Interview: Holger Liebs

Vom Anarchisten zum Kunststar: Daniel Richter ist einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartsmaler. Mit uns spricht er über den Großstadtdschungel und Kunst in utopielosen Zeiten.

Daniel Richter ist neben Neo Rauch der bedeutendste deutsche Künstler seiner Generation. Seine großformatigen Ölbilder stecken voller Verweise auf reale und historische Ereignisse, sie verwirren und schockieren. Richter interessiert die komplexe Wirklichkeit, Träume und Phantasien hingegen findet er langweilig. Der Maler lebt in Hamburg und arbeitet in Berlin. Seine Bilder erzielen inzwischen Preise im sechsstelligen Bereich. Eine Erfolgsgeschichte. Totzdem macht er sich Gedanken über das Scheitern.

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Zwei wie Pech und Plastik: Gemeinsam mit Jonathan Meese (li.) mischt Daniel Richter (re.) die Kunstszene auf. (© Foto: ddp)

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SZ: Im Großen Festspielhaus steht eine riesige gemalte Stadt auf der Bühne. Warum?

Daniel Richter: Ja, das ist so ein Mysterienspiel, nach einer rumänischen Sage, für das wir das Bühnenbild geschaffen haben. Die Cantata profana von Béla Bartók. Der Vater geht in den Wald, um seine Söhne, die sich in Hirsche verwandelt haben, heimzuholen: Kinder, eure Mutter weint sich die Augen aus. Die Söhne wollen aber Hirsche bleiben. Das ist eine Entscheidung gegen Kultur und Zivilisation, aus dem Drang heraus, eins zu sein mit der Natur.

SZ: Bei Ihnen ist aber kein Wald zu sehen.

Richter: Meine Idee war, dass man aus dem Wald eine Stadt macht, eine angemalte Fassade. Die moderne Welt. Das Prekariat, die Penner, die wollen ja die Stadt nicht verlassen. Die wollen nicht aufs gesunde Land, um Karotten zu ziehen, sondern lieber jeden Abend billigen Alkohol trinken und gescheitert sein in den Augen der Eltern, als nach Hause zurückzukehren. Also: Die Stadt als moderner Dschungel, in dem man sich verlieren kann.

SZ: Als Ort gescheiterter Hoffnungen.

Richter: Ja. Bartók ist ja selbst ein Gescheiterter. Er ist einerseits ein Feldforscher gewesen, hat mit dem Phonographen den Balkan bereist, Volkslieder gesammelt. Aber Bartók ist auch ein Moderner gewesen und insofern gescheitert: Er hat nur zwei, drei Aufführungen seiner Werke erlebt. Es war ein Elend! Und nach 1933 war dann Feierabend. Er ging ins Exil und war ein Leben lang unglücklich.

SZ: Der Begriff, über den wir reden können: Das Scheitern! Ein Thema für Sie?

Richter: Na klar. Ich bin natürlich ein Repräsentant weißer, männlicher, heterosexueller Erfolgsmalerei. Die kommt aber völlig inhaltsentleert in der Öffentlichkeit an. Das ist für mich interessant: Wo kippt das subkulturelle, avantgardistische Moment, das diese Malerei vielleicht einmal gehabt hat, um und wird überlagert von den Erfolgsmeldungen. Das Phänomen kennt man ja von Bands, es heißt: credibility verspielt! Das hat häufig nichts mit dem Werk zu tun, sondern mit dem Bedürfnis des Rezensenten, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Mit dem naiven Glauben, dass es im Kapitalismus immer noch eine Form von Widerstand gebe in Form eines guten Konsumismus. Was verständlich, aber totaler Quatsch ist.

SZ: Motto: "Mit der neuen Platte oder mit den neuen Bildern hat er sich verkauft."

Richter: Genau. Das ist so, als sei es etwas völlig anderes, eine CD von CocoRosie zu kaufen als eine von Robbie Williams. Nun finde ich CocoRosie wesentlich interessanter als Künstlerinnen und Musikerinnen. Aber was Amazon angeht, gibt es den Unterschied nicht.

SZ: Williams ist die interessantere Figur, oder? Er hat inzwischen was Elvishaftes.

Richter: Natürlich. Niemand entwickelt sich so logisch weiter in Richtung Depression. Der hat sich selbst so transparent gemacht. Man weiß alles über den. Stichwort credibility: Jeder könnte sich vorstellen, mit dem Typen eine Latte macchiato zu trinken. Der wär' wahrscheinlich nicht sehr anders als man selbst. Aber auch ein Manisch-Depressiver, Hochneurotischer, der unter seinem Erfolg, seinem Größenwahn, seiner Impotenz und seiner Drogensucht leidet. Der Ruhm verabscheut, aber so narzisstisch ist wie alle anderen, weil er gerne Bedeutung hätte, die er nicht mehr herstellen kann.

SZ: Ein tragisches Schicksal?

Richter: Viel größer und tragischer als CocoRosie, die so ein Nischen-Nerdie-Lesbentum verkörpern, das in anthroposophischen Kommunen stattfindet, die wahrscheinlich finanziell und sozial abgesichert sind. Dagegen Robbie Williams! Der strahlt ab in "Germany's Next Topmodel", aber auch in "Hancock", in die Red Hot Chili Peppers und in George Bush. Ja, Sie lachen! Das ist wirkliches Scheitern auf ganzer Linie. Das Ironische bei Robbie Williams ist, dass dieser aufgeklärte Konsumententyp, der alles hat, den Schampus, das Koks, die Frauen, dicke Autos, und der das alles selbstironisch genießt und lange Zeit verkörpert hat, dass das ein erstrebenswertes Modell sei -, dass der dann scheitert beim Ausleben dieses Modells und erkennt: Da ist ja gar nichts! Nur reine Depression!

SZ: Schützt die Selbstironie den Künstler nicht vor dem Absturz?

Richter: Eben nicht! Wir hatten lange Zeit das klassische Melancholie-Modell mit Saturn und Merkur, in dem die Melancholie Typen produziert, die dem des Künstlers artverwandt sind: das Grübeln, das Scheitern, das Dysfunktionale, das kreative Potentiale freisetzt. Heute wissen wir, dass Neurotransmitter, Serotonine oder genetische Defekte an diesem Typus mitarbeiten, an der Depression, der bipolaren Störung, und dass es einen Zusammenhang gibt zum Größenwahn und zu der Gier, sich zu beweisen. Aber obwohl man das vielleicht selbst begreift, muss man trotzdem Tavor oder Hexal nehmen. Das ist vor allem medizinisch zu behandeln und nicht nur voluntaristisch nach dem Motto, ich geh jetzt beten oder meditieren.

SZ: Sie sagen das so fröhlich. Dabei sehen Ihre Bilder apokalyptisch aus. Man könnte meinen, Sie stellen in Ihren Bildnissen eine Gesellschaft am Abgrund dar.

Richter: Ich denke, wir leben in einer utopielosen Zeit. Mich hat die Kritik am Bestehenden immer mehr interessiert als die Utopie. Das unentfremdete Leben von Karl Marx zum Beispiel: Ich habe davon gar keine Vorstellung. Ich habe aber eine von entfremdeter Arbeit, vom Bewusstsein, das durch das Primat der Ökonomie bestimmt wird. Das soziale Glück hat zu tun mit der Überwindung der Krankheit, mit dem Recht auf Sprache oder Konsum, mit dem Recht auf Intelligenz und der Abschaffung des Privatfernsehens. Ob der Geist jetzt gefickt oder gedemütigt werden will im Reich der Utopie, oder den ganzen Tag Zwölftonmusik hören will oder Luigi Nono, darüber weiß ich nichts. Für mich bekommt nur in repressiven Verhältnissen die Kunst auch eine Bedeutung.

SZ: Heißt: Würden wir im Reich der Utopie leben, würde die Kunst abgeschafft?

Richter: Neee. Würden wir im Reich der Utopie leben, wäre alles Kunst. Wir würden uns den ganzen Tag darüber streiten, welche Nono-Aufführung die beste ist. Und ob Xenakis jetzt interessanter ist als Modern Talking. Ein Leben ohne Kunst wäre völlig uninteressant. Was willst du denn dann machen? Den ganzen Tag lang kopulieren, essen und trinken? Das ist doch doof. Nein! Das Ziel wäre das Spiel, das präzise gedankliche Spiel, das Experiment zur Macht kommen zu lassen. Die permanente Entgrenzung des Menschen, ohne einen anderen verletzen oder ausbeuten zu müssen.

SZ: Dagegen kann niemand etwas haben.

Richter: Stimmt. Es gibt aber diese puristische Idee, dass Kunst überflüssig sei. Bei den russischen Revolutionären kam sie vor, aber auch bei den Protestanten gibt es sie - und vor allem gibt es sie bei allen linken Kunstspießern. Ekelhaft.

SZ: Was meinen Sie genau?

Richter: Die Sorte von Kritik, die sich auf den white cube und auf den Kunstmarkt einschießt. Die glaubt, dass durch Versprachlichung und symbolisches Handeln in der Kunst alles zu erfassen sei. Sie produziert Unfähigkeit, die Kunst zu begreifen. Wenn meine Terminologie nur anwendbar ist auf Performancekunst, dann ist sie uninteressant. Wenn sie sich mit Kunst beschäftigt, muss sie auch in der Lage sein, Giotto oder Veronese oder Paula Rego oder Peter Doig zu begreifen.

SZ: Oder Daniel Richter. Sie werden ja auch kritisiert. Zum Beispiel von Rainald Goetz in seinem Blog. Der hat Sie als "banalen, mitläuferischen, platitüdenhaften Typen" bezeichnet, der von seiner "öffentlich ausgebadeten Elternschaft offenbar auch geistig stark mitgenommen" sei.

Richter: Ach, Blogs sind doch auch gescheitert. Bei allen Argumenten, die für das Netz sprechen: Literatur ist doch immer noch das gebundene, auf Papier gedruckte Werk. Jeder weiß, dass Rainalds Versuch, die komplexe Wirklichkeit in all ihren Sprachebenen zu erfassen, die Eloge auf die Gegenwart, auf die Demokratie zu schreiben, bisher jedenfalls nicht gelungen ist. Aus mir so etwas wie die Angelina Jolie der Kunst zu machen finde ich jedenfalls schofel - wegen eines einzigen winzigen Fotos in einem Magazin. Kritik ist natürlich eine feine Sache!

SZ: Zum Beispiel, dass Sie in einer bestimmten Manier malen, oder dass die Bilder sich ähneln?

Richter: Die Gefahr liegt im Begriff Manier. Die Malerei ist eine redundante Tätigkeit - sie ist nicht originell, sie lebt davon, dass sie einem Künstler zuzuordnen ist. Durch eine Ausstellung von Francis Bacon zu gehen und zu sagen, mein Gott, immer verzerrte Körper, das ist aber echt eine Manier! Fünf Bilder lass' ich mir ja gefallen, aber 500? Diese Art der Kritik ist keine besonders brillante Leistung. Dennoch: So viele unterschiedliche Bildsprachen wie bei mir werden Sie bei wenigen anderen Gegenwartskünstlern finden. Man müsste mir eher vorwerfen: Der kann sich nicht entscheiden zwischen Sentimentalität und Präzision, zwischen der Verlockung im Manieristischen hier und der politischen Behauptung da. Von mir aus. Aber auch Mozart hatte eine Manier. Damit kannst du jeden Künstler treffen.

SZ: Trifft Sie die Kritik?

Richter: Künstler sind ja wahnsinnig sensibel. Wie Jonathan Meese. Obwohl der ja so kindisch erregt ist und quietscht und behauptet, morgen wär's vorbei, weil jemand im Göttinger Tageblatt geschrieben hat: "der Kunst-Clown". Jonathan, der die größte Pressemappe der Menschheitsgeschichte hat! Das ist auch bei Neo Rauch so. Doch kontroverse Künstler müssen Kontroversen aushalten. Wenn's um die Dehnung des Werkbegriffs geht, muss man sich nicht wundern, wenn es Leute gibt, die das scheußlich finden.

Auf Seite 2: Zündende Gedanken.

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