Im Interview: Alan Rickman "Meine Stimme ist ein Problem"

Langer schwarzer Mantel, fettiges Haar: Ein Jahrzent lang spielte Alan Rickman die zwielichtigste Figur im Harry-Potter-Kosmos, Severus Snape. Öffentlich reden wollte er darüber nie. Zum Start der letzten Folge der Zauberlehrling-Saga bricht er sein Schweigen - ein bisschen.

Interview: Tanja Rest

London, Mandarin Oriental. Die PR-Leute kriegen sich gar nicht mehr ein, dass dieser Interviewtag tatsächlich stattfindet. Zehn Jahre "Harry Potter" und kein einziges Interview von ihm. Bis jetzt! Auf dem Weg zu seiner Suite geht man noch einmal die Themen durch, über die er nicht gerne spricht: politische Ansichten, sein Privatleben, seine alten Filme, seine Schurkenrollen, seine Rolle in "Harry Potter". Was bleibt? Dieses.

Befasste sich eine Zeit lang auch mit Shakespeare-Dramen: Alan Rickman, hier bei der Weltpremiere des letzten Teils der Potter-Saga am Donnerstag in London.

(Foto: Getty Images)

SZ: Mister Rickman, auf YouTube kann man sich anhören, wie Sie Shakespeares Sonett Nr. 130 lesen. Erinnern Sie sich an die Aufnahme?

Alan Rickman: Ich glaube, es ist auf einer CD. "My mistress' eyes are nothing like the sun..."

SZ: Bescheidener, als Sie es getan haben, kann ein Schauspieler diese Zeilen wahrscheinlich nicht sprechen.

Rickman: Hmmm. Danke. Ich erinnere mich an eine Produktion des "Sommernachtstraums" in Stratford, vor vielen Jahren. Regie führte Peter Brook. Nach einer Vorstellung sagte er zu uns: "Ihr müsst eines wissen: Ihr werdet niemals so gut sein wie der Autor." Das habe ich beherzigt. Es gilt ganz besonders für die Sonette. Sie sind wie Gefäße, die einen Gedanken bergen, und diesen Gedanken muss man im Kopf behalten. Man darf ein Shakespeare-Sonett nicht rezitieren. Man muss es sprechen. Was Sie auf YouTube gehört haben, war also nicht "Der großartige Alan Rickman liest Shakespeare". Sondern einfach - Shakespeare.

SZ: Der Kommentar einer Userin lautete, von Ihrer Stimme bekomme sie einen "Ohrgasmus".

Rickman: Nun weiß ich wieder, warum ich YouTube nicht nutze. Als ich auf der Schauspielschule war, sagte ein Lehrer, meine Stimme komme aus einem Abflussrohr. Dem unteren Ende.

SZ: Sind Sie sicher? Britische Wissenschaftler haben vor Jahren eine mathematische Formel entwickelt, um die perfekte Stimme zu beschreiben. Dem Ideal am nächsten kamen die Stimme von Jeremy Irons - und Ihre.

Rickman: Ich entsinne mich, davon gehört zu haben, begreife aber nicht, was das bedeuten soll. Meine Stimme war und bleibt ein Problem, besonders im Theater. Sie ist sehr leise und sitzt an einem schwierigen Platz, mitunter hört man sie nur sehr schlecht. Es gibt da wohl irgendeinen funktionalen Defekt. Was die Stimme angeht, bin ich beim Film eindeutig besser aufgehoben als im Theater.

SZ: Innerhalb von zehn Jahren sieht man Sie nun zum achten Mal in der Rolle des Zauberei-Lehrers Snape, der zwielichtigsten und interessantesten Figur im Harry-Potter-Kosmos. Sie haben sich stets geweigert, über Snape zu sprechen. Warum?

Rickman: Ich fand immer, er ist eines dieser Elemente in einer gewaltigen und komplizierten Geschichte, die nicht erklärt werden sollten. Es ist sehr wichtig für die Vorstellungskraft von Kindern, dass man ihnen da nicht hineinpfuscht. Darum habe ich den Mund gehalten. Und sogar jetzt möchte ich eigentlich nicht darüber reden, was mit Snape am Ende passiert. Es gibt ja immer noch ein paar Kinder, die sich die Ohren zuhalten und es auf keinen Fall wissen wollen.

SZ: Am Set sollen Sie der einzige gewesen sein, der Snapes Geheimnis von Anfang an kannte.

Rickman: Das ist nicht ganz richtig. Ich besaß ein kleines Stück Information, das Jo Rowling mir gegeben hat. Klein, aber entscheidend. Und glauben Sie mir: Es war nicht das Ende der Geschichte. Ich hatte sie lediglich darum gebeten, mir irgendetwas über Snape ins Ohr zu flüstern - damit ich wusste, welchen Weg er nehmen würde. Um es beim Spielen im Kopf zu behalten.