Im Interview: Chilly Gonzales Halt die Klappe und spiel Klavier

Chilly Gonzales ist ein Genie des elektronischen Indipops. Ein Gespräch über Entertainment - und warum man auf der Bühne lieber unauthentisch bleiben sollte.

Interview: J.-C. Rabe

Chilly Gonzales wird als Jason Beck am 20. März 1972 in Montreal, Kanada, geboren und beginnt mit drei Jahren, Klavier zu spielen. In den neunziger Jahren zieht er nach Berlin. Dort erfindet der Sänger, Pianist, Songwriter, Produzent und Entertainer die Figur "Chilly Gonzales", einen rappenden jüdischen Superbösewicht - und avanciert zum König des Berliner Untergrunds. Im Jahr 2000 erscheint das erste Gonzales-Album "Gonzales Über Alles", das seinen Ruf als Genie des elektronischen Indiepop begründet, 2004 veröffentlicht er "Solo Piano", ein rein instrumentales Klavieralbum. Seinen bislang größten kommerziellen Erfolg hat er 2007 als Produzent des dritten Albums "The Reminder" seiner alten Berliner Freundin, Feist, die ebenfalls aus Kanada stammt. Die Platte verkauft sich mehr als 600 000 Mal. Soeben ist sein siebtes Studioalbum erschienen: "Ivory Tower". Es ist der Soundtrack zum gleichnamigen Film, einer "existentialistischen Sportkomödie über Schach und Erfolg", die Gonzales im September und Oktober in ausgewählten Kinos in Europa, Amerika und Asien persönlich präsentiert. Lesen Sie hier Auszüge aus der SZ am Wochenende vom 24.9.2010.

"Ich kann auch die Typen nicht ausstehen, die zu mir sagen: Geh raus auf die Bühne, sei einfach du selbst und hab' Spaß! So ein Mist": Chilly Gonzales beim Festival Berlin 2010.

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SZ: Sie analysieren die Unterhaltungskunst und betreiben sie zugleich. Ist zu viel Theorie für einen Künstler nicht die Pest?

Chilly Gonzales: Hm, das ist das Halt-die-Klappe- und-spiel-Klavier-Argument. In einer besseren Welt, in der ich die Menschen direkter erreichen könnte, würde ich das vielleicht versuchen. So muss ich das Beste aus dem machen, was ich habe.

SZ: Geht es im Underground-Pop, nicht vor allem darum, authentisch zu sein, aus dem Bauch heraus zu spielen?

Gonzales: Am Anfang meiner Karriere, in Kanada, habe ich ein paar Jahre erfolglos versucht, so ein authentischer Musiker zu sein. Deshalb kann ich heute sagen: totaler Quatsch.

SZ: War es zu langweilig?

Gonzales: Nein. Das Problem ist, dass am Ende alle verlieren. Dabei sollten alle gewinnen. Man kann aber nicht alleine gewinnen. Das ist armselig. Es ist der Unterschied zwischen Masturbation und Liebe. Ich kann auch die Typen nicht ausstehen, die zu mir sagen: Geh raus auf die Bühne, sei einfach du selbst und hab' Spaß! So ein Mist. Mir macht es nur Spaß, wenn es zuerst dem Publikum Spaß macht. Sex mit einer Frau haben, die keinen Spaß daran hat - das wollen nur Idioten. Die meisten Musiker sind solche Idioten.

SZ: Sie lieben Rap. Gerade dort gibt es doch einige sehr selbstverliebte Stars.

Gonzales: Was ich am Hip-Hop schätze, ist seine ganze Anlage als kapitalistische Rachephantasie. Was ich an schwarzer Musik bewundere, ist die Fähigkeit, extrem repressive Dinge in etwas sehr Schönes verwandeln zu können. Also zum Beispiel aus der uncoolsten Religion der Welt, dem Christentum, Gospelmusik zu machen. Als Entertainment-Profi schätze ich an Hip-Hop und Rap allerdings noch etwas ganz anderes: Es ist ein System, das funktioniert. Die besten Rapper - Jay-Z, Kanye West, Rick Ross, Lil' Wayne, T.I. - sind auch die erfolgreichsten.

SZ: Sie halten mit immerhin 27 Stunden, 3 Minuten und 44 Sekunden sogar den offiziellen Guinness-Weltrekord für das längste Solo-Konzert. Aber in den Charts stehen Sie trotzdem nicht ganz oben.

Gonzales: Tja, aber ich beschwere mich nicht. Man muss es als Entertainer mit dem versuchen, was man hat, und dann abwarten, was passiert. Ich habe ein gutes musikalisches Gedächtnis.

SZ: Sie spielen das komplette Musical "Jesus Christ Superstar" aus dem Kopf, bei Ihrem Weltrekord waren es 300 Songs.

Gonzales: Zugegeben, es ist ein sehr merkwürdiges Talent. Es ist nicht das beste, das man sich denken kann. Aber es ist eins. Also nutze ich es.

SZ: Sie lesen bei Ihren Konzerten auch gerne aus schlechten Kritiken vor.

Gonzales: Der Mensch ist nicht daran gewöhnt, mit Menschen zu kommunizieren, die er nicht kennt. Auch ich nicht. Also überlege ich mir vorher, was die Zuschauer über mich denken könnten, und zeige ihnen dann, dass ich an all das noch vor ihnen gedacht habe. Ich versetze mich in die Rolle des Publikums und beobachte mich.

SZ: Muss man eigentlich intelligent sein, um ein guter Entertainer zu werden?

Gonzales: Wenigstens muss man eine sehr gute Menschenkenntnis haben. Man muss ein sehr gutes Gefühl dafür entwickeln, was andere über einen denken.

SZ: Wozu soll das gut sein?

Gonzales: Diese Fähigkeit ist das Geheimnis charismatischer Menschen. Sie sind extrem gut darin, dir sofort zu geben, was du haben möchtest. Denken Sie an Bill Clinton. Jeder sagt, man habe in dem Moment, da man Bill Clinton trifft, den Eindruck, es sei ihm wirklich wichtig, gerade jetzt mit einem ganz allein zu sprechen.

SZ: Sind Sie ihm schon einmal begegnet?

Gonzales: Ich selbst nicht, aber mein Bruder. Und selbst er erzählte hinterher, er habe plötzlich geglaubt, er sei allein mit Clinton im Zimmer.

SZ: Und dasselbe versuchen Sie auch zu erreichen?

Gonzales: Ja. Ich versuche, jedem einzelnen Zuschauer das Gefühl zu geben, er sei mit mir allein im Raum. Also gibt es von mir sehr echte, persönliche Geschichten, aber auch Berechnung, Übertreibung und Anstrengung. Die Leute müssen sehen, dass ich mich anstrenge.

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