Nashville" sagt er: Ihr habt alle eure Drehbücher - die schmeißt ihr jetzt weg. Ihr schreibt eure eigenen Dialoge und eure eigene Musik, und findet selbst heraus, wen ihr von den anderen mögt und wen nicht. Ich drehte viel allein, und er sagte: Schreib dir auf, was du machst, aber ganz ernsthaft. Versuche nicht, witzig zu sein. Und das Ergebnis war natürlich saukomisch.
SZ: Beängstigend, diese Freiheit! Wie war das mit den Regisseuren von der Nouvelle Vague, mit Resnais und Rivette?
Chaplin: Kennen Sie "Noroît"? Oh, den liebe ich - aber er ist verschwunden. Von dem Film hätte ich gerne eine Kopie, ich habe ihn nie wieder gesehen.
SZ: Würden Sie nicht gern wieder mit Rivette arbeiten?
Chaplin: In Rivettes Filmen gibt es fast nie alten Frauen. Ich habe ein Gesicht der Vergangenheit und ein Gesicht der Zukunft, und manchmal, wenn ich in den Spiegel sehe, merke ich, dass das Gesicht der Zukunft durchschimmert. Eine junge Schauspielerin hat mich unlängst um Rat gebeten, und ich habe gesagt: Wenn Sie genug Gespür haben, sterben Sie vor Ihrem 36. Geburtstag.
SZ: Das klingt jetzt, Ihrem Lachen zum Trotz, etwas bitter!
Chaplin: Das hat sie auch gesagt. Ich fand's komisch.
SZ: Man hat in Ihnen mehr die Saura-Düsternis gesehen, die Regisseure haben Ihr komisches Talent selten genutzt.
Chaplin: Leider. Altman hat meine komische Seite gesehen, und Almodóvar sieht sie. Ich war halt auch immer sehr schwer zuzuordnen: Für die Engländer klinge ich amerikanisch, aber für amerikanische Ohren spreche ich wie eine Britin. Auf amerikanische Regisseure wirke ich vielleicht wirklich sehr europäisch.
SZ: Das hat jemand wie Scorsese sicher nicht gestört, mit dem Sie "Age of Innocence" gedreht haben. Der arbeitet gern mit sehr unterschiedlichen Leuten.
Chaplin: Es gab eine Gruppe von englischen Schauspielern in diesem Film, die die New Yorker High Society des 19. Jahrhunderts spielten - und wir haben uns so schlecht behandelt gefühlt damals, eigentlich waren wir eifersüchtig, es war furchtbar. Scorsese tuschelte mit Michelle Pfeiffer und Winona Ryder, kümmerte sich um diese unglaubliche Ausstattung, die Tischdekorationen - und wir, Richard E. Grant und ich, wurden behandelt wie Statisten. Richard hat mir erzählt, dass er abends geheult hat. Wir haben uns drauf eingelassen, weil wir mal mit dem großen Scorsese arbeiten wollten. Da sagt man halt: Zur Not spiele ich auch einen Stuhl. Ich erzähle immer herum, mit wem ich gern arbeiten würde, damit die Leute davon hören, aber es funktioniert fast nie.
SZ: Wer wäre das denn?
Chaplin: Atom Egoyan! "Exotica" ist wundervoll, aber ich glaube, er hat seinen richtig großen Film noch vor sich. Und es wäre schön, wenn ich dabei wäre. Möge Gott mich hören!
SZ: Besser, Egoyan würde Sie hören.
Chaplin : Der weiß es schon.
(Interview: S.Vahabzadeh, F. Göttler)
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