Von Interview: Jörg Häntzschel

Dass sich das neue MoMA in New York in wirtschaftlich schlechten Zeiten ein Modernisierungsprojekt von 858 Millionen Dollar leisten konnte, ist vor allem dem Mobilisierungs-Genie Glenn Lowry zu danken. Denn der will vom Ende der Moderne nichts wissen - und sammelt und sammelt und sammelt.

SZ: Sie haben das alte Museum oft als eine Art Kunstlehrpfad bezeichnet -- ohne Abzweigungen und Kreuzungen. Was ist mit dem neuen Bau anders geworden?

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Lowry: Wir erzählen hier eine Geschichte mit offenerem Ende. Wir sind Historiker, unser Ziel besteht darin, die moderne Kunst zu verstehen und in eine sinnvolle Ordnung zu bringen. Alfred Barr, unser Gründungsdirektor stellte die Genealogie von Strömungen in der Kunst gerne in Diagrammen dar. Aber diese Diagramme lassen sich nicht in eine Abfolge von Galerien verwandeln. Die Architektur zwang den Besuchern bisher eine einzige Lesart der modernen Kunst auf, auch wenn wir selbst nicht daran glaubten. Meine Vorstellung des Museums ist die eines Labors, in dem bestimmte Argumente vertreten werden, doch das letzte Wort hat der Besucher. Die neuen Galerien haben verschiedene Eingänge und Ausgänge. Jeder kann seine eigenen Verbindungen herstellen. Auch zwischen den Disziplinen lassen sich Beziehungen herstellen, durch den Blick, den man von Gemälden und Plastiken hinüber zu Architektur und Design hat zum Beispiel.

SZ: Noch bevor Sie zu den berühmtesten Stücken in Ihrer Sammlung kommen, zu den Picassos und Van Goghs, werden die meisten Besucher im ersten Stock die zeitgenössische Kunst sehen. Welche Rolle spielt die stark ausgebaute Abteilung mit Kunst aus den letzten 30 Jahren für das Museum?

Lowry: Interessiert haben wir uns schon immer für die zeitgenössische Kunst, wir hatten nur nie genug Platz, diese Werke angemessen auszustellen. Jetzt können wir endlich zeigen, was wir in all den Jahren gesammelt haben. Für uns entwickelt sich die moderne Kunst ständig weiter, in einer Kontinuität, die vom späten 19. Jahrhundert bis heute reicht.

SZ: Das heißt: Zeitgenössische Kunst ist einfach die jüngste moderne Kunst?

Lowry: Genau. Wer einen Strich zieht und sagt, alles vor diesem Datum ist modern, alles danach zeitgenössisch, der hat in 20 Jahren ein Problem. So lange die Kunst der Gegenwart noch eine Beziehung hat zur modernen Kunst der Vergangenheit, ist sie wichtig für uns. Irgendwann kommt sicher der Moment, wo das, was an Kunst geschaffen wird, so ganz anders ist als der Rest unserer Sammlung, dass es keinen Sinn mehr hat, weiter anzukaufen. Dann werden wir den unvermeidbaren Schritt machen und eine traditionellere kunsthistorische Institution werden. Aber ich glaube, wir haben diesen Moment noch nicht erreicht. Bis dahin werden wir das Experiment einfach fortsetzen.

SZ: Was bedeutet der Begriff Postmoderne heute noch?

Lowry: Nicht viel. Die These vom Ende der Moderne, eine Idee, die ohnehin schwer geistig zu fassen war, hat sich ganz einfach als eine These von vielen zur Kultur der Moderne erwiesen. Ich glaube, der Begriff der Moderne ist elastisch genug, um auch die heutige künstlerische Praxis zu beschreiben.

SZ: Draußen auf der Straße stehen ein paar Leute und demonstrieren gegen den Eintrittspreis von 20 Dollar. Sie sagen, das MoMA bediene nur noch die Reichen.

Lowry: Jeden Freitagnachmittag ist der Eintritt für alle frei, Kinder bis 16 und New Yorker Studenten zahlen sowieso nichts. Ich frage mich, was diese Leute beim Shopping ausgeben oder wenn sie ins Kino oder in ein Konzert gehen. Die realen Kosten pro Besucher liegen bei etwa 45 Dollar. Das heißt, unsere Mäzene bestreiten mehr als 50 Prozent vom eigentlichen Eintrittspreis. Aber auch diese Gelder sind nicht unendlich, und wir sind schließlich eine private Institution -- ohne öffentliche Zuschüsse zu den laufenden Kosten. Ein Museum für moderne Kunst -- jedes Museum -- ist nun einmal eine sehr teure Angelegenheit.

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(SZ v. 17.11.2004)